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«Mit 15 nahm ich das erste Mal Heroin»
Aus Rehmann vom 21.06.2021.
abspielen. Laufzeit 39:23 Minuten.
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Rehmann «Mit 15 nahm ich das erste Mal Heroin»

Ihren ersten Rausch hatte Jeannine im Alter von elf Jahren mit Ritalin. Daraufhin folgte eine von Drogen geprägte Jugend. Wie sie den Ausstieg trotzdem schaffte und sich einen besseren Umgang mit Drogen in der Gesellschaft vorstellt, erzählt sie Robin Rehmann in der aktuellen Folge «Rehmann S.O.S.».

Sie wollte nicht zu ihren Grosseltern, um Hausaufgaben zu machen. Deshalb schüttet sich Jeannine mit elf Jahren mit Ritalin zu. Es funktioniert. Sie muss sich übergeben und kann zuhause bleiben. «Bei mir gab es schon früh Anzeichen, dass ich einen Hang zu Drogen habe», räumt sie ein.

Wenn es heisst, ab dem ersten Mal sei man süchtig, dann kann das dazu führen, dass Jugendliche gerade darin die Herausforderung sehen.

Auch die Drogenaufklärung in der Schule scheitert bei ihr kläglich. «Während Bücher und Filme über Drogen für andere abschreckend waren, führte es bei mir eher zu einem stärkeren Hang, nach Drogen zu greifen», erzählt sie. Vor allem die starke Verteufelung von Drogen sieht sie als problematisch. «Man sollte in Schulen früh mit der Drogenaufklärung anfangen und auch nicht alles schlecht reden», findet Jeannine. «Wenn es heisst, ab dem ersten Mal sei man süchtig, dann kann das dazu führen, dass Jugendliche gerade darin die Herausforderung sehen.» Auch soll aufgezeigt werden, dass es nicht nur das ‹klassische› Bild von Drogenabhängigen gibt, sondern dass man es den meisten Menschen gar nicht ansieht», findet sie.

Durch das falsche soziale Umfeld gerät Jeannine schon früh an Alkohol, Gras und Kokain. «Ich hatte ein schwieriges Verhältnis zu meiner Mutter und meinem Stiefvater und wollte das Leben und die Welt vergessen», erinnert sich die 31-Jährige. «Den Leistungsdruck von Zuhause kompensierte ich durch Rebellion, in dem ich Alkohol trank und kiffte.»

Das erste Mal Heroin war schön

Mit 15 nimmt Jeannine das erste Mal Heroin. «Ich war mit Kollegen unterwegs, die Heroin dabei hatten. Da wurde ich neugierig und wollte es ausprobieren», erinnert sie sich. Jeannine zieht sich die erste Line durch die Nase und findet die Droge ekelhaft. «Kurz daraufhin wurde mir übel und ich musste mich übergeben. Erst danach setzte die Wirkung ein.» Jeannine wird von einem Gefühl von Wärme und Geborgenheit umhüllt.

Heroin gab mir die Liebe, die ich suchte.

Bald möchte die junge Frau dieses schöne Gefühl wieder erleben. Am Anfang konsumiert sie nur an Wochenenden, doch bald merkt sie: Mit der Droge funktioniert sie besser. «Es ist eine Falle. Ich hatte das Gefühl, alles laufe gut. Ich erbrachte meine Leistungen, ging arbeiten. Aber irgendwann liess es mich nicht mehr los. Die Droge griff immer härter zu und wollte mich nicht mehr gehen lassen.»

Mit der Zeit braucht Jeannine immer mehr Geld für Heroin. Als das Taschengeld nicht mehr ausreicht, klaut sie Geld aus dem Portemonnaie ihrer Mutter und zu ihren schlimmsten Zeiten bettelt sie gar auf der Strasse. «Mit 18 Jahren merkte ich, dass es ohne Heroin nicht mehr geht», erinnert sich die Bernerin.

Das Leben machte keinen Spass mehr.

Daraufhin nimmt sie an einem Methadonprogramm teil, bekommt Tabletten. Doch diese Zeit ist geprägt von Rückfällen. Immer wieder greift sie anstelle ihrer Methadontabletten zu Strassenheroin.

Die Drogenpolitik in der Schweiz sei nicht optimal

Doch Drogen auf der Strasse zu bekommen, bringt weitere Probleme mit sich. «Da sehe ich einen Fehler im System. Es gibt zwar diese Anlaufstellen, wo Drogen konsumiert werden dürfen, jedoch darf man die Drogen nicht auf sich tragen», zeigt Jeannine auf. «Süchtige müssen diese Drogen aber mitnehmen, denn auch die Anlaufstellen haben nur bestimmte Öffnungszeiten. Wenn sie diesen Ort verlassen, sind sie am nächsten Tag immer noch abhängig.» Die Folge davon sei, dass die Polizei die Drogensüchtigen vor diesen Konsumplätzen abfängt, ihnen die Drogen abnimmt und sie eine Anzeige bekommen. «Um Geld für neue Drogen auftreiben zu können, begehen die Menschen Diebstahl oder es geschieht durch Prostitution», betont Jeannine.

S.O.S. – Sick of Silence

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S.O.S. – Sick of Silence

Wie sieht das Leben junger Menschen aus, nachdem es durch eine chronische Krankheit ausgebremst wurde? Robin Rehmann leidet selbst an einer chronischen Krankheit und unterhält sich in seiner Sendung mit Betroffenen.

Jeden Dienstag, 18-19 Uhr bei SRF Virus oder hier als Podcast.

Für immer nie mehr

Sie selbst schafft den Ausstieg 2014. «Regelmässige Gespräche mit Sozialarbeiter:innen und meinem Psychiater haben mir in dieser Zeit enorm geholfen», erzählt sie. «In der Therapie konnte ich die Dinge verarbeiten, die mich überhaupt zu den Drogen führten.»

Heute bin ich stark genug, nein zu Drogen zu sagen.

Auch heute gibt es Situationen, in denen sich Jeannine selbst nicht traut. Diesen geht sie gekonnt aus dem Weg. Sie weiss, dass für einen Rückfall zu viel auf dem Spiel steht und hat gelernt, mit der leisen Suchtstimme und der Erinnerung an das «schöne» Gefühl von Drogen zu leben. «Heute bin ich stark genug, nein zu Drogen zu sagen, auch wenn mein Leben manchmal noch schwierige Zeiten bringt», sagt sie stolz.

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