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Zum Weltflüchtlingstag Drei junge Afghanen und ihr Neuanfang in der Schweiz

Sie flüchten allein und finden sich wieder in der Schweiz. Obwohl die afghanischen Jungs sich hier rasch integrieren, bleiben Ezmari, Mohamad und Reza mit ihrer Heimat eng verbunden.

Legende: Video Bilder aus der Heimat lassen Erinnerungen wach werden abspielen. Laufzeit 02:59 Minuten.
Aus DOK vom 20.06.2018.

Ezmari Nabizadeh, Mohamad Ayubi und Rzea Haidary stammen alle aus dem gleichen afghanischen Dorf Qarabaghi und kennen sich seit früher Kindheit. Alle drei haben sie ihre Heimat verlassen, waren jahrelang auf der Flucht, jeder für sich allein. In der Schweiz haben sie sich wieder gefunden.

Ezmari ist der Älteste, mit heute 26 Jahren. Als er 2012 in der Schweiz eintrifft, spricht er kein Deutsch. Vier Jahre später schliesst er eine zweijährige Attest-Lehre ab. Schneller geht es kaum.

Inzwischen ist er als Holzbearbeiter finanziell unabhängig. Vor kurzem hat er die Aufenthaltsbewilligung B bekommen. Das provisorische Leben als vorläufig Aufgenommer kann er nun hinter sich lassen. Dieses Ziel haben auch Mohamad und Reza vor Augen.

Die Kluft zwischen den beiden Welten der Jungs von Qarabaghi könnte nicht grösser sein. Mit den Herkunftsfamilien stehen die jungen Männer zwar in engem Kontakt – per Telefon und Facebook. Trotzdem sind sie weit von ihren Angehörigen entfernt - nicht nur in Kilometern, auch gemessen an den Gewohnheiten ihres heutigen Lebens in der Schweiz.

Legende: Video Ezmari besteht die Abschlussprüfung abspielen. Laufzeit 03:12 Minuten.
Aus DOK vom 20.06.2018.

Der heute 24 Jahre alte Mohamad Ayubi hat beruflich weniger Glück als Ezmari. Er ist zunächst arbeitslos, absolviert erfolglose Schnupperlehren und versucht, die magere Schulbildung aufzubessern. Mit nur drei Jahren Dorfschule in Qarabaghi hat er wenig mitgebracht. Dennoch gelingt der Start in eine einjährige Vorlehre als Gipser.

Schlechte Nachrichten aus der Heimat machen Mohamad zusätzlich zu schaffen. Sein Vater ist vor kurzem gestorben. Ein Bus ist in einen Schusswechsel geraten, der Fahrer in Panik, ein Unfall – Gewalt, wie sie in Afghanistan zum Alltag gehört. Die Mutter bleibt mit den andern Kindern ohne Perspektive im Dorf. Doch Mohamad, fernab der Heimat, hat wenig Mittel, die Familie in der Not zu unterstützen. Besuche sind nicht möglich. Mit dem Ausweis F darf Mohamad – wie jeder vorläufig Aufgenommene – die Schweiz nicht verlassen.

Legende: Video Mohamad ist dankbar für die Unterstützung abspielen. Laufzeit 02:57 Minuten.
Aus DOK vom 20.06.2018.

Reza Haidary ist erst 14 Jahre alt, als er auf einem kleinen überfüllten Boot in Griechenland ankommt. 13 Monate verbringt er dort in einem Gefängnis. In einer Gruppe von fünf Personen erreicht er später Venedig – versteckt in einem Lastwagen auf einer Fähre. Die Polizei schickt alle andern Flüchtlinge zurück, der jugendliche Reza kann bleiben. Da er inzwischen weiss, dass Ezmari und Mohamad in der Schweiz sind, will er da auch hin. Italien lässt ihn ziehen.

