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Musik-Blog Nein Spotify, meine Spucke kriegst du nicht!

Der Streamingdienst Spotify hat eine neue Idee: Eine Playlist, die auf der DNA der UserInnen basiert. Aber abgesehen davon, dass das eine blöde Idee ist, funktioniert sie nicht und ist auch ein bisschen gefährlich.

Spotify sucht die Mucke deiner Spucke.
Legende: Spotify sucht die Mucke deiner Spucke. Keystone / SRF

Zusammen mit dem Gen-Analyse-Unternehmen Ancestry bietet Spotify vorerst den Usern in den USA die Möglichkeit an, ihre DNA zum Klingen zu bringen. Wie das? Man sendet eine Speichelprobe an Ancestry und kriegt dafür auf Spotify eine Playlist mit Songs, die zu unseren genetischen Wurzeln passen.

So weit so idiotisch. Hier fünf Gründe, wieso ich Spotify zwar mein Geld – nicht aber meinen Speichel gebe.

Gregi Sigrist

Gregi Sigrist

Musikjournalist für Pop/Rock von Schweizer Radio und Fernsehen

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Im Musik-Blog schaut er auf, unter und hinter aktuelle Musikthemen und ihre Nebengeräusche.

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#1: Die Sache mit den Daten

Die Vorstellung, wie viel von mir und über mich ganz verschiedene Firmen bereits wissen, finde ich nicht sehr berauschend. Wann ich wo was kaufe, anklicke oder mich dafür interessiere ist ebenso transparent, wie wann ich mir wo was anhöre. Es käme mir nicht im Traum in den Sinn, meinen digitalen Fussabdruck mit meiner DNA weiter auszubauen.

Natürlich ist mir bewusst, dass dies früher oder später sowieso passiert. Umso wichtiger ist es mir, mich an diesem Prozess so passiv wie möglich zu beteiligen. Selbst wenn mir Spotify für meine DNA-Probe viel Geld bezahlen würde, sähe ich davon ab, das Spiel mit der genbasierten Playlist mitzuspielen.

#2: Die Sache mit dem Geld

99 Dollar wollen Spotify und Ancestry für die Auswertung meiner Spucke. Hallo? Wieso um alles in der Welt soll ich dafür bezahlen, dass ich eine Datenbank mit meinen Informationen füttere? Ich bezahle liebend gerne mehr Geld für mein Spotify-Abo, sofern das MusikerInnen zugutekommt, deren Songs ich via Spotify konsumiere. Ich bezahle aber bestimmt kein Geld für die Anlieferung meines Erbguts.

Das wäre ja, als würde ich einer Firma Geld dafür bezahlen, um mich als Proband für eine wissenschaftliche Untersuchung zur Verfügung zu stellen.
Autor: Gregi Sigrist

#3: Der falsche Ansatz

Mit Smart-Home-Systemen, selbstfahrenden Autos oder automatischen Einkaufslisten probieren wir die Umwelt dazu zu bringen, sich uns anzupassen. So läuft es auch mit der Musik. Irgendwer kam auf die bescheuerte Idee, dass der Mensch im Zentrum steht und man die Welt um ihn herum logisch aufbauen und anpassen sollte.

Sag mir, wer du bist und ich sage dir, was du brauchst. Das ist dermassen falsch, dass mir schlecht wird. So überleben vielleicht Haustiere. Nicht, dass sie dadurch besonders glücklich würden. Aber sie überleben. Und natürlich überleben so auch Menschen. Ihre Seelen aber verkümmern dadurch kläglich und ihr Horizont wird beängstigend klein.

#4: Musik hören ist Reisen

Was interessiert mich an einer Playlist, die auf meiner genetischen Herkunft beruht? Nichts. Das wäre ja schlimmer, als wenn ein Hotelzimmer am anderen Ende der Welt nach dem Vorbild meiner Wohnung eingerichtet wäre. Hallo? Musik hören ist Reisen. Musik hören ist Entdecken.

Meine musikalische DNA entwickelt sich von Jahr zu Jahr. Sie hat nichts zu tun mit den Informationen, die man aus meiner Spucke lesen kann. Wie armselig wäre die Welt, wenn mir jemand aufgrund meiner genetischen Herkunft sagen könnte, welche Musik mein Leben bereichert?

#5: Schöne kleine Welt

Es gab von mir oft frequentierte Bars, in welchen meine Stange Bier gezapft wurde, sobald ich meinen Fuss über die Schwelle setzte. Was ich zu Beginn irgendwie cool fand, langweilte mich mit der Zeit. Ähnliches passiert in der digitalen Welt. Je mehr Suchmaschinen und Internetplattformen über uns wissen, desto kleiner wird unsere Welt.

Die Algorithmen helfen mir nicht in erster Linie, Lösungen für ein Problem zu finden. Viel eher bauen sie Mauern um eine extra für mich abgesteckte und definierte Welt. Und die Idee der genbasierten Playlist von Spotify und Ancestry ist nichts anderes als ein weiterer Schritt, unsere immer kleiner werdende Welt noch ein Stück kleiner zu machen.

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Oliver Amberg (Oliver Amberg)
    Absolut gleicher Meinung. Nur: die Radio-Stationen senden den ganzen Tag glutenfreien Einheitsbrei und gehen davon aus, dass es die Hörer so wollen. Auch SRF3 glänz musikalisch nur abends oder wenn die Hörer das Programm machen. Soviel zum Thema neue Musik entdecken. Tagsüber? Schlicht unmöglich.
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    1. Antwort von Peter Steiner (pcsteiner)
      Korrekt...da setzt sich der Gregi schon ziemlich in die Nesseln, wenn er von "Musik hören ist Reisen, Musik hören ist Entdecken" schreibt...;-)
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    2. Antwort von Gregi Sigrist
      Ich glaube wir müssen unterscheiden zwischen Musik-Konsum auf einer Streaming-Plattform, auf der eine ganz persönliche (für eine Person) musikalische Welt entsteht - und dem Musikprogramm eines Radiosenders, der zeitgleich mit derselben Musik ganz viele Menschen erreicht. Das eine hat mit dem anderen wenig zu tun. Mach den Versuch. Spiele deinen perfekten Musik-Mix dir selbst vor - du wirst ihn selbstverständlich lieben. Dann: Spiel ihn deinen besten Freunden vor - die werden ihn wahrscheinlich mögen. Dann: Spiel ihn den Freunden deiner Freunde vor: Die können evtl. auch noch etwas damit anfangen. Dann: Spiel ihn Leuten vor, mit welchen du noch nie am selben Tisch gesessen hast. Spätestens jetzt wird dein perfekter Mix nicht mehr für alle wirklich perfekt sein. Deine Entdeckungen werden nicht mehr für alle als Entdeckungen wahrgenommen werden und für gut befunden. Siehst du den Punkt? Trotzdem die Frage: Entdeckst du durch den Tag bei uns wirklich nichts? Gar nie? lg. Gregi
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