Eisenbahn-Pionier, Banken-Gründer und Nationalrat: Alfred Escher

Alfred Escher erlebt einen kometenhaften Aufstieg: Der Radikale Politiker ist Nationalrat, erfolgreicher Unternehmer und treibende Kraft beim Bau des Gotthardtunnels. Doch das prestigeträchtige Gotthard-Projekt wird für ihn schliesslich zum Stolperstein.

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Interview mit Alfred Escher, gespielt von Samuel Weiss

4:55 min, vom 2.10.2013
Alfred Escher mit Tochter Lydia um 1865 Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Alfred Escher mit Tochter Lydia um 1865 gemeinfrei

Eisenbahn-Pionier, Banken-Gründer und Nationalrat: Alfred Escher

Alfred Escher ist 1819 in Zürich geboren. Er wächst ab 1831 im «Belvoir» in Zürich Enge auf, welches ein Leben lang sein Wohnsitz bleiben sollte. Bis 1834 erhält der junge Escher Privatunterricht und besucht anschliessend das Obergymnasium.

Nach seinem Jurastudium doktoriert als Jurist in Zürich. Er heiratet 1857 die erst 19-jährige Augusta Uebel.

Ein Jahr später kommt ihre gemeinsame Tochter Lydia zur Welt. Die zweite Tochter Hedwig stirbt im Kleinkindalter und nur zwei Jahre darauf verstirbt 1864 auch Eschers Frau. Alfred Escher zieht Lydia alleine gross.

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Junger Aufsteiger in Zürich und Bundesbern

Als radikaler und später liberaler Politiker erlangt Escher früh eine einflussreiche Stellung: Bereits im Alter von 26 Jahren wird er in den Grossen Rat des Kantons Zürich (ab 1869 Kantonsrat) gewählt. Diesem gehört er in den folgenden 38 Jahren ununterbrochen an. Ab 1848 ist er zudem noch Regierungsrat. Unter seiner Federführung wird dieser reorganisiert: Die Anzahl der Mitglieder des Rates wird auf neun reduziert und ein Direktionssystem wird eingeführt. Ausserdem führt er als Erziehungsdirektor und als Erziehungsrat in den Mittelschulen des Kantons moderne Sprachen und naturwissenschaftliche Fächer ein.

Auch auf Bundesebene erlebt der junge Escher einen kometenhaften Aufstieg: 1848 nimmt er als Tagsatzungsgesandter Zürichs, zusammen mit dem späteren Bundesrat Jonas Furrer, an den abschliessenden Beratungen zur eidgenössischen Bundesverfassung teil. Als der erste Nationalrat im selben Jahr gewählt wird, bekommt auch Escher einen Sitz in der Grossen Kammer. Diesen hält er bis zu seinem Tod 1882 inne.

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Bildlegende: ETH Zürich Keystone

Eine Hochschule für Zürich

Schon vor der Bundesstaatsgründung wird im Zürcher Grossen Rat heftig über den Hochschulartikel im Bundesverfassungsentwurf debattiert: Dieser sieht die Errichtung einer polytechnischen Schule, einer gesamtschweizerischen Universität und mehrerer Lehrerseminare vor. Escher befürwortet dies und hätte diese Hochschulen gerne am Standort Zürich. Die Gegenseite, darunter auch der spätere Bundesrat Jonas Furrer, setzt sich jedoch durch: Der Kanton Zürich will den betreffenden Artikel nicht in der Bundesverfassung haben. Kaum ist das erste Parlament 1848 konstituiert, ist die Frage wieder auf dem Tisch: Nationalratspräsident Johann Ulrich Ochsenbein macht sich für eine eidgenössische Universität stark. Zum Erstaunen vieler lehnt Escher diesen Vorstoss ab. Er durchschaut Ochsenbeins Taktik: Dieser will Bern zur Bundeshauptstadt machen und Zürich zum Standort der eidgenössischen Universität.

1851 gelangt das Hochschulprojekt wieder in den Nationalrat und Escher setzt sich vehement für die Schaffung einer eidgenössischen Universität und einem Polytechnikum mit Standort Zürich ein. Doch seine Gegner kämpfen ebenfalls mit harten Bandagen. 1854 landet Alfred Escher gemeinsam mit Johann Conrad Kern einen Überraschungscoup. Der Nationalrat stimmt ihrem Vorschlag mit 55 zu 38 Stimmen zu: Beide Anstalten sollen nur organisatorisch zusammengelegt und die katholisch-theologische Fakultät aus der Universität ausgegliedert werden. Die heutige ETH wird in Zürich errichtet.

