Zum Inhalt springen

Serien «10vor10»-Weihnachtsserie: Megacities

Es ist heisser, dreckiger und krimineller als auf dem Land und trotzdem strömen die Menschen weltweit in Städte. In Tokio leben heute mehr Leute als in ganz Kanada, in Mexico City mehr als auf dem Kontinent Australien. Im Jahre 2050 werden gemäss UNO bereits zwei von drei Menschen in Städten leben.

Logo Serie Megacities
Legende: «10vor10»-Serie: Megacities SRF

27. Dezember 2010 – 7. Januar 2011

  • Zukunftsmodell Stadt

    «In der Schweiz gibt es keine ländlichen Gebiete mehr.» Der Satz des Geografen und Stadtforschers Christian Schmid von der ETH Zürich ist eine Provokation. Natürlich gibt es noch einige wenig besiedelte Bergtäler, doch die Urbanisierung ist in der Schweiz sehr weit fortgeschritten. Zugespitzt lässt sich das so formulieren: Die Schweiz wird eine Stadt. Der Motor ist – wie überall auf der Welt – die florierende Wirtschaft. Sie braucht Arbeitskräfte. Gleichzeitig bietet die Landwirtschaft immer weniger Menschen ein Auskommen. In die Megacities von Asien und Afrika strömen täglich Hunderte, wenn nicht Tausende. Niemand hat den Überblick. Verlässliche Daten liefert die Satellitenfotografie aus dem Weltall. Am deutschen Fernerkundungsdatenzentrum DFD bei München vergleicht der Geograf Hannes Taubenböck die Luftaufnahmen der Städte über die Jahrzehnte. So sehen wir, dass die Megacity London kaum mehr wächst, während Jakarta seine bewohnte Fläche in 3 Jahrzehnten verachtfacht hat.

  • Barbara Lüthi in Tokio (Teil 1)

    Tokio ist anders. Tokio hat mich schwer beeindruckt. Das Erste was mir auffiel, war die unglaubliche Höflichkeit der Menschen. Sogar der Taxifahrer verbeugte sich, als er mir mit dem Gepäck half. In keiner anderen Stadt sieht man junge Menschen auf den Strassen mit so verrückten Kleidern. Tokios Jugend experimentiert mit Stylen und Outfits. Die Individualität scheint sich hier durch die Mode auszudrücken, denn der Alltag ist formell, alles läuft nach unsichtbaren Regeln ab. Dieser Spagat zwischen trendig und angepasst habe ich noch nirgends sonst erlebt. Alles, was die Menschen hier tun, scheint auf das Wohl der Gemeinschaft ausgerichtet. Auch der ausgeflippte Punk mit den roten Haaren stellt sich brav in die Reihe und ist darauf bedacht nicht negativ aufzufallen. Der Stil der jungen Tokioter ist ein Kleiderstil, er hat nichts mit dem Lebensstil zu tun. Es ist, als borgen sich die Jungen ein Erscheinungsbild, um zu einer Gruppe zu gehören, um sich nicht einsam zu fühlen im Grossstadtdtschungel. Das ist auch spürbar. Inmitten dieser Menschenmasse fühlt man sich einsam. Es ist das Unpersönliche, das einem dieses Gefühl gibt.

  • Barbara Lüthi in Tokio (Teil 2)

    In Tokio zu arbeiten ist nicht einfach. Die Menschen sind schüchtern, es braucht lange, bis sie vor der Kamera sprechen wollen. Meine japanische Produzentin musste im Vorfeld der Dreharbeiten viel Vorarbeit leisten. Während den Dreharbeiten waren unsere Protagonisten immer noch schüchtern, aber hilfsbereit. Tokio hat mir gut gefallen. Alles funktioniert, die Stadt ist modern und mondän, die Mischung zwischen Coolness und Einsamkeit ist faszinierend. Mein Kamermann Nathan Mauger war so beeindruckt von der Metropole, dass er nächstes Jahr nach Tokio ziehen will.

  • Tilman Lingner in Los Angeles

    Smog, Staus, endlose Blechlawinen... so kennen wir Los Angeles. Eine wuchernde Stadt, flach und ohne Grenzen. Doch das Klischee ist so nicht mehr gültig. Der Moloch ist im Wandel, die Megacity ist dabei sich neu zu erfinden. Wir sprechen mit Urbanisten, Stadtplanern und Architekten. L.A. so behaupten sie, ist die Stadt der Zukunft. Das neue L.A. wird bald schon Vorbild für die Grossstädte in der ganzen Welt sein.

