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Let’s Play «New World»: Die neue Welt ist schrecklich fade

Das erste Game von Amazon ist ein Hit – unverständlich, denn kaum etwas an dem Game ist neu oder aufregend.

Video: Guido spielt «New World» (Let’s Play)

Die kürzest mögliche Beschreibung von «New World» ist die: «World of Warcraft» hatte mit «Elder Scrolls Online» ein Benjamin-Button-Baby und zog ihm ein Piraten-Kostümchen an.

Von «Elder Scrolls» kommt die Optik, der Wald hat mich sehr an «Skyrim» erinnert. Von «World of Warcraft» kommt sehr viel der Mechanik. Und deshalb Benjamin Button: Das Game, obwohl gerade erst auf die Welt gekommen, wirkt sehr alt.

Natürlich ist im Detail dann vieles anders, auch verbessert, schliesslich hat man 15 Jahre nach «WoW» dazu gelernt. So sind Systeme wie Kampf-Fähigkeiten oder Handwerkskunst viel freier und flexibler ausgestaltet als damals. Trotzdem fällt es mir schwer, etwas zu erkennen, das wirklich neu und aufregend ist.

Wir besiedeln Aeternum, die titelgebende Neue Welt. Es geht darum, eine Verderbnis zu bekämpfen, Skelett-Matrosen und Piraten-Zombies schleichen überall herum. Von der ursprünglichen Idee, näher an der Eroberung des amerikanischen Kontinentes zu bleiben, kam Amazon glücklicherweise ab, als man bemerkte, dass es wohl etwas problematisch gewesen wäre, Ureinwohner zu bekämpfen. Das hat man nun durch unverfängliche Geister und Untote ersetzt.

Und dann tun wir das, was wir in diesem Genre (Online-Multiplayer-Rollenspiel) immer tun: Wir erledigen Aufgaben wie «Jage 5 Wildschweine», «Finde 3 Kisten» oder «Töte 10 Untote» und erhalten dafür Belohnungen. Unsere Figur wird stärker, ihre Ausrüstung wird besser – um stärkere Gegner zu bekämpfen, und so weiter. Mit der Zeit tun wir das dann nicht mehr alleine, sondern mit anderen zusammen.

Das Game ist ein Hit – über eine Million Spieler:innen haben sich bereits auf den Weg in die neue Welt gemacht. Gratulation kommt vom Scheff persönlich, Jeff Bezos. Dieser Erfolg hat das Spiel für viele aber unspielbar gemacht. Wir müssen zu Beginn einen Server auswählen, auf dem unsere Figur dann zu Hause ist. Viele dieser Server sind so voll, dass es an einem Wochenende oder am Abend zur Prime Time teilweise Stunden dauern kann, bis man den Server und damit das Spiel überhaupt betreten kann. Es wurde zwar versprochen, dass bald eine Möglichkeit geboten wird, den Server zu wechseln – was aber in einem Game, das man ja gerne online mit Freunden spielt, logistisch eine grössere Herausforderung wird.

Das ist unverständlich. Denn Amazon betreibt die grösste Server-Farm der Welt – mehr Kapazität bereitzustellen, müsste eigentlich leicht fallen. Doch es scheint auch architektonische Probleme zu geben. Denn dass ich einen Server auswählen muss und dann auch nur mit den Leuten spielen kann, die auf dem gleichen Server sind wie ich (bzw. dass meine Freunde diesem Server nicht mehr beitreten können, wenn er vollgelaufen ist) – das war vor 15 Jahren noch normal. Heute gibt es aber sehr viele Spiele («Destiny», «Call of Duty», «Fortnite» usw. usf.), die ebenfalls Millionen von Spielern haben und solche Probleme nicht kennen.

Wenn man dann mal im Spiel ist, läuft alles schön fehlerfrei. Für ein Spiel dieser Grösse ist das bemerkenswert. Auch hat man einige gute Ideen gehabt. So muss ich mich z.B. nicht wie in “World of Warcraft” für wenige Handwerks-Fähigkeiten entscheiden, sondern kann einfach tun, was ich gerade tun will, und werde besser in dem, was ich öfter tue. Das gleiche gilt für das Kampf-System. Je nachdem welche Waffen ich häufiger verwende oder welche Ausrüstungs-Gegenstände ich anziehe, entwickle ich meine Fähigkeiten in eine Richtung, die dann besser zu einer Rolle passen. Und die Kriege zwischen Fraktionen könnten für kompetitive PvP-Spieler durchaus reizvoll sein.

Mein Hauptproblem ist aber, dass ich diese neue Welt schrecklich fade finde. Die Gegner sehe alle gleich aus und tun alle das gleiche: schnurgerade auf mich zurennen. Die Ausrüstung und Waffen, die ich finde, sehen alle graubraun und austauschbar aus. Die Skills, die ich lerne, sind sehr unspektakulär – viele verbessern einfach einen meiner Werte für ein paar Sekunden. Der Wald sieht schön aus, die Gebäude auch, aber sie wiederholen sich schnell. Am Wegrand liegen Dinge herum, die aber nie irgendetwas verstecktes enthalten oder zu einer Geschichte führen. Die erzählten Geschichten sind der exakte Durchschnitt aus zwei Jahrzehnten des Genres.

Die Aufgaben sind die immer gleichen Fetch-Quest. Vor fünfzehn Jahren haben wir vor Sturmwind Wildschweine gejagt. In der Zwischenzeit wurde das zum Klischee, gar zur Warnung: Achte beim Design deines Games darauf, dass die Aufgaben interessanter sind als “Jage fünf Wildschweine”! Und was ist einer der allerersten Quests in “New World”? Jage tatsächlich fünf Wildschweine.

Am meisten Spass machte es mir, durch den Wald zu spazieren und zu fischen. Sonst bleibt kaum etwas im Gedächtnis haften.

Die Beurteilung eines Spieles in diesem Genre ist nicht leicht. Denn wie sich das Spiel in den ersten zwanzig Stunden spielt, unterscheidet sich oft stark von dem, was man mit einer starken Figur tut. Ausserdem leben solche Online-Spiele mit ihrem Publikum und verändern sich über die Zeit. Es kann also gut sein, dass sich mein Eindruck noch ändern würde.

Doch will ich weiterhin diesen faden Eintopf aus Resten von gestern in mich hineinstopfen, in der Hoffnung, dass das Dessert ganz überraschend vorzüglich wird? Nein.

«New World» ist für PC. Es ist ab 16.

Radio SRF 3, 4.10.2021, 17:50 Uhr

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