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«Ich brauchte immer dieses Exzessive»
Aus Rehmann vom 12.04.2021.
abspielen. Laufzeit 53:03 Minuten.
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Rehmann «Ich brauchte immer dieses Exzessive»

Lange sucht Luana Methoden, um ihre vielen Gefühle und Gedanken zu unterdrücken. Doch weder Essanfälle, heisse Bäder noch exzessives Arbeiten bringen ihr den gewünschten Erfolg. Dann stellt ein Unfall bei der Arbeit ihr Leben komplett auf den Kopf. Bei Robin Rehmann erzählt sie davon.

Luana merkt früh, dass sie mehr und stärker fühlt als ihre gleichaltrigen Mitmenschen: Bereits mit 15 bekommt sie Komplimente für ihre Songtexte von Erwachsenen, die sich fragen: «Wie schaffst du es, so viel Weltschmerz in einen Song zu packen?»

Zum Verhängnis werden ihr diese Gefühle erstmals in der Lehre. «Wer viel fühlt, ist auch nah am Wasser gebaut», bemerkt Luana. Etwas, das sie bei der Arbeit unterdrücken muss – sie macht damals eine Ausbildung zur Industrielackiererin, also in einer Männerdomäne. In ihrem Betrieb wird sie deswegen gemobbt.

Essanfälle als Zeremonie

Essen war für mich eine Form von Geborgenheit und ich war wieder bei mir.

Um ihre vielen Gefühle zu unterdrücken, fängt Luana an zu Essen, verfällt regelrecht in Binge-Eating-Anfälle. «Essen war für mich eine Form von Geborgenheit und ich war wieder bei mir», erinnert sie sich.

Wenn sie einen Essanfall hat, rennt die heute 30-Jährige aber nicht zum Fast-Food-Laden um die Ecke, sondern kocht sich ihre Mahlzeiten selber. Den Einkauf dafür bestreitet sie wie in Trance und verbringt gerne eine Stunde oder länger im Supermarkt, um genau jene Produkte auszuwählen, die sie nachher glücklich machen sollen. «Danach habe ich bis zu vier Stunden gebraucht, um alles zu kochen und zu essen. Es war ein Zelebrieren des Essens», erzählt sie.

Nach den Essattacken, die zuerst zweimal pro Woche und später sogar bis zu zweimal pro Abend auftreten, fühlt sich Luana oft schuldig. Als sie stark zunimmt, wird sie dafür noch mehr gemobbt. Es seien eine Art Dominosteine gewesen, die sich gegenseitig angestossen haben: «Ich musste immer noch mehr leisten, aber dafür musste ich noch mehr essen.»

Kein hilfreicher Klinikaufenthalt

Mit 18, nach der Lehrabschlussprüfung, merkt Luana, dass sie so nicht weitermachen kann und weist sich in eine Klinik für Frauen mit Essproblemen ein. «Dort fing ich an, selber Therapeutin zu spielen», sagt die 30-Jährige. Sie habe sich die Geschichten der anderen angehört, sie mit Musik unterhalten, ihr selber habe die Therapie aber nicht wirklich geholfen.

Nach dem eigenständigen Absetzen ihrer Medikamente und dem Austritt aus der Klinik sucht Luana neue Methoden, um ihre Gefühle zu unterdrücken. Unter anderem badet sie in sehr heissem Wasser, um physischen Schmerz zu spüren. Denn oft fühlt sie sich überwältigt von allem und bekommt sich nur mit diesen Coping-Strategien selber in den Griff.

Später findet Luana einen Psychologen, der sie fordert und antreibt. Durch ihn habe sie angefangen, ihre Energie in die Arbeit zu stecken. «Ich wurde voll zum Arbeitstier.» So hat sie keine Zeit mehr für ihre Essens-Zeremonien, was jedoch nicht heisst, dass ihre vielen Gefühle einfach weg sind.

Ich brauchte immer dieses Exzessive.

Deshalb stürzt sich Luana in eine Weiterbildung, wo sie sich wieder selber überfordert und bis ins kleinste Detail Chemie-Formeln lernt. «Ich brauchte immer dieses Exzessive», erzählt sie.

Mit dem Fachausweis in der Tasche will Luana etwas Neues machen: Sie zieht von Solothurn nach Nidwalden, nimmt dort einen neuen Job an. Knapp viereinhalb Monate später merkt sie: Der Job ist nicht so, wie sie sich ihn vorgestellt hatte. Sie kann nicht so brillieren, wie sie sich es wünscht, ihr Perfektionismus steht im Weg.

Der Unfall, der alles verändert

Also wechselt sie die Abteilung, wo sie alles, was sie sich zuvor im Unternehmen aufgebaut hat, erneut beweisen muss. Das heisst für Luana: Noch mehr Verantwortung übernehmen, noch mehr Überstunden scheffeln – bis zu jenem Vorfall, der für die 30-Jährige alles verändert.

Als sie und ihre Arbeitskolleg*innen den Prototypen einer Zugtür herumtragen, droht ihnen diese auf den Boden zu fallen. Ein No-Go für Luana – schliesslich trägt sie die Verantwortung. Also fängt sie die Tür auf. Und tatsächlich: Die Zugtür bleibt unbeschadet. Luana zieht sich hingegen einen Riss in der Bauchwand zu, den sie sechs Tage lang keinem Arzt zeigt und weiterhin zur Arbeit geht.

S.O.S. – Sick of Silence

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S.O.S. – Sick of Silence

Wie sieht das Leben junger Menschen aus, nachdem es durch eine chronische Krankheit ausgebremst wurde? Robin Rehmann leidet selbst an einer chronischen Krankheit und unterhält sich in seiner Sendung mit Betroffenen.

Jeden Dienstag, 18-19 Uhr bei SRF Virus oder hier als Podcast.

Etwas, das fatal hätte ausgehen können, wie sie später von den Ärzten informiert wird. Als sie sich doch endlich in den Notfall begibt, wird sie dreieinhalb Stunden notoperiert. Doch die OP verläuft nicht reibungslos: «Sechs Stellen wurden doppelt vernäht, doch es wurden dabei Nervenbahnen getroffen», erzählt Luana.

Seither lebt sie 24/7 mit chronischen Schmerzen im gesamten Bauchraum, den sie mit Fentanyl-Pflaster (opiathaltig) behandelt und alle drei Wochen für zweieinhalb bis drei Stunden eine Ketamin-Infusion über sich ergehen lassen muss.

Manchmal fühle ich mich immer noch wertlos, weil ich nicht arbeiten kann.

Durch diese Behandlung und die ständigen Schmerzen kann Luana vieles nicht mehr tun. Sie arbeitet auch nicht mehr. «Manchmal fühle ich mich deswegen immer noch wertlos», bemerkt sie. Sie weiss auch nicht, ob sie je wieder schmerzfrei leben kann.

Das Positive sehen

Ich will die alte Luana zurückerobern!

Doch Luana findet auch positives an ihren Schmerzen: «Es ist gut, dass so meine feine, gefühlvolle Seite an manchen Tagen zum Vorschein kommen darf. Ich finde es wichtig, mich kreativ auszuleben.»

Und auch ihre grossen Träume, wie beispielsweise irgendwann wieder auf der Bühne zu stehen oder eine ganze Street Parade ohne Schmerzen zu feiern, gibt Luana nicht auf. Sie achtet nun mehr auf sich und Selbstliebe hat einen neuen, wichtigen Stellenwert in ihrem Leben bekommen. Dafür sei sie dankbar. Das Allerwichtigste für die 30-Jährige bleibt jedoch: «Ich will die alte Luana zurückerobern!»

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