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«Dank Corona habe ich meine Bulimie überwunden»
Aus Rehmann vom 07.12.2020.
abspielen. Laufzeit 54:42 Minuten.
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Rehmann «Dank Corona habe ich meine Bulimie überwunden»

Essstörung, Aufenthalte in der geschlossenen Psychiatrie und die Jagd nach einem vermeintlich idealen Körperbild. Izzy (27) hat dies alles schon erlebt und erzählt bei Robin Rehmann davon.

Sie kann sich noch genau an die Worte erinnern, mit denen alles begonnen hat: «Nimm die Hose eine Grösse grösser, darin hast du fette Beine.» Izzy ist zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt und schon etwas frühreif – im Gegensatz zu ihren Mitschüler*innen. «Meine Mitschüler*innen hatten ganz dünne Beine und einen ‹Thigh Gap›, was als Schönheitsideal gilt. Darauf war ich richtiggehend neidisch.» Umso mehr schmerzen die Worte ihres Vaters, als sie in einer Hose aus der Umkleidekabine kommt. «Ich trug damals Hosengrösse 38.»

S.O.S. – Sick of Silence

S.O.S. – Sick of Silence

Wie sieht das Leben junger Menschen aus, nachdem es durch eine chronische Krankheit ausgebremst wurde? Robin Rehmann leidet selbst an einer chronischen Krankheit und unterhält sich in seiner Sendung mit Betroffenen.

Jeden Dienstag, 18-19 Uhr bei SRF Virus oder hier als Podcast.

Diese Aussage ist ein Grund dafür, dass die Zürcherin etwas an ihren Essgewohnheiten ändern will. Als sie in den Ferien ist, verzichtet sie eine ganze Woche auf Süssigkeiten. «Das war extrem schwierig für mich, denn ich esse sehr gerne Süssigkeiten.» Nach dieser Woche merkt sie eine kleine Veränderung in ihrem Gewicht. Darauf beginnt Izzy, immer mehr auf Essen zu verzichten.

Endlich ernst genommen

Die junge Gymnasiastin bemerkt auch, dass ihr Umfeld anders auf sie reagiert. «Obwohl mir meine Eltern gesagt haben, dass das Gewicht keine Rolle spiele, habe ich mich immer wieder im Spiegel gesehen und als zu dick empfunden.» Auch von ihren Mitschüler*innen fühlt sie sich mehr respektiert als vorher. Bis eine Freundin der Mutter, eine Psychiaterin, stutzig wird. Izzy wird von ihr das erste Mal in ihrem Leben mit dem Wort Essstörung konfrontiert.

Kurze Zeit später wird bei Izzy eine Anorexie diagnostiziert und sie erarbeitet mit ihrer Psychiaterin einen Plan, wieder mehr zu essen. Als dies jedoch zu keiner Besserung führt, sehen sich Eltern und Psychiaterin gezwungen, die damals 15-Jährige in die geschlossene Jugendpsychiatrie zu überweisen.

Dort angekommen, wird Izzys ganzer Alltag neu strukturiert. Zimmerkontrollen und eine Überwachung beim Essen sind an der Tagesordnung.

Der Weg in die Bulimie

Als die Gymnasiastin wieder zu Hause ist, muss sie ihr Gewicht zumindest halten. Da sie den ganzen Tag nichts isst, kommt es vor, dass sie abends drei Liter Wasser trinkt und dazu Erdbeeren verspeist. «So konnte ich mir mein nötiges Gewicht erschummeln.» Irgendwann beginnt sie, das Nichtessen tagsüber mit Süssigkeiten am Abend zu kompensieren.

Da ist mir alles hochgekommen.

«Eines Abends, ich war schon extrem vollgestopft, sass ich vor dem Kühler und drückte mir noch ein Eis rein, obwohl ich gar keinen Hunger mehr hatte. Während des Essens ist mir einfach alles hochgekommen.» Für Izzy ein folgenschwerer Moment. Sie glaubt, sie müsse ab jetzt auf nichts mehr verzichten und kann alles Essen, solange sie es danach einfach wieder erbricht.

Doch auch das kann sie nicht lange verbergen. Die Toilette befindet sich genau zwischen den Zimmern von Izzy und ihrer Schwester. Als es herauskommt, wird Izzy, mittlerweile 16, in eine Erwachsenenklinik eingewiesen. Doch was sie dort erlebt, erschüttert sie. Da sie jeden Tag 700 Gramm zunehmen soll, wird sie beim Essen strikt kontrolliert. Izzy sagt: «Sie zwangen mich, obwohl ich den ganzen Teller geleert hatte, auch noch die Soße auszutrinken. Nachdem ich mich schon zwingen musste, Oliven und Feta zu essen, musste ich noch pures Olivenöl in mich hineingiessen. Ich fühlte mich entwürdigt.» Nach einem weiteren Vorfall entlässt sich die Zürcherin selbst, von Besserung aber keine Spur.

Endlich verstanden

Nach zwei weiteren Aufenthalten nimmt Izzy zum fünften Mal einen Anlauf. Und es ist das erste Mal, dass sie sich in einer Klinik verstanden fühlt. Diese Therapie basierte nicht auf Zwang, sondern auf Verständnis ihrer Situation.

Je weniger jemand an mich glaubt, desto mehr muss ich es dieser Person beweisen!

Später sind es vor allem zwei gute Freund*innen, die für eine Trendwende sorgen: «Ich sah mich vor dem Ausgang mit einer Freundin auf einem Video tanzen. Sie war so muskulös und selbstbewusst, so wollte ich auch sein. Mit einem Freund habe ich ums Zunehmen gewettet. Er wusste, was mich triggert und meinte, dass ich es sowieso nicht schaffe. Umso mehr wollte ich es ihm beweisen.» Die Bulimie war jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht unter Kontrolle.

Das ändert sich in der Coronakrise. Für viele Menschen ein Fluch, für die Zürcherin in gewisser Weise ein Segen. Da sie den kompletten Lockdown mit ihrem Freund verbringt, will sie abends vor Scham nicht mehr erbrechen. «Die ersten drei Tage waren der Horror, doch mit der Zeit lief es ganz okay.» Izzy geht es mittlerweile viel besser, sie fühlt sich wieder wohler in ihrem Körper.

Du bist du genau so viel wert, wie jeder andere Mensch auch!

Für Izzy ist es wichtig, dass man sich mit den Problemen auseinandersetzt: «Sag deinem Spiegelbild, dass dein Problem real ist, du musst dich nicht schämen dafür. Hol dir Hilfe, denn du bist genauso viel wert, wie jeder andere Mensch auch!»

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