Afghanistan: Wahljahr im Krieg

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Afghanistan: Wahljahr im Krieg
Legende:Eine Gruppe militanter Taliban posiert für ein Foto mit Soldaten der afghanischen Armee während eines 3-tägigen Waffenstillstandes. (17. Juni 2018)keystone

Von Thomas Ruttig

Am 20. Oktober sollen in Afghanistan Parlaments- und Distriktratswahlen stattfinden. Die Wahlen für die Wolesi Jirga, das Unterhaus des Parlaments, sind inzwischen seit drei Jahren überfällig. Sie hätten bereits im Mai 2015 stattfinden müssen.

Wahlreformen verhindert

Aber Querelen in der wackligen Koalition zwischen Staatspräsident Aschraf Ghani und Regierungschef Dr. Abdullah verhinderten dringend nötige Wahlreformen.

Auf solche Reformen – vor der Parlamentsneuwahl – hatten sich beide nach der umstrittenen und von massiven Fälschungen überschatteten Präsidentenwahl 2014 geeinigt. Aber beide Seiten verzettelten sich in Personaldebatten, um die Kontrolle über die künftige Wahlkommission zu gewinnen.

Die Räte der über 400 afghanischen Distrikte wurden bisher überhaupt noch nie gewählt, aus Sicherheitserwägungen und wegen technischer Probleme.

Die nur sehr unvollständige Umsetzung des nationalen Wahlkalenders ist ein Zeichen für den Qualitätsverlust der afghanischen Staatsinstitutionen.

Sie stellt auch der US-geführten Intervention, die 2001 das Regime der Taliban stürzte und u.a. einen funktionsfähigen Staat wieder aufbauen sollte, ein schlechtes Zeugnis aus.

Ein Krieg, der kein Ende nimmt

Aber die grösste Hürde für die Wahlen ist der andauernde Krieg. Dessen Parameter tendieren fast ausnahmslos in negative Richtung: Die Zahlen der Kampfhandlungen und Anschläge steigen an. Es gibt immer mehr vom Konflikt Vertriebene, und die afghanischen Sicherheitskräfte verzeichnen höhere Verluste. Ausserdem nimmt der Anteil des Landesterritoriums, das von den Taliban vollständig oder überwiegend kontrolliert wird, seit Jahren kontinuierlich zu.

Blühendes Opiumgeschäft

Alle befinden sich auf Rekordniveau, von 2001 an gerechnet. Das gleiche gilt für die Produktion an Opiummohn. Einzige Ausnahme, ebenfalls nach vielen Rekordjahren, bildet die Zahl der zivilen Kriegsopfer. Sie sank von 2016 auf 2017 um neun Prozent.

Ob der Trend anhält, ist aber fraglich: Sowohl US-Truppen als auch Taliban haben im laufenden Jahr ihre Operationen ausgeweitet. Die Zahl von Luftschlägen und Terrorattacken steigt wieder an.

Taliban und islamischer Staat

Mehrere Provinzhauptstädte sind von den Taliban umzingelt. Die afghanische Regierung hält über die Hälfte der afghanischen Distrikte für «gefährdet». Dazu kommen seit mehreren Jahren aktive, wenn auch kleine Gruppen des Islamischen Staates. Sie haben es vor allem auf die schiitische Minderheit abgesehen.

Die Taliban haben unterdessen die Einladung Ghanis ausgeschlagen, sich im Oktober ebenfalls dem Wählervotum zu stellen. Stattdessen riefen sie die Bevölkerung zum Boykott auf.

Friedensgespräche kamen nie in Gang

Im Gegensatz zur jetzigen offenen Zurückweisung Ghanis sahen die Taliban bei der letzten Präsidentenwahl 2014 in vielen Landesteilen davon ab, den Urnengang zu stören. Sie wollten einen Mit-Paschtunen an der Staatsspitze stehen. Ghani siegte auch dank ihrer Zurückhaltung. Aber in den Augen der Aufständischen zeigte er sich danach nicht erkenntlich.

