Offener Strafvollzug «Eine Brücke in die Freiheit»

Was, wenn ein Ex-Häftling der neue Nachbar ist? Wie wichtig ist uns dann, dass dieser auf ein Leben in Freiheit vorbereitet ist? Wer für Resozialisierung eintritt, muss sich gegen den Vorwurf der «Kuscheljustiz» wehren. Hans-Rudolf Schwarz, Direktor der Strafanstalt Witzwil, kennt diese Kritik.

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Zur Person

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Hans-Rudolf Schwarz leitet seit 2007 als Direktor die Strafanstalt Witzwil. Er initiierte die Kampagne «Weil er schon morgen ihr Nachbar sein könnte».

Wie entscheidend ist die Form des Strafvollzugs für die Insassen, die irgendwann wieder entlassen werden?

Hans-Rudolf Schwarz: Der Strafvollzug erzielt dann die beste Wirkung, wenn der Straftäter den Vollzug als verhältnismässig, fair, vernetzt und konsequent erlebt. Entscheidend ist also die Art des Erlebens des Freiheitsentzuges, aber auch die Bedeutung, die der Straftäter selbst der Strafe zuweist.

Strafen werden sehr individuell empfunden, vom Opfer, von den Bürgern, von den Tätern. Das reicht gewissermassen vom Paradies bis zur Hölle. Alexander Solschenizyn hat im Gulag Schlimmstes erlebt und bezeichnet dennoch seine Zeit in den Lagern Sibiriens als bedeutendste und lehrreichste Wende in seinem Leben. Dagegen beschreibt Oscar Wilde, der wegen Homosexualität zwei Jahre im Gefängnis war, das Gefängnis als Ort der Perversion und des Bösen.

«Du sitzt allein in der Zelle mit deinen Problemen»

1:15 min, vom 6.9.2017

Gibt es Studien darüber, inwiefern die Form des Strafvollzuges in einem Gefängnis Auswirkungen auf die Rückfallquote hat?

Es ist nachgewiesen, dass Straftäter, die direkt aus einer geschlossenen Institution entlassen werden, eine höhere Rückfallquote aufweisen als Gefangene, die aus einem offenen Regime entlassen werden. Ebenso werden Straftäter, die auf Bewährung entlassen werden, weniger rückfällig als Gefangene ohne Bewährung.

In ein schlimmes Gefängnis will niemand zurück – funktioniert das nicht als «Abschreckung»?

Die generalpräventive Freiheitsstrafe als Abschreckung für weitere Straftaten ist nicht belegt. Man weiss aber, dass die Entdeckungswahrscheinlichkeit und die Reaktion im sozialen Umfeld eine Rolle spielen. Das heisst, wenn mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Verbrechen aufgeklärt wird, oder wenn mit der Tat eine Abkehr der eigenen Familie vom Täter oder gar der soziale Ausschluss aus der Gesellschaft drohen, hat das eine präventive Wirkung.

Wiederholungstäter handeln häufig situationsspezifisch und wenig geplant. Sie sind daher für Abschreckungsstrategien kaum erreichbar.

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Bildlegende: Kampagne für offenen Strafvollzug (2012) Kanton Bern

Sie haben eine Plakatkampagne ins Leben gerufen. Auf einem Plakat ist ein Insasse zu sehen und daneben steht: «Weil er schon morgen Ihr Nachbar sein könnte». Auf einem anderen: «Damit er nicht wieder ganz der Alte wird.» Was wollen Sie als Gefängnisdirektor damit sagen?

Der offene Vollzug ist eine Art «Brücke in die Freiheit». Er ist für viele Straftäter die letzte Station vor der Entlassung in die Freiheit. Der offene Vollzug mit einer individuellen Vollzugsplanung und kontrollierter Erprobung setzt sich damit für langfristige Sicherheit ein.

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Bildlegende: Kampagne (2012) Kanton Bern

Es kommt aber immer wieder vor, dass Straftäter gerade auf dem Freigang erneut Straftaten begehen. Wie gewichten Sie zwischen dem Schutz der Öffentlichkeit und Ihrer Aufgabe als Gefängnisdirektor, die Insassen auf ein Leben draussen vorzubereiten?

Es ist heute keine Frage mehr, dass Vollzugslockerungen nur gewährt werden, wenn davon ausgegangen werden kann, dass der Schutz der Öffentlichkeit gewahrt bleibt. Anstaltsleitungen werden sich immer für die Sicherheit entscheiden, auch wenn damit eine Familie länger auf den Besuch des Vaters warten muss.

Sie kennen die Diskussion um «Kuschelvollzug» sehr gut, man nannte Ihre Anstalt auch schon «Wohlfühl-Oase». Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen Strafe und Chance?

Erfolgreiche Wiedereingliederung ohne realitätsnahe Arbeitsplätze, Bildungs- und Freizeitangebote funktioniert nicht. Kurze und längere Urlaube dienen zur Erprobung des Gelernten und für den Beziehungsaufbau. Grenzen sind dort gesetzt, wo der Schutz der Allgemeinheit auf dem Spiel steht oder etwa bei exklusiven Freizeitangeboten wie Golfen oder Segeln.

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Resozialisierung in Norwegen, harte Strafen in den USA

1:29 min, vom 6.9.2017
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«DOK» am Mittwoch

«DOK» am Mittwoch

«Bessere Nachbarn», Mittwoch, 6. September 2017, 22:55 Uhr, SRF1.

Im Dokfilm «Bessere Nachbarn» wird die Frage gestellt, wie es für die Opfer ist, wenn ein Täter in einem Gefängnis untergebracht ist, in dem er sich vielleicht sogar wohl fühlt, anständige Bedingungen hat und Zukunftsperspektiven erhält. Während die Zukunft des Opfers unter Umständen zerstört ist. Was sagen Sie da?

Als Gefängnisdirektor bin ich mir der Problematik bewusst. Wir haben deshalb in der JVA Witzwil ein Programm zur Tatbearbeitung und Wiedergutmachung entwickelt. Jeder Straftäter muss – unabhängig von der Straflänge – dieses Programm absolvieren. Das ist der Teil, den wir leisten können. Opfer von Straftaten dürfen aber vor allem nicht allein gelassen werden – und das ist eine staatliche Aufgabe.

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    SRF 1 06.09.2017 22:55

    DOK
    Bessere Nachbarn

    06.09.2017 22:55

    Wie entscheidend ist es, wie sich der Alltag in einem Gefängnis gestaltet? Wieviel Einfluss hat die Art, wie ein Gefängnis geführt wird, auf die Insassen – vor allem wenn sie dereinst entlassen und vielleicht Nachbarn werden?