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Unter der Brücke Ein Jahr mit dem Obdachlosen Peter Hämmerli

Peter Hämmerli hat einen Ausstieg aus der Gesellschaft gewählt, der an Radikalität nicht zu überbieten ist. Heikko Böhm und Simon Usteri haben versucht einem Mann nahe zu kommen, der eigentlich nichts mit Menschen zu tun haben will.

Legende: Video «Ich bin eher ein Morgenmuffel» abspielen. Laufzeit 00:37 Minuten.
Aus DOK vom 30.04.2017.

Peter Hämmerli fällt auf. Ein gross gewachsener Mann. Sein Körper ist hager, das lässt den kahl geschorenen Schädel gewaltig wirken. In Zürich ist er uns in den vergangenen Jahren immer wieder begegnet. Kaum da, war er schon wieder weg. Ein Phantom.

Im Dezember 2015 folgen wir dem Obdachlosen bis unter eine Brücke. Wir kommen ins Gespräch und Peter zeigt bereitwillig sein «Heim». Es gibt eine Kochstelle, angefeuert mit Holz. In der Ecke eine provisorische Schlafstelle. In dutzenden von Plastikflaschen bunkert er Trink- und Waschwasser. Als Kühlschrank dient ein Plastiksack, der im Fahrtwind der wenige Meter nebenan vorbeirauschenden Autos und Lastwagen schwingt. Über uns erzittert der Asphalt unter dem Schwerverkehr. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Von unserer Idee, eine Reportage über ihn zu machen, ist er wenig begeistert.

Tagesrhythmus und Rituale

Peters Alltag wird oft vom Wetter bestimmt. Bei Regen stehen Arbeiten unter der Brücke an: Holz spalten, Kleider flicken, Schuhe reparieren und Wasser besorgen. Und da ist noch das Lauftraining. Immer wieder. Er muss sich bewegen und dreht mit schnellen Schritten unter der Brücke seine Runden. So hält er sich fit, aber vor allem warm. Auffällig ist seine Reinlichkeit. Er wäscht sich mindestens dreimal pro Tag. Nichts hasst er mehr, als verschwitzt zu sein.

Legende: Video Waschritual abspielen. Laufzeit 00:33 Minuten.
Aus DOK vom 30.04.2017.
Legende: Video Waschritual abspielen. Laufzeit 00:33 Minuten.
Aus DOK vom 30.04.2017.

Schwierige Dreharbeiten

Peter Hämmerli besitzt kein Telefon. Mit ihm zu planen, ist sehr schwierig. Nach einiger Zeit entwickeln wir ein Gefühl dafür, wo sich Peter zu welcher Tageszeit in Zürich aufhalten könnte. Aber selbst wenn wir es schaffen, uns für einen Morgen zu verabreden, so macht uns Peters wechselhafte Stimmung schon mal ordentliche Striche durch die Rechnung. Da stehen wir mit dem Equipment und unser Protagonist hat keine Lust.

Legende: Video Rasieren mit stumpfer Klinge abspielen. Laufzeit 00:48 Minuten.
Aus DOK vom 30.04.2017.

Zu einem Eklat kommt es im Sommer. Für einige Wochen haben wir uns nicht gesehen. Wir finden Peter Hämmerli an der Limmat beim Wäschewaschen, fangen an zu drehen und werden von ihm übel beschimpft. Uns ist klar: Wir haben eine Grenze überschritten und nicht gespürt, dass wir in dieser Situation auf die Kamera hätten verzichten müssen.

Da sich unsere Hauptfigur ungern an Abmachungen hält, drehen wir ab jetzt nach dem Zufallsprinzip: Wir heften uns an seine Fersen und schauen, was passiert. Das kostet uns letztendlich mehr Nerven und Drehtage, beschert uns aber so schöne Begegnungen wie bei einem Dreh in Höngg, als Peter animiert von einem Passanten angesprochen wird.

Legende: Video «Ich beobachte Sie schon lange» abspielen. Laufzeit 00:46 Minuten.
Aus DOK vom 30.04.2017.

Es hat sich zwischen uns trotz allem so etwas wie Vertrauen entwickelt. Peter Hämmerli gewährte uns Einblicke in sein Leben, obwohl er eigentlich alles daran setzt, die Spuren seines Lebens zu verwischen. Einfach weil er die Menschen um sich herum nicht mehr aushält. Ein Leben, das, wie wir nach den Dreharbeiten wissen, wenig zu tun hat mit der grossen Freiheit und verklärtem Eremitendasein.

Zum Autor

Zum Autor

Heikko Böhm arbeitet seit 2014 bei SRF für die Volkskultur, sowie vereinzelt für «DOK». Zuvor produzierte er für freie Produktionsfirmen Dokumentarfilme und Reportagen.

«Reporter»

«Der Mann unter der Brücke», Sonntag 30. April 2017, 21.40 Uhr auf SRF1.

8 Kommentare

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  • Kommentar von R. Steiner (SteinerR)
    Sehr authentischer Beitrag. Die unbeantworteten Fragen sind Teil davon. Den Rest kann man erahnen wenn.
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  • Kommentar von Katharina Studer (gino)
    Das ging unter die Haut! Die Frage stellte sich mir; lässt sich dieser Mann überhaupt helfen? Oder ist er mit seinem Alleinsein schon so sehr weit weg von uns? Dass er Nähe gar nicht mehr ertragen könnte? Warum geht er nicht zb zu einer Anlaufstelle? Oder Pfarrer Sieber? Das sind einfach Gedanken von mir. Der Film war sehr berührend.
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  • Kommentar von Susanne Grelling (Susanne Grelling)
    Ich lebe in Thailand und habe den Bericht über Peter Hämmerli gesehen. Es hat mich sehr tief berührt. Wie kann man Ihm behilflich sein beim Beschaffen der überlebensnotwendigen Mittel, wie warme Kleidung, gutes Schuhwerk, guter Schlafsack, ohne dass er in seiner bewundernswerten Individualität bedrängt wird? Ich wünsche Peter Hämmerli viel Kraft und Mut auf seinem Weg.
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    1. Antwort von Sehr geehrte Frau Gellert
      Danke für Ihre Nachfrage. Viele Leute fragen, ob und wie sie helfen können. Auch wir als Autoren haben versucht, ihm hier und da etwas Gutes zu tun, mal eine Einladung zum Essen oder Kleidung, ein neuer Schlafsack. Jedes Mal hat unser Protagonist diese mögliche Unterstützung entschieden abgelehnt. Nur mit frischen Früchten konnten wir ihm eine Freude machen. Es ist Peter Hämmerlis Wunsch unabhängig zu sein und niemandem etwas zu schulden. Wenn ihm Menschen ab und zu Lebensmittel unter die Brücke legen, dann ist das für ihn in Ordnung. Aber es ist nicht so, dass er darauf wartet. Beruhigend ist, dass von behördlicher Seite regelmässig nach ihm geschaut wird. Dies vor allem während der harten Wintermonate. Vertreter des Sozialdepartements Zürich, sowie die Beamten der Stadtpolizei kennen Peter Hämmerlis Situation um sind um sein Wohlergehen besorgt. Gleichzeitig respektieren sie seinen Wunsch, um allein zu sein und dulden seine „Wohnsituation“ unter der Brücke. Wir haben Peter Hämmerli versprochen, nicht publik zu machen, wo er lebt. Mit freundlichen Grüssen Heikko Böhm
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