Es ist die Ära von Gitarrenwänden, Parkas, pubertärer Grossmäuligkeit und Cool Britannia, die Robbie Williams mit seinem 13. Album «Britpop» heraufbeschwört. Er selbst spielte in den 1990er-Jahren als jüngstes Mitglied der Boyband Take That quasi in der falschen Liga. Dabei hätte Williams damals mit seinen ausufernden Partyexzessen tatsächlich besser in die Lad Culture von Oasis und Co. gepasst als in die glattpolierte Boyband-Welt.
Mit «Britpop» habe er das Album aufgenommen, das er nach seinem Ausstieg 1995 bei Take That hätte aufnehmen wollen, lässt sich Williams in einer Pressemitteilung zitieren. Auch das Plattencover verweist auf die damalige Zeit: Es zeigt Williams 1995 mit ausgeschlagenem Zahn beim Glastonbury Festival, nachdem er ausgelassen mit den Gallagher-Brüdern von Oasis gefeiert hatte.
Nach unbekümmertem Leben auf der Überholspur klingt denn auch der erste Song des Albums, «Rocket», wofür sich Williams Gitarrengott Tony Iommi (Black Sabbath) ins Boot geholt hat.
«Rocket» klingt zwar mehr nach Hardrock als nach typischem Britpop, fängt aber klanglich und tempomässig das Lebensgefühl der damaligen Zeit perfekt ein.
Zuneigung und Wehmut
Williams singt mit Zuneigung, manchmal auch Wehmut über eine Zeit jugendlicher Unbekümmertheit. «We used to stay up all night / Thinking we were all spies / Praying that tomorrow won’t come» («Wir bleiben die ganze Nacht wach / dachten, dass wir Spione sind / beteten, dass morgen nicht kommen werde») heisst es in «Spies» – ein Song, der mit seinen Gitarrenwänden, zweistimmigen Chörli und dem melancholischen Refrain aus der Feder der Gebrüder Gallagher stammen könnte.
«Britpop» strotzt textlich und musikalisch vor Anspielungen und Referenzen an die 1990er-Jahre. So beamt sich Williams im Video zu «Such a Pretty Face» zurück in die Ära der beliebten Musiksendung «Top of the Pops».
Beim Glamrock-Stampfer «Cocky» hat Gaz Coombes von Supergrass mitgeschrieben. «Morrissey» ist dem kontroversen Musiker Steven Patrick Morrissey (The Smiths) gewidmet. Für die glitzernde und wobbernde Synthie-Pop-Nummer hat Williams mit seinem alten Take-That-Gefährten Gary Barlow zusammengespannt.
Würde man die olle Küchentischpsychologie bemühen, liesse sich festhalten, dass auf «Britpop» einer den guten alten Zeiten nachtrauert. Das ist musikalisch wenig attraktiv, weil alles in den 90ern schon mal gehört.
Mit Selbstironie gesegnet
Doch «Britpop» ist nicht einfach nur ein nostalgischer Abgesang, weil Robbie Williams durchaus mit Selbstironie gesegnet ist und den Blick eines 51-jährigen Mannes hat, dem bewusst ist, wie viel Pose und Blödsinn in all dem Gehabe der 90er-Jahre steckte.
«The only thing I'd miss is misbehaving» («Das einzige, was ich vermissen würde, ist, sich danebenzubenehmen»), singt er denn auch in «All my Life».
Es wirkt sympathisch, mit welch offensichtlicher Freude Williams auf «Britpop» dem Soundtrack seiner Jugend die Referenz erweist und sich dabei keinen Deut um aktuelle Trends schert.
Doch hätte er 1997 «Britpop» anstelle von «Life Thru a Lens» herausgegeben, wäre seine Karriere vielleicht nicht gleichermassen in die Gänge gekommen. Denn während auf «Life Thru a Lens» Songs für die Ewigkeit zu finden sind («Old Before I Die», «Let me Entertain You», «Angels») wird von «Britpop» nicht viel hängen bleiben.