«Ist das ein neuer Song?» Immer wieder sieht man fragende Gesichter im Publikum, nur um kurz danach zu einer der bekannten Melodien in gemeinsame Euphorie zu verfallen. The XX spielen mit ihrem musikalischen Katalog wie ein DJ bei einem Remix. Ob in Zeitlupe verzerrt oder zum Rave aufgeputscht – die Möglichkeiten, diese Songs zu gestalten, scheinen unendlich.
«Danke für eure Geduld»
Nur wenige Worte richten die drei an diesem Abend an das Zürcher Publikum. Trotzdem ist die Dankbarkeit und Freude ansteckend. Es ist für niemanden der Anwesenden selbstverständlich, dass Romy, Jamie XX und Oliver Sim wieder gemeinsam zu erleben sind. Die lange Schaffenspause wirkt wie ein Reifeprozess. Einerseits, weil die Songs immer präsent blieben und millionenfach gestreamt werden. Andererseits weil die Band zwar riesig, aber nie zu gross wurde. The XX verweigern das Podest, auf welches man sie immer wieder stellen wollte.
Der «XX»-Faktor
Noch als Teenager starteten Sängerin und Gitarristin Romy Madley Croft und Bassist und Sänger Oliver Sim The XX. Anfangs brachten sie die digitalen Schlagzeugspuren noch auf selbst gebrannten CDs mit zu den Gigs, bis ihr Mitschüler Jamie Smith alias Jamie XX die Live-Produktion übernahm. Die Freundschaft der drei geht zurück bis in die Primarschule.
Das Debütalbum «xx» (2009) war eine Offenbarung: minimalistische, handgemachte und bassverliebte Popmusik. Verträumt genug fürs Schlafzimmer, aber tanzbar genug für den Club. Sozusagen der «XX-Faktor» für Indie-Musik, wie man sie heute kennt. Das instrumentale «Intro» wurde zu einem der meistbenutzten Songs für TV-Produktionen, Hollywood-Filme und Youtube-Videos.
Mehr als die Summe der einzelne Teile
Das Debütalbum ist auch auch heute noch der Kern der Band: Auf der Bühne in Zürich ist die Hälfte der Songs von The XX aus der Anfangszeit. «Crystalised», «Islands» oder «VCR» werden schwelgerisch gefeiert. Das Intro «Intro» ist natürlich der Höhepunkt zum Abschluss.
Dass man die Band aber auf keinen Fall darauf reduzieren darf, zeigt sie eindrücklich. Alle drei Mitglieder haben in den vergangenen Jahre Soloprojekte verfolgt und dabei die musikalische Spannweite von The XX indirekt erweitert. Jamie XX ist international gefragter Produzent und DJ. Romy gehört zur neusten britischen Pop-Generation. Und Oliver Sim begeistert mit tiefgründigem Elektropop. Fast ein Drittel der aktuellen Setlist besteht aus Songs dieser «Nebenschauplätze». So avanciert die minimalistische Band zum vielschhichtigen Poperlebnis.
Das nächste Kapitel?
Die logische Folge wäre ein neues Album. Die Band hat bereits bestätigt, dass sie im Studio waren. Konkretere Informationen blieben bis heute aber aus. Auch das Publikum in Zürich musste sich mit ausschliesslich «alten» Songs zufrieden geben. Solange diese aber derart neu tönen, dürfen The XX wohl auch weiter auf etwas Geduld zählen.