  • Christof Franzen in Moskau

    In der Megacity Moskau habe ich insgesamt schon fast 5 Jahre gelebt. Erstmals entdeckte ich die Stadt 1993. Trotzdem, oder gerade deswegen, war es eine grosse Herausforderung, diese faszinierende und extrem vielfältige Stadt in eine sechs Minuten Reportage zu packen. Die Russinnen und Russen nennen ihre Stadt liebevoll „das grosse Dorf“, andere sprechen von einem Moloch. Tatsache ist: in Moskau konzentriert sich ein grosser Teil des Geldes, das das Riesenreich Russland durch den Verkauf von Rohstoffen wie Öl und Gas verdient. Dieser Reichtum bietet Chancen und zieht Millionen von Menschen an, die hier ihre Chancen packen wollen. Ich möchte den Zuschauerinnen und Zuschauern ein paar dieser Menschen näherbringen: vom krisenbetroffenen Multi-Millionären bis zum Strassenwischer aus Zentralasien.

  • Reto Kohler in Mexico City

    Mexico City ist unberechenbar. Grosse Teile der Stadt wirken auf den ersten Blick sicher. Doch der Schein trügt. Die Behörden kämpfen gegen eine steigende Kriminalitätsquote. Am Rand der Stadt übernehmen die Drogenkartelle die Macht. Die Stadt muss sich entscheiden. Entweder sie überlässt immer mehr Strassenzüge der Mafia oder sie stemmt sich mit aller Kraft gegen die Narco-Kartelle.

  • Pascal Weber in Kairo

    Wer Kairo nicht gesehen hat, der hat die Welt nicht gesehen, lese ich in den Geschichten von 1001 Nacht. Nun, das moderne Kairo hat mit einem Märchen wenig zu tun. Leben, so scheint es mir, heisst hier vor allem überleben. Keiner kann mir hier sagen, wie viele Einwohner in Kairo wirklich leben. 15 Millionen, 20 Millionen, mehr? Wie will Kairo den Kollaps verhindern, das ist die Frage, welcher wir nachgehen. In der grössten Stadt der arabischen Welt.

  • Thomas Vogel im Ruhrgebiet

    Elf Städte, auf 120 Kilometer dicht aneinandergereiht, so dass man nicht weiss, wo die eine Stadt aufhört und die nächste anfängt - das ist das Ruhrgebiet. Als ich losfuhr, um die 10vor10-Reportage zu drehen, sagte meine Nachbarin: "Da haben Sie sich aber nichts Schönes ausgesucht." So wie sie denken viele über die Städte, die Dortmund, Essen oder Duisburg heissen. Früher war hier alles schwarz vom Kohlestaub. Doch Kohle baut hier kaum noch jemand ab, jetzt schiessen hier die Bürotürme aus der Erde. Fünf Millionen Einwohner hat das Ruhrgebiet, zusammen mit Köln und Düsseldorf entsteht die Megacity Rhein-Ruhr mit zehn Millionen. Ein Gigant in Europa, den viele noch zu wenig ernst nehmen.

