Der Elefant im Garten

Niemand wünscht sich einen wilden Elefanten im Garten. Doch genau das ist in vielen Gebieten Asiens unzumutbarer Alltag. Die Lösung dieses Konflikts liegt aber weder in scheinbar paradiesischen Nationalparks, noch in knalligen Vergrämungsaktionen. Sanfte Intelligenz ist gefragt.

Kraftpaket:Wo Menschen und Elefanten im selben Gebiet leben, sind Konflikte programmiert. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Kraftpaket: Wo Menschen und Elefanten im selben Gebiet leben, sind Konflikte programmiert. SRF

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Andreas Moser (*1956 in Basel) ist Redaktionsleiter und Moderator der Sendung «NETZ NATUR»

Ein wilder Elefant im Garten, der sich an den Beeren gütlich tut und pfannendeckelgrosse Spuren in die Beete trampelt, der den Pfirsichbaum niederdrückt und mit seinem Hintern auch noch das Gartenhäuschen flachlegt. Ganz zu schweigen davon, wenn sich der vier Tonnen schwere Koloss dem Wohnhaus zuwendet und sich für den Vorratsschrank in der Küche interessiert … wahrlich keine angenehme Vorstellung. Und doch ist das alltägliche Wirklichkeit, wo in Asien Menschen und Elefanten auf dem Land nebeneinander leben.

Das Bevölkerungswachstum im südlichen Teil Asiens verschlingt jedes Jahr riesige Landflächen. Immer mehr Menschen, die Nahrung brauchen, dringen in die letzten natürlichen Landschaften vor. Die dortigen Wildtiere verlieren ihre angestammten Lebensräume und es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich von den landwirtschaftlichen Kulturen der Menschen zu ernähren, was im Falle der Elefanten besonders drastische Folgen hat.

Weibliche asiatische Elefanten bleiben ein Leben lang in der Familienbande zusammen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Enge Bande: Weibliche asiatische Elefanten bleiben ein Leben lang in der Familienbande zusammen. SRF

Nicht schiessen

Bei einer stark gefährdeten Art wie dem Asiatischen Elefanten hat man gewisse Hemmungen, problematische Individuen einfach abzuschiessen – selbst wenn sie grosse Schäden anrichten oder sogar Menschen gefährlich werden. Zudem verhindern auch religiöse Barrieren in vielen asiatischen Ländern das Töten von Tieren als einfachste Lösung eines Problems.

Also werden sogenannte «Problemelefanten» mit dem Narkosegewehr eingefangen und in einem Nationalpark wieder freigelassen. Der Nationalpark, so die gängige Meinung, sei für die Elefanten das Paradies, das weitab von den Menschen alle Bedürfnisse der Wildtiere bestens befriedigt.

Sperrt man Elefanten mit Zäunen in Nationalparks ein, finden sie oft zu wenig Nahrung. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Udawalawe-Nationalpark, Sri Lanka Sperrt man Elefanten mit Zäunen in Nationalparks ein, finden sie oft zu wenig Nahrung. SRF

Hunger im Nationalpark

Aber es zeigte sich, dass praktisch alle derart umgesiedelten Elefanten die Schutzzone schnurstracks wieder verliessen. Ein Hinweis darauf, dass viele Nationalparks für die Elefanten auf Dauer ungenügend Nahrung bieten: Das produktive Land, auf dem die Vegetation üppig gedeiht, wurde weitgehend von den Menschen für Siedlungen und Landwirtschaft in Beschlag genommen. Oft wird nur karges Land als Nationalpark geschützt. Elefanten brauchen aber grosse Mengen Pflanzenfutter. Das finden sie nur auf produktiven Flächen. Der Konflikt mit den Menschen ist programmiert.

Was tun? Das Einsperren der Elefanten in die Nationalparks hinter Zäune hat in verschiedenen Gebieten fatale Konsequenzen: Eingesperrt in die Schutzgebiete hungern sie. Sie werden anfällig für Krankheiten oder sterben gar an Unterernährung. Ein solches Beispiel ist das Gebiet des Udawalawe-Nationalparks in Sri Lanka, wo man aufs Skelett abgemagerte Elefanten beobachten kann.

Jennifer Pastorini und ihr Mann Prithividaj Fernando sind ein erfahrenes Elefantenforscherpaar. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nahe dran: Jennifer Pastorini und ihr Mann Prithividaj Fernando sind ein erfahrenes Elefantenforscherpaar. SRF

Ein Knall taugt nichts

Vielerorts werden Elefanten mit Knallkörpern vertrieben oder man beschiesst sie mit nicht tödlicher Munition, was auf der empfindlichen Haut eiternde Wunden hinterlässt. Doch wenn Elefanten Hunger haben, gewöhnen sie sich an Knallpetarden und sie lassen sich auch so nicht mehr vertreiben. Schrotladungen machen sie gefährlich wütend.

Die Schweizer Biologin Jenny Pastorini und ihr Mann Prithiviraj Fernando befassen sich auf Sri Lanka seit 2004 intensiv mit dem Konflikt zwischen Elefanten und Menschen. Aufgrund fundierter Studien mit GPS-besenderten Elefanten kamen sie zum Schluss: Elefanten können langfristig nur überleben, wenn sie auch Zugang zu den produktiven Gebieten haben, in denen Menschen leben und Landwirtschaft betreiben. Schäden in den Kulturen und gefährliche Situationen in den Siedlungen lassen sich vermeiden, wenn man diese mit gut funktionierenden Elektrozäunen schützt.

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«NETZ NATUR»

«Was uns Elefanten sagen», 1. Juni 2017, 20.05 Uhr, SRF 1

Der sanfte Draht

Elefanten reagieren sehr empfindlich auf Stromschläge und sie respektieren solche Drahtzäune, sofern sie gut gebaut sind. So lassen sich heikle Zonen wie Siedlungen, Gebäude auf dem Land oder landwirtschaftliche Kulturen schützen, und die letzten Elefanten können trotzdem ihr ursprüngliches Heimgebiet nutzen.

Elefanten aggressiv mit Knallkörpern abzuwehren, erzeugt über kurz oder lang auch bei den Tieren Aggression – also ist das keine gute Idee. Nur wenn die Menschen lernen, den Elefanten auf intelligente, aber sanfte Art Barrieren zu setzen, haben diese zweitgrössten Landtiere der Erde eine kleine Chance, neben uns zu überleben.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 01.06.2017 20:05

    NETZ NATUR
    Was uns Elefanten sagen

    01.06.2017 20:05

    Elefanten machen immer Eindruck – sei es als graue Riesen oder als allerliebste Baby-Elefäntlein. Das bewahrt sie jedoch nicht davor, dass diese grössten Landtiere der Erde in ihren natürlichen Lebensräumen vom Aussterben bedroht sind.