Der SRF «Bounce Cypher», das grösste Rap-Event der Schweiz, setzt ein Zeichen mit einem neuen Underground-/New-Wave-Block. Doch was genau ist das?
Es handelt sich um Rap, der bewusst neben dem Mainstream entsteht: neue Flows, neue Beatstrukturen, oft roh, ungeschliffen und experimentell. Für Bounce Moderatorin Sirah Nying ist klar: «Solche Bewegungen sind essenziell für Hip-Hop – viele grosse Subgenres, wie zum Beispiel Trap, haben genau dort ihren Ursprung.»
Dass Underground-Rap längst auch Reichweite haben kann, zeigt etwa EsDeeKid aus Grossbritannien, der trotz Millionen Streams diesem Sound zugeordnet wird.
Pablo Vögtli präzisiert den Begriff «Underground-Rap» und ergänzt ihn mit «New Wave»: «Underground-Rap gibt es natürlich schon seit den 90ern, und es gibt auch Artists wie KRYSL aus Winterthur, die klar dem Underground-Rap zuzuordnen sind. Es geht explizit um den neuen Underground.»
Weg vom Boom-Bap
Musikalisch grenzt sich der neue Block klar vom klassischen Boom-Bap ab. Während dieser «sehr stark an eine strikte Taktform gebunden ist», wie Vögtli sagt, funktioniert der neue Sound deutlich freier.
Nying erklärt: «Viele rappen Offbeat. Das heisst, sie rappen nicht strikt im Takt oder halt in einem anderen Takt.» Diese Verschiebung sorgt für einen eigenen Vibe, der besonders in der Zürcher Szene stark zelebriert wird. Auch die Beats brechen mit Erwartungen: «Sie sind mutiger oder ein bisschen unkonventioneller. Sie sind nicht so poliert», sagt Nying. Teilweise klingen Produktionen bewusst roh oder übersteuert.
Yung Jai lieferte 2025 beim Bounce Cypher Underground-Rap
Inhaltlich bewegt sich vieles im sogenannten «Shittalk». Vögtli beschreibt es als provokative, aber «gut geschriebene» Lines – oft witzig, manchmal schockierend. Daraus entstehen sogar eigene Subgenres wie «Spice Talk».
Junge Acts, grosse Erwartungen
Der Underground-/New-Wave-Block bringt Namen wie babycuh, Batakanda.jr, Biggum & Pflanzer FM, JTM POLO, meozinho, parazh und yung jai vor das Mikrofon. Für Vögtli ist klar, warum gerade diese Artists gesetzt sind: «Sie alle machen sehr avantgardistische 2026-Trap-Sachen.» Besonders freut er sich auf babycuh: «Er hat wirklich extrem witzige Lines und einen sehr guten ‹Stift›.»
Auch Pflanzer FM würden aktuell «ein sehr starkes Movement» formen. Ein besonderer Fokus liegt auch auf parazh: Der Zürcher ist erst 15 Jahre alt – und sorgt bereits für Aufmerksamkeit. Vögtli sagt, er sei «sehr vielversprechend» und «auf diversen Taktformen sicher». Entsprechend hoch sind die Erwartungen an seinen Auftritt.
Auch Nying blickt gespannt auf die Acts: «Ich weiss, dass sie gerne provozieren, und bin sehr gespannt, was sie am Bounce Cypher machen werden.»
Ein bewusster Entscheid – mit Risiko
Dass dieser Block fortan Teil des Bounce Cyphers ist, ist kein Zufall, sondern ein klares Statement. «Es ist sehr wichtig, dass wir ein Abbild und einen Querschnitt vom Schweizer Hip-Hop zeigen», sagt Nying. Underground gehöre dazu – und sei «gerade stark am Aufkommen».
Für Vögtli ist die Entscheidung dennoch ein Risiko: «Ich gehe jedes Jahr am Bounce Cypher ein Risiko ein.» Hip-Hop-Fans hätten oft sehr klare Vorstellungen davon, wie Rap klingen müsse. Genau deshalb könne ein solcher Block provozieren – besonders bei «militant-traditionalistischen Rapfans», die am 90s-Sound festhalten. Würde er jedoch dem Underground keinen Platz geben, würden sich junge Stimmen nicht gesehen und gehört fühlen.