Manuel Stahlberger: Darum ist er «realer» als jeder Rapper

Manuel Stahlberger erzählt wieder Geschichten. Nach seinem grossartigen letzten Album «Die Gschicht isch besser» präsentiert er uns jetzt sein neues Soloalbum «Kristalltunnel». Ruhiger und reduzierter als seine andere Alben – aber mindestens genauso gut.

Manuel Stahlbergers letztes Album hallt nach. «Die Gschicht ist besser», welche uns der St. Galler vor zwei Jahren erzählte, gehört ohne Zweifel zu den besten Mundart-Alben, die in diesem Jahrhundert erschienen sind.

Diesen Herbst tingelt Manuel Stahlberger mit einem neuen Soloprogramm durch die Clubs dieses Landes. Dafür hat er ein neues Album aufgenommen – und zwar ganz alleine, ohne Band. So klingt sein neustes Werk «Kristalltunnel» also ruhiger und reduzierter als die Alben, die er mit Band aufgenommen hat, ist deswegen aber nicht minder gut.

Der Mani Matter-Vergleich

Neben seinem neuen Album machte Manuel Stahlberger vor kurzem mit einem Mani-Matter-Cover auf sich aufmerksam. Mani Matter und Manuel Stahlberger, dieser Vergleich bietet sich irgendwie an wie auf dem Silbertablett. Er funktioniert aber nicht wirklich. Denn die beiden Liedermacher operieren grundverschieden.

Während Mani Matter in seinen Texten Alltagsphänomene so geschickt und zeitunabhängig umschrieb, dass sie auch 40 Jahre später noch funktionieren, macht Manuel Stahlberger das komplette Gegenteil: Er zelebriert die minutiöse Detailverliebtheit.

Dabei zeichnet sich der St. Galler als ein dermassen guter Beobachter aus, dass man sich nie ganz sicher sein kann, ob die Geschichten, die er uns da gerade auftischt, wirklich fiktiv sind – oder eben doch einen autobiographischen Hintergrund haben.

«Motherfucker» an der «Huuswand»

Die Helden auf «Kristalltunnel» heissen Familie Lüthi oder Familie Wacker. Einmal mehr stellt der St. Galler die ansonsten kaum besungenen Underdogs ins Rampenlicht seiner Songs.

Ebenfalls mit dabei: Die fiktive Band Haslifüx, deren einziger Hit «Gangbang im Usgäng» schon einige Jahre zurückliegt. Oder das Sunetal – dort, wo es schon aufregend ist, wenn «irgendeine Motherfucker ane Huuswand anesprayt», wie Stahlberger in «Willkomme in Sunetal» so schön ausführt.

Überall erkennen wir uns in «Kristalltunnel» wieder: Wenn wir der Dorfjugend beim Minigolf zuschauen, oder dann, wenn wir uns an einer Hundsverlocheten inklusive «komischen DJs und Schlagerbands» («Da mit üs») wiederfinden.

Manuel Stahlberger hält uns den Spiegel vor. Und das kann auch weh tun: In «Familiefehri In Schwede» beschreibt er die letzten intakten Atemzüge einer Familie, deren Vater und Mutter sich wahrscheinlich wenige Sekunden nach dem Songende scheiden lassen werden.

«Kristalltunnel»: Das ist «realer» als Hip-Hop

Wer in seiner Lieblingsmusik Eskapismus sucht, muss um «Kristalltunnel» also einen weiten Bogen machen. Klar, ab und zu in eine fiktive Welt abzutauchen und sich vorzustellen, wie Kanye West Sex mit Models hat, kann spassig sein, ist aber gleichzeitig meilenweit weg von der Realität entfernt.

Darum entführt uns Stahlberger viel lieber an reale Schauplätze. Und plötzlich ertappt man sich dabei, wie man Stunden später vor dem Kühlschrank wieder über einen Textfetzen aus «Kristalltunnel» nachdenkt. Wo genau liegt schon wieder der Unterschied zwischen einer Eidechse und einem Salamander? (Die Antwort auf diese Frage liefert der Song «Stau». Vielleicht.)