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Ems-Chemie – Dunkle Helfer nach dem Zweiten Weltkrieg
Aus DOK vom 05.11.2020.
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Die Schweiz nach 1945 Ems-Chemie – die verborgene Geschichte

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs engagierte die Ems-Chemie zahlreiche deutsche Chemiker mit Nazi-Vergangenheit – unter anderem sogar einen verurteilten Kriegsverbrecher. Involviert war auch ein prominenter Sozialdemokrat.

Es ist eine unglaubliche Geschichte: Ohne Nazi-Chemiker wäre der grösste private Arbeitgeber des Kantons Graubünden, die Ems-Chemie, wohl nicht mehr da. Heute ist die Ems-Chemie Holding AG ein international erfolgreiches Unternehmen mit über 2800 Mitarbeitenden und einem Jahresumsatz von über 2 Milliarden Franken. Geleitet von Magdalena Martullo-Blocher, Tochter des ehemaligen Firmenchefs und Besitzers, alt Bundesrat Christoph Blocher. Gegründet wurde das Werk unter dem Namen Hovag 1936 von Werner Oswald, der Mann, der später Christoph Blocher anstellte.

Der junge Werner Oswald, Gründer der Hovag, der Vorgängerfirma der Ems-Chemie.
Legende: Der junge Werner Oswald, Gründer der Hovag, der Vorgängerfirma der Ems-Chemie. Quelle: keine

Treibstoff aus Holz als Benzinersatz

Die Hovag produzierte während des Zweiten Weltkriegs synthetischen Benzin-Ersatz aus Abfallholz. Für die Bündner Bevölkerung war das Werk «ein Geschenk des Himmels», sagt der pensionierte Ems-Chemiker Marcel Capaul. Sein Vater, ein Bündner Regierungsrat, war mitbeteiligt an der Gründung.

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Marcel Capaul: «Unsägliche Einfachheit und Armut.»
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Der Benzinersatz war während den Kriegszeiten ein enorm gefragtes Produkt – unter anderem garantierte die Hovag, dass die Schweizer Luftwaffe überhaupt noch fliegen konnte. Deshalb finanzierte der Bundesrat denn auch mit öffentlichen Geldern den Bau des Treibstoffwerks.

Historikerin Regula Bochsler ordnet ein: «Man geht davon aus, dass im Krieg nur noch zehn Prozent der zuvor importierten Ware gekauft werden konnte. Das nationalsozialistische Deutschland nutzte die eingeschlossene Lage der Schweiz, um den Bundesrat unter Druck zu setzen.»

Nach Kriegsende stand die Hovag vor dem Aus

Ende des Zweiten Weltkriegs war die Hovag, die Vorgängerin der Ems-Chemie, der wichtigste und grösste Arbeitgeber des Kantons Graubünden. Doch die Schweiz brauchte jetzt keinen Treibstoff-Ersatz mehr, das billige Benzin konnte wieder importiert werden.

Der sozialdemokratische Nationalrat Robert Grimm (links) zusammen mit dem Zürcher Rechtsanwalt Ernst Imfeld
Legende: Der sozialdemokratische Nationalrat Robert Grimm (links) zusammen mit dem Zürcher Rechtsanwalt Ernst Imfeld. Sie waren verantwortlich für die Finanzierung der Hovag und die Vermittlung des deutschen Chemikers Johann Giesen an Werner Oswald. Schweizerisches Bundesarchiv

Hovag-Gründer Werner Oswald suchte nach Ersatzprodukten. Hilfe fand Oswald wiederum beim prominenten Sozialdemokraten Robert Grimm. Dieser vermittelte Oswald einen deutschen Chemiker. Sein Name: Johann Giesen.

Dr. Oswald wusste natürlich, dass er in Ems ohne die deutschen Entwickler nicht weiterkommt. Er musste bei der deutschen Spitzenchemie anklopfen.
Autor: Marcel Capaulpensionierter Ems-Chemiker

Der Historiker Lukas Straumann hat für die sogenannte Bergier-Kommission, die Unabhängige Expertenkommission UEK, die Vorgänge untersucht. Straumann sagt: «Giesen war die zentrale Figur für die Umrüstung der Hovag von einem kriegswirtschaftlichen Triebstoffbetrieb in eine Kunststoffproduktion. Er war Forschungsleiter bei der Hovag, also der späteren Ems-Chemie. Bis 1970 blieb er im Verwaltungsrat. Ohne diese Umrüstung hätte die Ems-Chemie wohl nicht überlebt, so Straumann weiter.

