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«Ich traue meiner eigenen Wahrnehmung nicht»
Aus Rehmann vom 07.06.2021.
abspielen. Laufzeit 53:35 Minuten.
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Rehmann «Ich traue meiner eigenen Wahrnehmung nicht»

Nina schreibt gerne und hat sogar ein Buch geschrieben. Denn: Sie hat eine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte über ihre Ängste und Zwangsstörungen. Über diese spricht sie auch mit Robin Rehmann in der aktuellen Folge von «Rehmann S.O.S.».

Nina ist abergläubisch. Das dachte sie zumindest als Kind, als sie jeweils dreimal den Lichtschalter drücken musste, um ihre Familie zu beschützen. Dass dahinter eine ernstzunehmende psychische Krankheit steckt, merkt sie erst viel später. «Das perfide ist, dass die Krankheit schleichend kommt», blickt Nina zurück. Was mit kleinen, unauffälligen Ritualen beginnt, steigert sich immer weiter, bis die heute 21-Jährige sich beinahe in ihren Zwängen verliert.

So lange waschen, bis es sich richtig anfühlt

«Mit 16 Jahren merkte ich, dass hinter meinem Verhalten mehr als ein Aberglaube steckt», erzählt sie. «Ich verlor mein instinktives Wissen, was ich zu tun hatte. Diesen Kontrollverlust versuchte ich durch Zwänge wiederzufinden.» Nina muss über jeden einzelnen Schritt nachdenken, geht bei jeder Handlung bis ins letzte Detail. Die junge Frau entwickelt einen Waschzwang. «Ich verbildliche es gerne mit einem starken Heranzoomen an meinen Körper. Jeder Millimeter bekommt ein enormes Gewicht und wird exzessiv gewaschen», beschreibt die Aargauerin. Eine Dusche nimmt für sie locker 45 bis 60 Minuten in Anspruch. Aufhören kann sie erst, wenn sich ein Gefühl der Befriedigung einsetzt – ein Gefühl, dass es sich jetzt «richtig» anfühlt und vorher nicht.

Zwänge stehen eng mit Ängsten in Verbindung. Nina erinnert sich noch genau an einen ausschlaggebenden Trigger für einen ihrer Zwänge. «Ich war mit meiner Familie in den Ferien und der Gasherd war kaputt. Das wusste ich nicht und deshalb liess ich das Gas eine Zeit laufen, da ich dachte, der Herd funktioniere nicht. Als ich am nächsten Tag meinen Eltern davon erzählte, erschraken sie und es fiel der verheerende Satz: ‹Wir hätten sterben können!›», erinnert sich Nina. Dieser Satz brennt sich bei ihr ins Gedächtnis ein und es überkommt sie eine riesige Angst, dass ihr etwas Ähnliches nochmals passieren könnte. Um dem entgegenzuwirken, fängt sie an, sich immer wieder selbst zu kontrollieren.

Ich habe immer Angst, ich könnte mich täuschen und etwas ‹falsch› sehen.

Nina entwickelt fortan den Zwang, dass sie sich laut sagen muss, dass der Herd ausgeschaltet ist, dann schaut sie mehrmals hintereinander, ob der Strich des Herdknopfes auch wirklich nach oben zeigt und muss zuletzt sogar mit der Hand über die kalte Herdplatte fahren. «Dieser Prozess kann mehrere Minuten in Anspruch nehmen und es kommt vor, dass ich immer wieder in die Küche laufen muss, um es nochmals zu kontrollieren», schildert sie. Dies dauert so lange bis sich ein «Klick-Gefühl» einsetzt.

Einmal Kontrollieren ist nie genug

Nina ist diesem Gefühl ausgesetzt und kann selbst nicht beeinflussen, ab wann sich ihre Handlung richtig anfühlt. Was sie aber weiss, ist, dass ein einmaliges Kontrollieren immer zu wenig ist. «Ich weiss, dass meine Zwänge mir schaden. Sie geben mir das Gefühl, nicht gut genug und dumm zu sein, aber gleichzeitig auch eine Pseudo-Sicherheit. Das ist ein grosser innerer Konflikt», beschreibt sie.

Meine Ängste sind als Zwänge verkleidet.

S.O.S. – Sick of Silence

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S.O.S. – Sick of Silence

Wie sieht das Leben junger Menschen aus, nachdem es durch eine chronische Krankheit ausgebremst wurde? Robin Rehmann leidet selbst an einer chronischen Krankheit und unterhält sich in seiner Sendung mit Betroffenen.

Jeden Dienstag, 18-19 Uhr bei SRF Virus oder hier als Podcast.

«Wenn man diese Ängste und Zwänge hat, hilft auch die Rationalität nicht mehr», gibt sie zu. Einmal die Woche geht Nina in die Psychotherapie, wo sie einerseits über aktuelle Schwierigkeiten spricht und andererseits versucht, die Ursachen dafür zu ergründen. «Mein Selbstwertgefühl hat sich in den letzten zwei Jahren schon verbessert», sagt sie hoffnungsvoll.

Ein grosses Ziel ist, sich ihrer Angst durch praktische Strategien im Alltag zu stellen. Doch soweit ist sie noch nicht ganz. «Ich stelle mich jedes Mal nicht nur meinen Ängsten, sondern auch dem damit einhergehenden Zwang», zeigt sie auf.

Obwohl es ein langer Weg war, weiss Nina heute, dass sie sich nicht für ihre Zwänge schämen muss. Im Gegenteil: «Ich finde es enorm wichtig, dass die Gesellschaft weiss, dass es Zwangsstörungen gibt und dass sie viel häufiger vorkommen als man denkt», betont sie.

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