Alfred Escher als Nationalratspräsident 1849 Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Alfred Escher als Nationalratspräsident 1849 gemeinfrei

Ende der «Ära Escher» in Zürich

Seit 1845 beeinflusst Alfred Escher die Politik in Zürich massgebend. Die Tatsache, dass er zahlreiche politische Ämter und gleichzeitig wirtschaftliche Schlüsselpositionen besetzt, ist vielen ein Dorn im Auge: Escher steht schon früh im Kreuzfeuer der Kritik. Die «Ära Escher» in Zürich scheint 1855 mit seinem Ausscheiden aus dem Regierungsrat zwar zumindest nach aussen beendet. Dennoch behält er die Fäden vorerst weiterhin in der Hand. Mittels seiner Parteikollegen hat der liberale Industrielle nach wie vor grossen Einfluss auf die politischen Geschehnisse in Zürich. Dies sollte sich erst mehr als zehn Jahre später ändern: Ab 1860 formiert sich aus den benachteiligten Bevölkerungsschichten eine starke Opposition. Die sogenannte «Demokratische Bewegung» stürzt 1868 die Vorherrschaft des von Escher geprägten Wirtschaftsliberalismus im Kanton. Das «System Escher» bricht zusammen.

Jakob Stämpfli, Jahr unbekannt Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Jakob Stämpfli, Jahr unbekannt gemeinfrei

Eisenbahn-Pionier und Banken-Gründer

Während Jakob Stämpfli sich nach seiner Bundesratskarriere für ein staatliches Eisenbahnnetz einsetzt, will Alfred Escher keine Staatsbahn: Er lobbyiert ab 1852 im Nationalrat für ein privates Eisenbahnnetz. Schliesslich gehört er ein Jahr darauf zu den Initianten der «Schweizerischen Nordostbahn» (NOB). Seit deren Gründung ist Escher Direktionspräsident, ab 1872 Verwaltungsratspräsident (bis 1882).

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Bis 1858 wird die NOB zur grössten Bahngesellschaft der Ostschweiz. Um den Ausbau der Eisenbahn weiter vorantreiben zu können, ist Escher auf Geld angewiesen. Seine Pläne erfordern Summen, die das damalige Bundesbudget bei weitem übersteigen. Ausserdem will er die Finanzierung unabhängig von ausländischem Einfluss organisieren. Deshalb gründet Escher 1856 gemeinsam mit Gleichgesinnten die «Schweizerische Kreditanstalt» (SKA, heute Credit Suisse). Diese ist die erste grosse Aktienbank für Industrie und Handel. Auch dort hat er den Posten des Verwaltungsratspräsidenten inne. Ausserdem gehört er dem Aufsichtsrat der Schweizerischen Lebensversicherungs- und Rentenanstalt an.

Durchstich Gotthard 29. Februar 1880 Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Durchstich Gotthard 29. Februar 1880 Keystone

Eschers Stolperstein: Das Gotthard-Projekt

Als Eisenbahn-Unternehmer ist Escher an einer Nord-Süd-Verbindung gelegen: Er engagiert sich innerhalb der «Gotthardvereinigung» für den Bau der Gotthardbahn. 1871 wird die «Gotthardbahn-Gesellschaft» gegründet. Mitglied dieser sind die an einer Verbindung nach Süden interessierten Kantone, Eschers «Schweizerische Nordostbahn» NOB und die «Schweizerische Centralbahn». Alfred Escher präsidiert die Gesellschaft und verantwortet damit den Bau der neuen Gotthardlinie. Im September 1872 beginnen die Arbeiten. Doch schon bald zeichnen sich Schwierigkeiten ab: Die Bauarbeiten schreiten zu langsam voran, die Arbeiter streiken wegen den schlechten Arbeitsbedingungen (1875), aber vor allem ist zu wenig Geld vorhanden. Der Genfer Bauunternehmer Louis Favre hatte sich verkalkuliert. Das Projekt kostet rund 40 Millionen mehr als budgetiert. Nachsubventionen sind nötig: Sowohl der Bund als auch Italien und Deutschland, die den Bau der Gotthardbahn mitfinanzieren, müssen Millionen einschiessen. Damit das Parlament die notwendigen Zuschüsse bewilligt, nötigt ihn sein Freund, Bundesrat Emil Welti, zum Rücktritt als Direktionspräsident der «Gotthardbahn-Gesellschaft». Dies, nachdem Escher im Jahr zuvor bereits seinen Posten als Verwaltungsratspräsident der «Schweizerischen Kreditanstalt» räumen musste.

Zum Durchstich des Tunnels im Februar 1880 wird Alfred Escher nicht eingeladen. Auf die Teilnahme der Eröffnungsfeier verzichtet er 1882 aus gesundheitlichen Gründen. Er stirbt im selben Jahr in Zürich.

Quellen:

Historisches Lexikon der Schweiz: «Escher, Alfred»

Historisches Lexikon der Schweiz: «Demokratische Bewegung»

Stefan Hartmann/Heinz Dieter Finck 2002: «Helden, Pioniere und Heilige der Schweiz», Werd Verlag, Zürich.

Joseph Jung 2007: «Alfred Escher 1819-1882 Aufstieg, Macht, Tragik», Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich.

Via Storia/Kilian T. Elsasser (Hrsg.) 2007: «Der direkte Weg in den Süden. Die Geschichte der Gotthardbahn», Historisches Institut der Universität Neuchâtel, AS Verlag, Zürich.