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Psychologie des Alltags «Small Talk ist alles andere als verwerflich»

Oberflächliche Plauderei? Ganz im Gegenteil. Small Talk hilft, sichtbar zu werden, erste Hürden zu überwinden und Kontakte zu knüpfen. Die Psychotherapeutin Pasqualina Perrig-Chiello gibt Tipps, wie der Einstieg ins Gespräch gelingt.

Pasqualina Perrig-Chiello

Entwicklungspsychologin und Psychotherapeutin

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Pasqualina Perrig‑Chiello ist emeritierte Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Bern, Psychotherapeutin und Autorin. Sie forscht zu Einsamkeit, sozialen Beziehungen und Wohlbefinden in schwierigen Lebensphasen.

SRF: Viele Menschen fühlen sich einsam. Was ist der erste Schritt, um wieder auf andere zuzugehen?

Pasqualina Perrig-Chiello: Das Wichtigste ist die innere Einstellung, die Bereitschaft. Man muss sich ehrlich eingestehen: «Ich habe ein Problem mit der Einsamkeit und ich möchte etwas dagegen tun.» Ist diese Entscheidung gefallen, ist die halbe Miete schon bezahlt. Man muss nicht sofort tiefgründige Gespräche führen. Ein erster Schritt kann sein, sich wieder unter Leute zu begeben, um ein Gefühl dafür zu bekommen. Ein Lächeln hier, ein freundlicher Blick da – das kann bereits enorm viel bewirken.

Wie kommt man von einem Lächeln ins Gespräch, ohne aufdringlich zu wirken?

Man muss Offenheit ausstrahlen. Wer freundlich ist, lädt zu einem Gespräch ein. Suchen Sie aktiv Blickkontakt und grüssen Sie bewusst – nicht nur im Vorbeigehen. Ein guter Eisbrecher ist ein ehrliches Kompliment, zum Beispiel für eine schöne Jacke.

Small Talk ist alles andere als verwerflich, er ist ein wichtiges Werkzeug.

Eine einfache Möglichkeit ist auch, Hilfe anzubieten, wenn jemand etwas fallen lässt. Deshalb kann es sinnvoll sein, bewusst Orte aufzusuchen, an denen sich solche Situationen ergeben: im Café, im Park oder beim Spaziergang mit dem Hund.

Welche Rolle spielt Small Talk im Kampf gegen Einsamkeit?

Eine zentrale Rolle. Es geht beim ersten Kontakt nicht darum, etwas Grossartiges zu besprechen. Es geht darum, beachtet und gesehen zu werden. Viele einsame Menschen fühlen sich unsichtbar. Ein kurzer Small Talk über das Wetter oder eine andere Banalität durchbricht dieses Gefühl. Man wird wahrgenommen und bringt sich selbst wieder ins Spiel. Small Talk ist also alles andere als verwerflich, er ist ein wichtiges Werkzeug.

Kann aus Small Talk auch eine tiefere Verbindung oder gar eine Freundschaft entstehen?

Ja, aber man darf die Erwartungen nicht zu hoch ansetzen und muss Geduld haben. Freundschaften entstehen selten durch einen einzigen, zufälligen Kontakt, sondern durch die Häufigkeit der Begegnungen. Suchen Sie deshalb bewusst Situationen, in denen Sie denselben Menschen immer wieder begegnen. Zum Beispiel in einem Verein, einem Kurs oder immer zur gleichen Zeit im Park.

Soziale Kontakte halten uns gesund, fördern das Wohlbefinden und sind mit einem gesunden Gedächtnis und einer längeren Lebenserwartung verbunden.

Bleiben Sie dran, auch wenn es vielleicht Enttäuschungen gibt. Mit der Zeit ergeben sich oft tiefere Verbindungen.

Was raten Sie allen Menschen – auch jenen, die sich nicht einsam fühlen?

Machen Sie sich bewusst, dass die Person, die Ihnen auf der Strasse begegnet, genauso einsam sein könnte wie jede andere. Gehen Sie aktiv aufeinander zu. Und denken Sie an die positiven Folgen: Soziale Kontakte halten uns gesund, fördern das Wohlbefinden und sind mit einem gesunden Gedächtnis und einer längeren Lebenserwartung verbunden. Das sollte für uns alle eine starke Motivation sein, das Handy wegzulegen und wieder mehr mit den Menschen um uns herum in Kontakt zu treten.

Das Gespräch führte Joël Gilgen.

Radio SRF Musikwelle, 30.04.2026, 13:20 Uhr ; 

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