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Lukas Straumann: «Es war klar, dass es verurteilte Kriegsverbrecher waren.»
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Nazi-Chemiker bauen Kunstfaser-Produktion auf

Johann Giesen war während des Kriegs Direktor beim grössten deutschen Industrieunternehmen IG Farben. Unter anderem war er zuständig für die Kunstfaser-Produktion, dem sogenannten Perlon, ein ähnliches Produkt wie das amerikanische Nylon. Giesen brachte eine ganze Reihe von deutschen Chemikern nach Domat-Ems. Viele waren hochrangige NSDAP- oder SS-Mitglieder.

Christoph Blocher betont, dass er damals noch nicht bei der Ems-Chemie arbeitete: «Ich war erst Ende der 60er-Jahre dabei, da war der Krieg vorbei.» Er bestätigt, dass die Hovag Ende des Zweiten Weltkriegs deutsche Spezialisten anstellte: «Da sind ganze Reihen von ostdeutschen Chemikern gekommen. Die hatten natürlich alle eine nationalsozialistische Vergangenheit.»

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Christoph Blocher: «Die Chemiker hatten alle eine nationalsozialistische Vergangenheit.»
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Und er erklärt, dass Oswald nie eine nationalsozialistische Gesinnung hatte: «Das war etwas, das er innerlich sehr abgelehnt hat.» Aber ein Unternehmer müsse mit Leuten verschiedener Herkunft arbeiten können.

Das waren tüchtige Leute, nicht irgendwelche Dummköpfe, die das aufgebaut haben. Das waren sehr schlaue Leute, aber sie haben charakterlich versagt.
Autor: Christoph Blocheralt Bundesrat

Diese Nazi-Chemiker halfen, die Hovag in ein modernes Chemiewerk umzuwandeln: Statt Benzinersatz produzierte Werner Oswald jetzt Kunstfasern. Er nannte sein Nylon-Produkt «Grilon», GR für Graubünden.

Johann Giesen (links) zusammen mit Werner Oswald zeigt.
Legende: Das einzige Bild, dass Johann Giesen (links) zusammen mit Werner Oswald zeigt. Giesen leitete im Zweiten Weltkrieg das Methanolwerk Auschwitz-Monowitz. Quelle: keine

Insbesondere Giesen war ein Mann mit dunkler Vergangenheit. Laut Historiker Straumann hatte Giesen beim Aufbau der Methanol-Produktion im IG-Farbenwerk in Auschwitz die Federführung. «Und 1944, als ein anderer Direktor starb, hat er die Gesamtleitung der Treibstoffproduktion in Auschwitz verantwortet», so Straumann weiter.

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Lukas Straumann: «Giesen hatte die Gesamtleitung der Treibstoffproduktion»
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Auschwitz-Monowitz: Industriekomplex und KZ

Der Industriekomplex Auschwitz-Monowitz wurde mit Zwangsarbeitern aufgebaut – die Arbeitsbedingungen waren grauenhaft, sagt die Historikerin Bettina Zeugin.

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Bettina Zeugin: «Nur ganz wenige haben das Arbeitslager überlebt.»
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Verurteilter Kriegsverbrecher als Berater

Giesens Vorgesetzter hiess Heinrich Bütefisch, ein hohes SS-Mitglied. Heinrich Bütefisch wurde nach dem Krieg zu sechs Jahren Haft wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt im Zusammenhang mit der Ausbeutung von KZ-Häftlingen und ausländischen Zwangsarbeitern. Historiker Straumann erinnert, dass Bütefisch einer der wenigen IG-Farben Konzernleitungsmitglieder war, die eine Haftstrafe erhielten. Andere wurden freigesprochen.

Heinrich Bütefisch
Legende: Heinrich Bütefisch, Vorgesetzter von Johann Giesen. Er wurde wegen seiner Rolle in Auschwitz-Monowitz als Kriegsverbrecher verurteilt. National Archives Washington

Auch Bütefisch kam später auf die Lohnliste von Werner Oswald. Die Unabhängige Expertenkommission UEK, die sogenannte Bergier-Kommission, recherchierte diese Zusammenhänge bereits Ende der 90er-Jahre.

Lukas Straumann fand im Archiv der Ems-Chemie die entsprechenden Dokumente: «Wir haben dann festgestellt, dass Oswald Briefkontakt hatte. Bütefisch hatte ein Beratungsmandat bei der Hovag. Man hat mit diesen Leuten gearbeitet, obwohl klar war, dass das verurteilte Kriegsverbrecher waren. Man ging davon aus, als er 1951 aus der Haft entlassen wurde, dass man ja jetzt wieder mit denen arbeiten kann.»

