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Bodymodification Tätowiert und gepierct = unprofessionell?

Heute geniessen Tattoos und Piercings nicht die Akzeptanz, die man erwarten könnte. Schliesslich sagen ein paar Motive auf und Schmuck in der Haut nicht viel über das Arbeits- oder Sozialverhalten eines Menschen aus. Anscheinend schon, hört man sich im Arbeitsalltag von Leuten mit Bodymods um.

Tätowierte Arme und Beine
Legende: Unsplash

Tattoos und Piercings gehören ins Jahr 2018 wie Neonfarben in die Achtziger. Doch am Arbeitsplatz sind sie in vielen Branchen noch immer ungern gesehen – obwohl es vielerorts heisst: Körperschmuck ist okay. Solange er unsichtbar ist.

Ergo, die bemalte oder durchstochene Haut ist eben doch nicht so akzeptiert, wie man denken könnte und noch immer ist in der Gesellschaft der Gedanke «Wer tätowiert oder gepierct ist, kann keinesfalls professionell sein» tief verankert. Glaubst du nicht? Dann führ dir mal folgende Beispiele aus dem Arbeitsalltag zu Gemüte:

«Von einem Tätowierten lasse ich mich nicht anfassen»

Weder am Hals noch an den Unterarmen war Basil tätowiert, als er vor ein paar Jahren in einem Unispital im OP gearbeitet hat. Lediglich seine Arme waren mit Farbe verziert und seine Ohrlöcher ausgedehnt. Also alles easy. Bis zu dem einen Moment, als er einen älteren Herren OP-ready machen wollte: «Schon sein erster Blick auf mich hat sich wertend angefühlt.» Er habe sich dem Mann vorgestellt und erklärt, was vor der Operation alles geschehen wird. Dessen Reaktion? «Von einem wie Ihnen lasse ich mich sicher nicht anfassen», während er auf Basils Arme und seine ausgeweiteten Ohren starrte.

«Irgendwie versteh ich's ja», erzählt Basil.«Man hat ein Gebrechen, braucht eine Vollnarkose und hat Angst.» Deshalb versuchte er auch, das Ganze nicht so ernst zu nehmen und liess den Patienten von jemand anderem betreuen.

Glücklicherweise standen wenigstens seine Mitarbeiter hinter ihm: «Ein Anästhesiearzt kam zu mir und redete mir positiv zu.» Auch sonst habe er mit Angestellten des Spitals nie Ausgrenzung erlebt. «Aber bei Patienten gab's das immer wieder.»

«Mein Chef fand nur meine Tattoos doof»

«Andere in meinem Lehrbetrieb waren sichtbar tätowiert und durften T-Shirts tragen», erzählt Olivia, die ihre Ausbildung in einem Warenhaus machte. Ihr selbst sagte ihr Chef aber, ihre Tattoos an den Schienbeinen dürfe man nicht sehen. Warum? Weil er's scheisse fand. So trug sie – auch im Hochsommer – immer dicke, blickdichte Strumpfhosen. «Und wenn ich mal etwas Leichteres anzog, wurde ich in die Strumpfabteilung geschickt, wo ich mir wieder etwas Blickdichtes holten musste. Jedes Mal.» Für Olivia ist das bis heute unverständlich, aber als Auszubildende war sie nicht in der Position, sich gegen ihren Chef aufzulehnen.

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«Deine Plugs hört man am Telefon»

In seiner Ausbildung hatte Sven zwar Kundenkontakt, jedoch lediglich am Telefon. Bei einer Evaluation seines Betriebes wurden aber trotzdem plötzlich seine Plugs (gedehnte Ohrlöcher) zu einem Problem: «Mir hat man angekreidet, dass meine metallenen Dehnstäbe in den Ohren zu auffällig seien. Für Kunden. Am Telefon.»

Sinn hat diese Kritik für Sven nicht ergeben, denn wie gesagt, mit Kunden war er lediglich übers Telefon in Kontakt. «Man hat mir dann gesagt, man höre meine Plugs, wenn ich das Telefon abhebe», erklärt er. Dies war wohl reine Schikane vom Verantwortlichen, denn: «Wir haben mit Headsets telefoniert, da gab's nichts abzuheben.»

«Schau mal an, wie du aussiehst»

Als Shanna ihre Lehre begann, hat ihr niemand verboten, Tattoos oder Piercings zu haben. Ergab auch Sinn, denn ihre Mitarbeiterinnen hatten selbst ein spezielles Erscheinungsbild gehabt: «Die eine hatte feuerrote Haare und Panda-geschminkte Augen, die Ohren der anderen waren komplett vollgepierct.»

Von einem Tag auf den anderen hiess es bei Shanna dann aber: Piercings raus. «Meine Dermals (in der Haut verankerte Piercings) musste ich abkleben, die anderen habe ich alle herausnehmen müssen», erzählt sie. Dann kam dazu, dass Shanna ihre Tattoos plötzlich nicht mehr zeigen durfte. «'Unsere Kunden fühlen sich gestört davon', haben sie mir gesagt und fingen dann auch noch an, Dinge wie 'Schau mal an wie du aussiehst' oder 'Alle starren dich an' zu mir zu sagen.»

Für Shanna unverständlich. Schliesslich sei sie tätowiert und gepierct eingestellt worden und viele der Kunden des Geschäfts wie auch ihre Mitarbeiterinnen hätten selbst Körperschmuck getragen. Irgendwann wurden der damaligen Lehrtochter die abfälligen Bemerkungen über ihr Aussehen zu viel: «Das war der Grund, warum ich meine Lehre abgebrochen habe.»

Glücklicherweise gibt's auch schöne Geschichten aus dem Arbeitsalltag, die mit Piercings und Tattoos zusammenhängen. Zum Beispiel die von Beni: «Ein Patient fragte mich plötzlich, ob ich Vögel beobachte», erzählt er. Zuerst sei er etwas stutzig und beunruhigt geworden, da er dachte, der Mann sei plötzlich verwirrt. «Der Patient meinte dann: 'Auf Ihrem Arm, der Vogel!'», erzählt Beni. Der Mann habe ihn so schön gefunden und es habe ihn gleich an eines seiner Hobbys erinnert: «Er hat mir erzählt, dass er selbst Vögel beobachte.»

1 Kommentar

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  • Kommentar von Alfons Bauer (frustriert)
    "Tattoos und Piercings gehören ins Jahr 2018" Nein, tun sie nicht. In Basel waren Gesichtstattoos schon gängig, bevor US-Mumble-Rapper mit ihren bunt verzierten Gesichtern bekannt wurden. Auch hat jeder zweite gedehnte Ohrläppchen. Wenn diese Leute glauben, andere überbieten zu müssen, dann dürfen auch Leute wie ich sowas "scheisse" finden und kritisieren. Im Gegensatz zu Hautfarbe, Hautkrankheiten oder sexueller Orientierung sind Tattoos/Piercings immer noch eine eigene Wahl. Eine schlechte.
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