Generation Vollgas? Yamina arbeitet so wenig wie nötig

Arbeiten und gleichzeitig an x Projekten arbeiten: Sich selbst verwirklichen ist Zeitgeist. Yamina Candeago (25) macht da nicht mit. Sie arbeitet zu 50 Prozent als Kindergärtnerin. Den Rest der Zeit chillt sie's gern. Was wiederum andere aus ihrer Generation gar nicht verstehen können.

Warum hast du dir gesagt, dass es reicht, 50 Prozent zu arbeiten?

Yamina: Es ist mein drittes Arbeitsjahr seit dem Studium. Im ersten Jahr habe ich 100 Prozent gearbeitet, im zweiten knapp 90 Prozent. Diese zwei Jahre waren ausschlaggebend. Ich war sehr gefordert und habe neben dem 100 Prozent Job meine Bachelorarbeit fertig geschrieben. Das hat mich ausgelaugt und mir ziemlich Mühe bereitet.

Woran hast du gemerkt, dass du ausgelaugt warst?

Yamina: Ich war vor allem müde. Ich ging nach Hause und wollte nur noch schlafen. Ich hätte noch so gerne Freunde treffen oder ins Kino gehen wollen - aber ich konnte nicht mehr.

«  Ich habe nicht unersättlich viel Energie. Ich habe mich zurückgezogen - unfreiwillig. »
Zusatzinhalt überspringen

Kompass

Nadine Nikkles und Ranja Kamal

In der Sendung «Kompass» beantworten Ranja Kamal und Nadine Nikles die grossen und kleinen Fragen rund um Job, Ausbildung und sonstige Lebensfragen.

Hat man das Gefühl versagt zu haben, wenn man in einer Welt, in welcher der Leistungsdruck gross ist, 50 statt 100 Prozent arbeitet?

Yamina: Man muss sich dafür verteidigen. Man wird teilweise fast schon angegriffen oder muss kritische Fragen beantworten.

Welche?

Yamina: Es wird einem unterstellt, faul zu sein. Oder dass einem die Arbeit nicht gefällt. Oder ob man nichts für später auf die Seite legen will.

Du arbeitest als Kindergärtnerin - macht dir das Freude?

Yamina: Ja, es macht mir Freude.

«  Ich habe das Gefühl, dass ich mehr geben kann als damals, als ich noch 100 Prozent gearbeitet habe. »

Es gibt Leute, die sagen, dass man sich - wenn man etwas erreichen will - voll und ganz reinschmeissen muss. Sonst komme man nicht weiter...

Yamina: Dann frage ich, was «du kommst nicht weiter» bedeutet. Beruflich vielleicht. Ich aus meiner Sicht habe tolle Freundschaften, eine tolle Beziehung zu meiner Familie, die mir unglaublich viel gibt. Ich lebe sehr stark dafür. Gerade in schwierigen Situationen gibt mir das mehr als ein Job.

Gut, ich werde noch 40 Jahre - wenn nicht noch länger - arbeiten müssen. Ich werde sicher einmal etwas anderes machen, mich weiterbilden, irgendwann eine neue Richtung einschlagen...

Zusatzinhalt überspringen

Janosch lebt das Gegenteil

Janosch lebt das Gegenteil

Hier geht's zu seinem Porträt.

Aber ohne Stress?

Yamina: Genau. Einfach irgendwas zu machen, um dann sagen zu können: Ich arbeite und bin auch noch das und das und das. Dies wird in unserer Generation voneinander erwartet - nur um das sagen zu können um spannender zu wirken. Das bringt es nicht. Vor allem mir persönlich nicht.

«  Gerade wenn man sich neu kennenlernt, höre ich oft: Was, du arbeitest «nur» 50 Prozent? Als ob das nicht genügen würde. »

Das Bild des Managers, der viel arbeitet und nie Zeit hat, ist uncool. Andererseits: Wenn man studiert, nebenbei arbeitet und an x Projekten ist, entspricht es dem Zeitgeist?

Yamina: Ja. Ich denke unsere Generation - zumindest nehme ich das so wahr - darf sehr viel gleichzeitig machen. Und sie hat auch das Glück, mit sehr viel aufzuwachsen.

Wir haben Eltern, die sehr viel für uns gegeben haben, damit es uns gut geht und wir eine möglichst gute Ausbildung bekommen. Das ist eine Bereicherung, aber auch die Qual der Wahl. Man hat das Gefühl, dass man muss, weil man kann. Das kann zu einem unglaublichen Stress führen.

«  Weil man das Gefühl hat, man genüge nicht. Oder mache nicht genug aus der Zeit und den Ressourcen, die man hat. »