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Psychologie des Essens Wieso wir leere Beizen meiden

Ein Restaurant ohne Gäste weckt Misstrauen. Das hat mit Urinstinkten und dem Herdentrieb zu tun. Eine Psychologin und ein Gastrokenner ordnen ein.

Hand in Hand schlendert ein Paar durch die Gassen einer italienischen Küstenstadt und sucht ein Restaurant für das Znacht. Die Essensangebote sind ähnlich. Welches ist also das richtige Restaurant? Bestimmt nicht jenes, das keine Gäste hat. Schlussendlich entscheidet sich das Paar für ein volles Restaurant und reiht sich in die lange Warteschlange ein.

Es wird ein uralter Schutzmechanismus aktiviert.
Autor: Sereina Venzin Psychologin und Psychotherapeutin

Solche Szenen spielen sich während der Sommerferien unzählige Male ab. Aber wieso entscheiden wir uns meist für das volle Restaurant und nicht für das leere Lokal?

«Der Hauptgrund ist die soziale Bewährtheit», sagt die Psychologin Sereina Venzin. «Wenn wir unsicher sind, orientieren wir uns am Verhalten unserer Mitmenschen.» In diesem Fall signalisiere ein volles Restaurant, dass man dort fein essen könne.

Leere Restaurants als Bedrohung

Auf der anderen Seite sind wir skeptisch, wenn in einem Restaurant keine Gäste sitzen. «Es wird ein uralter Schutzmechanismus aktiviert: die Amygdala», sagt Venzin. «Wenn etwas von der Norm abweicht, schlägt unsere innere Alarmanlage an.»

Die Amygdala ist ein Teil des Gehirns, der uns vor Gefahren warnt. Ein leeres Restaurant wird zwar nicht als echte Bedrohung wahrgenommen. Dennoch registriert unser Gehirn, dass etwas ungewöhnlich erscheint.

Menschen sitzen an Tischen in einem belebten Strassencafé.
Legende: Die ersten Gäste sind der wortwörtliche Türöffner. Ein volles Restaurant lockt zusätzliche Gäste an. Imago

Auch der Spotlight-Effekt kommt bei leeren Beizen zum Tragen. «Wenn man im Restaurant der einzige Gast ist, fühlt man sich wie auf dem Präsentierteller. Die gesamte Aufmerksamkeit des Personals ist auf uns gerichtet», erklärt Venzin. Entsprechend fürchten wir, dass unsere Gespräche belauscht werden könnten. Statt entspannt zu essen, fühlen wir uns unwohl.

Die Mehrheit der Gäste geht ins Restaurant wegen der Gesellschaft und der Atmosphäre.
Autor: Georg Twerenbold Gastroexperte

In den Ferien werden diese Phänomene noch verstärkt. «In einer fremden Stadt fehlen uns wichtige Informationen und wir sind unsicher», sagt Venzin. Wir kennen die Gastroszene und die lokalen Gepflogenheiten nicht.

«Hinzu kommt die Sorge, dass wir in eine Touristenfalle tappen. In einer vertrauten Umgebung können wir eher einschätzen, wieso ein Restaurant leer ist.»

Restaurant muss sich zu Beginn des Abends füllen

Auch in der Gastroszene kenne man die Problematik, sagt Gastroexperte Georg Twerenbold: «Ein leeres Restaurant ist schlecht für das Image. Die Mehrheit der Gäste geht ins Restaurant wegen der Gesellschaft und der Atmosphäre und nicht wegen der Nahrungsaufnahme.»

Älteres Paar betrachtet Speisekarte auf Tafel draussen.
Legende: Die Auswahl des Restaurants hat oft weniger mit dem Menü zu tun, als mit der Anzahl der Gäste. Getty Images

Gastronominnen und Gastronomen wollen ihr Restaurant zu Beginn eines Abends möglichst schnell füllen. Die ersten Gäste sind Türöffner für weitere Gäste. «Gerade neue Lokale versuchen, Gäste mit Events und Aktionen anzulocken», erzählt Twerenbold.

«Der erste Besuch in einem Restaurant ist besonders wichtig», sagt Twerenbold. Wenn man den Gast einmal ins Restaurant gelockt hat, kann ihn das Lokal mit seinem Essensangebot und seinem Ambiente überzeugen. Danach wird er im besten Fall zum Wiederholungstäter.

SRF 3, 22.7.2026, 6:20 Uhr; wilh

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