Diese Erkenntnisse der Bergier-Kommission blieben praktisch unbeachtet. Zudem unterstanden die Archivunterlagen der Bergier-Kommission einer Sperrfrist. SRF erwirkte die Freigabe – hier die Dokumente. Sie zeigen, dass Werner Oswald bis 1964 Kontakte mit dem ehemaligen SS-Sturmbannführer pflegte:

Und SRF DOK fand im Bundesarchiv Bern auch Hinweise, dass der Sozialdemokrat Robert Grimm über Giesens dunkle Vergangenheit informiert war.

Hat Werner Oswald den Kontakt abgebrochen?

Christoph Blocher sagt, von Bütefisch habe er erst aus der Geschichtsliteratur erfahren. Er gehe davon aus, dass Oswald den Kontakt abgebrochen habe, nachdem er später, im Jahr 1964, von dessen Verurteilung erfahren habe: «Ich kann es nicht beweisen, weil ich nicht dabei war», sagt Blocher. Aber er gehe davon aus, denn Oswald habe Ende der 60er-Jahre gewarnt und gesagt, man müsse aufpassen mit dem Kontakt.

Antwort auf diese offene Frage könnte eventuell das Firmenarchiv der Ems-Chemie geben, wo die Korrespondenz Oswald-Bütefisch aufbewahrt ist. Doch Ems-Chemie verweigerte SRF den Einblick in diese Korrespondenz. Begründung: Die Bergier-Kommission habe diesen Bestand bereits gründlich analysiert.

«1945 – Zurück auf Start»

«1945 – Zurück auf Start»

Deutsche Chemiker mit Nazi-Vergangenheit helfen beim Aufbau der heutigen Ems-Chemie. War dies zulässig oder verwerflich? Wie beurteilen wir heute die Entscheide von damals? Und wie viel wissen wir über dieses verborgene Kapitel Schweizer Geschichte? Acht junge Medienschaffende aus allen Landesteilen der Schweiz stellen sich diesen Fragen, und es entstehen Debatten, die zum Nachdenken anregen.

1945 – Kriegsende in Europa

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1945 – Kriegsende in Europa
Legende:SRF

Vor 75 Jahren im Jahr 1945 endete der Zweite Weltkrieg. Und auch die kriegsverschonte Schweiz wurde von diesem historischen Moment beeinflusst. Die frühe Nachkriegszeit ist jedoch eine spannungsvolle Leerstelle im historischen Gedächtnis des Landes.

Mit dem Schwerpunkt «1945» will SRF Fragen beantworten, Diskussionen anregen und das Verständnis für die damaligen Ereignisse fördern.

Alle bisherigen Beiträge zu «1945» und zum Kriegsende allgemein gibt es hier.

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22 Kommentare

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  • Kommentar von Harald Francke  (Harry&Dobby)
    Ich habe auch in einem ehemaligen Unternehmen der IG-Farben gelernt und gearbeitet. Es wurde synthetischer Kautschuk zur Herstellung von kriegsrelevanten Fahrzeugreifen produziert. Neben der Fabrik gab es auch Baracken für die Zwangsarbeiter. Ich fand es nur traurig, dass sich das Unternehmen gegen die Aufarbeitung der Geschichte gewehrt hat. Warum kann der Mensch nicht zugeben: "Ja, wir haben früher Scheisse gebaut, aber nun haben wir daraus gelernt. Machen wir es besser!"
    Bitte seid ehrlich.
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  • Kommentar von Harald Francke  (Harry&Dobby)
    Wenn man es so sehen will, gibt's auch heute politisch u./o. sozial fehlgeleitete aber geniale Menschen. Es wird diese immer geben. Ich sehe es nicht unbedingt als verwerflich, dass die Industrien sich Ex-Nazis für den wirtschaftlichen Aufbau gehalten haben. Es ist aber dumm u. verwerflich sich der Vergangenheit, deren Aufarbeitung zu verschliessen. Ja, man darf sich schämen. Aber wo ständen wir heute? Auch ich muss aus u. mit meinen Fehlern lernen u. leben. Ich darf sie nur nicht verleugnen.
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  • Kommentar von Armand Pirovino  (srfforum2016)
    Verrückt: In der Nähe aufgewachsen: NIE etwas erfahren! Zwar: «Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!» Ja, wie hätten wir gehandelt? Unvergesslich bleibt mir ein dt. Ingenieur: «Menschen sind verführbar!» Er glaubte lange: «Hitler ist unser Herrgott!» Damals in Ems vermutlich: Der Zweck heiligt die Mittel. Aber seit 1945 totschweigen? Was bedeutet das für unsere humane CH? Wobei auch die guten Seiten hier nicht vergessen werden! Bloss: Am 29. 11. heisst es wieder: Profit oder Ethik.
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