Sexueller Missbrauch «Ausgeliefert und ohnmächtig»

Das Gefühl der Hilflosigkeit sei für Kinder am traumatisierendsten, sagt Regula Schwager. Sie ist seit 2001 Psychotherapeutin bei Castagna, der Beratungsstelle für sexuell ausgebeutete Kinder, Jugendliche und Frauen.

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Bildlegende: Regula Schwager ist Psychotherapeutin bei der Beratungsstelle Castagna Privat

SRF: Viele Missbrauchsfälle ziehen sich scheinbar unbemerkt über Jahre hin. Wann sollten Angehörige oder Bezugspersonen hellhörig werden?

Regula Schwager: Es gibt keine eindeutigen, einheitlichen Zeichen. Eltern sollten dann aufmerksam werden, wenn sich ein Kind plötzlich verändert und so wirkt, als ob es in Not wäre, und die Veränderungen auch nach zwei oder drei Monaten nicht verschwinden. Aber eindeutig ist es erst, wenn das Kind eine Aussage macht oder es Zeugen gibt.

Viele Kinder behalten den Missbrauch aber über Jahre für sich.

Das liegt daran, dass es sich bei weit über 90 Prozent der Täter um ganz nahe Bezugspersonen mit enger Bindung handelt – in 70 Prozent der Fälle sind es Väter oder Vaterfiguren. Das Kind will diese Personen, aber auch das familiäre Umfeld schützen und vertraut sich deshalb niemandem an. Es ist dann sehr allein damit. Etwas leichter mit dem Reden tun sich Kinder, bei denen es eine Fremdperson und ein einmaliger Vorfall war. Das sind jedoch nur vier bis fünf Prozent aller Fälle.

Was belastet die Kinder am meisten?

Am traumatisierendsten für die Kinder ist das Gefühl, so ausgeliefert und ohnmächtig zu sein. Speziell wenn sich die Gewalttat wiederholt, sind Traumafolgestörungen häufig.

Wie können Sie den Kindern helfen?

Man hilft den Kindern, die schlimmen Erinnerungen mittels Techniken und Übungen zu regulieren, so dass sie nicht ständig unkontrolliert über sie hinwegbrechen. Verdrängen soll man das Erlebnis nicht, aber am Anfang ist vor allem ein stabiles Umfeld wichtig und auch, dass die Kinder vor dem Thema Ruhe haben. Denn Kinder wollen natürlich, dass der Missbrauch aufhört, aber sie wollen vor allem, dass alles andere so bleibt wie immer – der ganz normale Alltag mit ganz normalem Verhalten des Umfelds.

Bezugspersonen sollen also nicht mit dem Kind über das Erlebte sprechen?

Man sollte nicht ständig drüber reden. Wenn Eltern das Bedürfnis haben, darüber zu sprechen, sollten sie das nicht vor dem Kind tun.

Warum braucht es so oft so lange, bis es zu einer Anzeige kommt?

Häufig ist es die Angst vor den Reaktionen der missbrauchenden Person, aber auch des Umfelds. Viele Familien reagieren sehr verständnislos. Manchmal ist es auch die Angst vor dem, was da auf die Familie zukommt.

Hilft es den Kindern denn, eine Anzeige zum machen?

Kindern ist es egal, ob der Täter eine Strafe bekommt oder nicht. Ihnen ist einfach nur wichtig, dass der Missbrauch stoppt. Viele Kinder reagieren aber sehr positiv, wenn sie zur Polizei gehen und darüber reden können. Sie fühlen sich dann ernst genommen und bestärkt, wenn auch die Polizistin sagt, dass so ein Verhalten falsch ist.

Und Erwachsenen?

Bei Erwachsenen geht es eher darum, nicht länger zu schweigen, sondern den Schritt aus der Ohnmacht an die Öffentlichkeit zu wagen. Damit können sie der tätlichen Person zeigen, dass sie das jetzt nicht mehr alleine tragen. Es hilft aber nur, wenn die Person eine realistische Erwartung an die Folgen hat.

Was bedeutet das?

Wenn eine Frau im Zuge der Verarbeitung ihr Schweigen brechen will, kann ihr die Anzeige sehr helfen. Wenn sie aber hofft, den Täter damit sieben Jahre hinter Gitter zu bringen, wird sie wahrscheinlich enttäuscht werden. Denn die meisten Verfahren werden eingestellt – weil es keine Zeugen gibt. Man muss also gut informiert sein.

Am besten ist natürlich, es kommt gar nicht so weit. Präventionsprogramme für Kinder sollen das ja verhindern.

Viele Präventionsprogramme arbeiten damit, dass Kinder lernen sollen, Nein zu sagen. Das finde ich gefährlich. Denn kein Kind kann sich gegen die Ambitionen eines Erwachsenen wehren. Die Gefahr liegt ja nicht auf dem Weg heim oder in den Kindergarten, sondern sie liegt im Kindergarten und daheim.

Wenn ein nahestehender Erwachsener sagt, ich creme dir den Po ein, weil du da wund bist, wird es das mit sich geschehen lassen. Das Kind zu lernen, dass es nur Nein sagen müsste, bewirkt meiner Meinung nach eher, dass Kinder dann mit Schuldgefühlen reagieren – weil sie nicht deutlich genug reagiert haben.

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