Wirkliche Friedensgespräche kamen nie in Gang. Die Hauptforderungen der Taliban – als Kriegspartei anerkannt zu werden und den Abzug der westlichen Truppen – wurden bisher ignoriert. Dafür gibt es jetzt aber einen Hoffnungsschimmer: Im Februar boten Afghanistans Unterstützer, darunter die USA, indirekt an, ein Abzugszeitplan könne Thema von Verhandlungen werden.

Schwer kontrollierbare Milizen

Die schlecht vorbereiteten Wahlen, vor allem das Fehlen einer allseits anerkannten Schiedsstelle für erwartbare Einsprüche, könnten zusätzliche Konflikte hervorrufen. Angesichts der Militarisierung der afghanischen Gesellschaft – einschliesslich einer Vielzahl schwer kontrollierbarer lokaler Milizen – kann man nicht ausschliessen, dass diese Konflikte bewaffnet ausgetragen werden. Das wiederum könnte die Vorbereitung der nächsten Präsidentenwahl beeinflussen, die spätestens am 22. April 2019 stattfinden muss.

Thomas Ruttig ist Kodirektor des unabhängigen Think Tanks Afghanistan Analysts Network (Kabul/Berlin), der u.a. von der Schweizer Regierung gefördert wird.

Wie Ezmari im Kanton Aargau kommt auch Reza – nach einigen anderen Stationen – in die Obhut einer Schweizer Familie in Uster. In der Nestwärme kann er sich entfalten. Er besucht eine Spezialklasse in der Berufswahlschule und findet eine Attestlehrstelle als Gärtner. In der Zwischenzeit hat er die Abschlussprüfung hinter sich, kennt aber das Resultat noch nicht. Doch niemand aus seinem Umfeld zweifelt an seinem erfolgreichen Abschneiden. Für Herbst 2018 hat er bereits die Zusage für eine 3-jährige Gärtnerlehre.

Legende: Video Reza hat in der Schweiz eine neue Familie gefunden abspielen. Laufzeit 03:31 Minuten.
Aus DOK vom 20.06.2018.

Die Geschichten von Ezmari, Mohamad Reza strahlen Optimismus aus, dass Integration gelingen kann.

Der «DOK» zum Thema

Legende: Video Die Jungs von Qarabaghi abspielen. Laufzeit 51:07 Minuten.
Aus DOK vom 20.06.2018.

Woher die Menschen der neuen Asylanträge stammen

19 Kommentare

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  • Kommentar von Massimo Manenti (Circeo)
    Es ist doch ökonomisch viel sinnvoller, leute in die Lage zu versetzen, dass sie von der sozialhilfe los kommen, wie das erste Beispiel zeigt. Die rückweisung von F flüchtlingen, hängt von der Situation in den Hetkunftsländern ab. Gerade in Afghanistan ist eine Beruhigung offenbar nicht in Sicht. Die Finanzierung einer Attestausbildung, kostet bestimmt weniger als jahrzehntelange sozialhilfe zu entrichten. Mal abgesehen davon, dass diese Leute sich mit einer Arbeit ja auch nützlich machen.
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  • Kommentar von Daniel Bucher (DE)
    Bei den 3 Beispielen handelt es sich immer um vorläufige Aufnahmen. Das heisst, kein Asyl sondern Wegweisung. Diese konnte (oder wollte) nicht vollzogen werden und deshalb lebten sie jahrelang auf Kosten der Steuerzahler. Auch während der weiteren 3 jährigen Lehre darf der Steuerzahler für den illegalen Grenzübertritt brav weiterzahlen. Ein tolles Geschäftsmodell - jedenfalls für die Sozialarbeiter.
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  • Kommentar von Daniel Bucher (DE)
    Alle sind über den Landweg gekommen. Keiner hätte Anrecht auf ein Asylgesuch in der Schweiz, da sie dieses im erste EU Land hätten einreichen müssen. Der Artikel zeigt, dass der Vertrag von Dublin zum Nachteil der Schweiz nicht eingehalten wird. Jede dieser Aufnahmen macht die Schweiz nur attraktiver für weitere Migranten. Die Steuerzahler werden von den Migrationsbehörden andauernd hinters Licht geführt und abgezockt.
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