  • Barbara Lüthi in Shanghai

    Die Ankunft in Shanghai war hektisch. Ganz wie die Stadt. Meine Assistentin Siyun Zeng, Kameramann Nathan Mauger und ich kamen mit dem Zug aus Peking an. Wir mussten unsere Pässe im Aussenministerium abgeben zur Erneuerung des Journalistenvisa. Ohne Pass reist man mit dem Zug. Wir kamen in Shanghai an mit sehr viel Gepäck. Wir drehten die Shanghai Serie mit einer Canon 7D und einer Canon 5D Kamera. Das sind Fotokameras mit denen man auch filmen kann. Cutting edge – genau richtig für das Städteprojekt. Die Bilder mit dieser Kamera gedreht, sehen aus wie auf 35 mm Film gedreht, grosses Kino. Wir wollten was besonderes für diese Serie: Bilder, die man nicht jeden Tag im Fernsehen sieht. Aber eben: das heisst viel Equipment tragen. Auf der Fahrt ins Hotel bemerkte ich neue Gebäude und Strassenschilder. Unser Fahrer beklagte sich: er kenne sich jeweils nach einem Monat schon nicht mehr aus, weil sich alle Strassen ständig verändern. Obwohl ich dieses Jahr wegen der Weltausstellung viel Zeit in der chinesischen Wirtschaftsmetropole verbracht habe, werde ich immer wieder aufs Neue überrascht. Nervenaufreibend war wie immer der Verkehr. Es ist oft schwierig drei Termine an einem Tag wahrzunehmen, weil man stundenlang im Stau steht. Und so habe ich immer meinen Computer dabei, um im Auto zu arbeiten und die Wartezeit im Stau sinnvoll zu nutzen. Unser erstes Treffen findet mit dem Architekten Ma Qingyun statt. Das Interview wurde um fast eine Stunde verschoben, denn der Stararchitekt hatte noch Tausend andere Dinge zu tun, bevor er meine Fragen beantworten konnte. Doch das Warten lohnte sich. Ma Qinyun ist ein interessanter Gesprächspartner und brachte es auf den Punkt. „Shanghai ist das Modell der modernen Megacity. Alles verändert sich dauernd und das ist viel nachhaltiger, als Städte, die in ihrer Form erstarren. Die Zukunft muss Platz haben sich zu entfalten“ erklärt er. Die urbane Vision kann also nur in China Wirklichkeit werden? Sicher ist, dass hier gebaut werden kann, was immer nötig ist. Die Regierung entscheidet und dann wird gebaut ohne Einsprachen und Verhandlungen. Das grosse Ganze steht im Vordergrund, nicht das Individuum. So kann Shanghai schnelle Lösungen für die wachsende Nachfrage nach urbanisiertem Lebensraum anbieten. Und genauso erleben ich die Stadt: alles ist neu, Fortschritt ist Staatsprogramm. Um sich für die Weltausstellung herauszuputzen, hat die Stadtregierung 40 Milliarden in die Verschönerung und Infrastruktur investiert. Shanghai, die Metropole der Zukunft, verlangt viel von ihren Bewohnern. Das halsbrecherische Tempo bekommt nicht allen. Es gibt auch Menschen, die überfordert sind von den ständigen Veränderungen. Ich treffe den Fotografen Lu Jie, der mit seiner Kamera die Veränderungen festhält. Wo heute die Wolkenkratzer des Geschäftsviertels Pudong stehen, war vor zwanzig Jahren noch ein Reisfeld. Auch wenn ich Shanghai sehr oft besuche, bin ich immer wieder beeindruckt, wenn ich die Skyline der Stadt sehe und mir vorstelle, wie lange solche Veränderungen in jedem anderem Land dauern würden. Doch die Stadt und ihre Bewohner zahlen auch einen Preis für die schnelle Entwicklung. 10'000 Menschen wurden umgesiedelt, sie verloren ihr Zuhause und ihre Wurzeln. Bei meinem Aufenthalt in der Megacity lerne ich auch Menschen kennen, die überfordert sind von der Schnelligkeit der Stadt. Die Psychologin Zhou Guanhua zeigt mir, wie sie die Megacity-Krankheit – wie sie es nennt – zu heilen versucht. Zhou hat sich vor zehn Jahren auf die Behandlung von Stress- und Burnout Syndromen spezialisiert. Nach drei interessanten und strengen Tagen in Shanghai, in denen mein Team und ich von einem Ort in der Stadt zum anderen hetzten, sind auch wir völlig ausser Atem. Shanghai ist wie Hochleistungssport. Wer mit dieser Stadt mithalten will, muss fit sein.

  • Utopie der Megacities

    Die Megacities sind ökologische Monster. Heute verbrauchen die Städte 80 Prozent der weltweiten Energie. Und sie wachsen weiter. Da hilft nur noch die vielbeschworene Nachhaltigkeit. Die letzte Folge der 10vor10-Reihe Megacities befasst sich mit den Utopien und fragt: «Wie werden wir leben in wenigen Jahrzehnten?» Das sogenannte «Vertical farming» soll die Landwirtschaft in die Städte bringen. Mitten in der Stadt wachsen in Hochhäusern Mangold, Melonen und Mangos in geschlossenen Ökosystemen mit eigenem Wasserkreislauf und Klima. Der Vorteil: Transportkosten in die Zentren würden wegfallen. Faszinierende Utopien gibt es auch beim grossen Thema Verkehr – etwa die der Elektromobilität: Wenn die Autos der Zukunft mit Strom betrieben werden, braucht es ein intelligentes Stromnetz, das Verbrauch und Stromreserven im Gleichgewicht hält.. Brauchen die Autos Strom, beziehen sie diesen aus dem intelligenten Netz. Sobald sie stehen, können sie Strom ans Netz abgeben. Der Verkehr selbst wird ebenfalls revolutioniert: Autos gliedern sich automatisch in den Verkehr ein, sobald sie in Stadt- oder Zentrumsnähe kommen. Sensoren halten Abstand zu Fahrbahn und anderen Autos.....