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«Ich dachte, ich müsse vor Angst sterben»
Aus Rehmann vom 23.11.2020.
abspielen. Laufzeit 55:15 Minuten.
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Rehmann «Ich dachte, ich müsse vor Angst sterben»

Nicole (24) erzählt, wie eine Angststörung ihr Leben prägt und was Mobbing in der Schulzeit damit zu tun hat.

Es ist ein normaler Tag im Jahr 2016, an dem Nicole in Begleitung ihrer Mutter und ihres Freundes eine weitere Stufe ihrer Ausbildungslaufbahn erklimmen will. Doch schon auf dem Weg in Richtung Schule fühlt sie sich unwohl. Von der einen auf die andere Sekunde überkommt es sie: Stechen in der Brust, Angstzustände bis hin zu Schreikrämpfen, die sie zu Boden zwingen. «Im ersten Moment dachte ich, es sei ein Herzinfarkt.»

S.O.S. – Sick of Silence

S.O.S. – Sick of Silence

Wie sieht das Leben junger Menschen aus, nachdem es durch eine chronische Krankheit ausgebremst wurde? Robin Rehmann leidet selbst an einer chronischen Krankheit und unterhält sich in seiner Sendung mit Betroffenen.

Jeden Dienstag, 18-19 Uhr bei SRF Virus oder hier als Podcast.

Dass eine solche Panikattacke just in dem Moment über sie hereinbricht, bevor die mittlerweile 24-Jährige sich an einer neuen Schule vorstellt, scheint heute in Anbetracht ihrer Vergangenheit kein Zufall.

Alle gegen eine

An die Zeit in der Oberstufe erinnert sich Nicole ungern. Sie wird von den Mitschülern gemobbt, muss sich Dinge anhören, die ihr schwer zu schaffen machen.

«Irgendwann war es so schlimm, dass ich alles glaubte, was sie mir sagten. Ich fühlte mich wertlos und hässlich.» Denn je mehr sich die Aargauerin wehrt, desto mehr Gefallen finden die Mitschüler daran, sie zu piesacken. Sie beginnt sich zu ritzen, sieht das als Teil der Schmerzverarbeitung: «Für mich war es ein Loslassen des inneren Schmerzes. So fühlte ich mich immerhin besser.»

Ich fühlte mich wertlos und hässlich.

Von den Lehrpersonen fühlt sie sich in dieser Zeit allein gelassen. Obwohl ab und an eine Lehrkraft vor versammelter Klasse Partei für sie ergreift, verschlimmert sich die Situation zunehmend. Denn nun steht Nicole als Petze da, womit sie bei ihren Mitschülerinnen und Mitschüler noch mehr aneckt. Mit den Eltern redet sie in dieser Zeit kaum über ihre Situation: «Ich fand es schwierig, da sie mir zu nahestanden. Da kommt doch immer ein Beschützerinstinkt auf, der für mich in dieser Zeit nicht produktiv gewesen wäre.»

Den Spiess umgedreht

Doch plötzlich kommt eine unerwartete Wende. Einer ihrer grössten Mobber geht auf sie zu und meint, sie hätte jetzt genug gelitten. «Im ersten Moment war ich sehr perplex. Ich wurde aus dem Nichts akzeptiert.» Was folgt, ist ein Wandel, den sie heute bereut. Sie wird von der Gemobbten zur Mobberin. Nicole zettelt sogar in eine Pausenhofschlägerei an. «Ich hörte, dass ein Mädchen Schwachsinn über mich erzählte. Da ging ich auf dem Pausenhof auf sie zu und donnerte ihr eine rein.» Die Kameraden feuern sie an und noch während der Schlägerei fängt sie an, sich zu besinnen. «Ich dachte mir, das kann doch nicht sein, dass ich zudem werde, wovor ich selbst immer Angst hatte.»

Ich ging auf den Pausenhof und donnerte ihr eine rein.

Zur selben Zeit entwickelt sich bei Nicole ein Reizdarmsyndrom. Sie kann fast nichts mehr bei sich behalten, selbst ein Glas Wasser ist zu viel des Guten. In dieser Zeit kann sie ihre psychischen Belastungen nicht länger verstecken.

Endlich auf dem richtigen Weg

Was folgt, ist ein Marathonlauf bei Ärzten. Beginnend beim Hausarzt folgt eine Odyssee. Dann endlich findet Nicole eine Psychologin, die ihr helfen kann und ihr das diagnostiziert, was sie sich damals auf den Weg in ihre neue Schule nicht erklären konnte. Nicole hat eine Angststörung.

Mit Hilfe der Psychologin erarbeitet sie einem Plan, mit dem sie Erlebtes einordnen kann. «Ich musste Punkte von eins bis zehn verteilen, je nachdem, wie fest mich eine Situation gestresst hat.» So teilt sie beispielsweise dem Zugfahren fünf Punkte zu, Ausgang oder mit Leuten Essen gehen erhält zehn Punkte. «Wenn ich könnte, hätte ich Letzterem sogar 20 Punkte gegeben», meint die 24-Jährige. Somit kann sie sich den Situationen, die ihr nur 5 Punkte wert sind, Stück für Stück wieder aussetzen, damit sich der Körper und die Psyche daran gewöhnen, es als eine Normalität anzunehmen.

Ich will den Menschen Mut machen.

Vor ein paar Jahren noch ein Ding der Unmöglichkeit, kann Nicole heute wieder guten Gewissens aus dem Haus gehen. Zudem hat sie ein weiters Mittel gefunden, dass ihr hilft. «Ich habe meine Erlebnisse in einem Buch niedergeschrieben. Somit kann ich Erlebtes verarbeiten und anderen Menschen Mut damit machen.»

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Patrick Dörrer  (P.D)
    Peter A. Levine hat eine wie ich finde gute Trauma-Therapie (Somatic Experiencing) ins Leben gerufen, die u.a. auch mit Angsttörungen arbeitet. Mehr darüber u.a. Bücher und der "Somatic Experiencing Verband Schweiz" ist im Internet zu finden.
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  • Kommentar von Céline Camenisch  (CeCa)
    Kann guat verstoh wie du die gfühlt häsch. Han zwar a andera Hintergrund wie es zu Panikattacka ko isch. Han lang nach physischa Problem gsuacht, bis miar klar worda isch, es isch nit das. Han mi 24h schlecht gfühlt. Han nüt meh unter Kontrolla ka. Mis vegetativa Nervasystem hät total verucktgspielt. Min Fluchtreflex hät sich immer gmeldet. Denn hanni müassa d Situation verloh. Was miar gholfa hät: viel go laufa, warm duscha. Das hät mi für da Moment beruhigt. Psychologischi Hilf und Medikament.
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