«Es muss andere Optionen geben, auch im allerletzen Moment»

Die Britin Debbie Binner begleitete ihren Ehemann vor 8 Monaten in die Schweiz – zum Sterben. Simon Binner war unheilbar erkrankt. Die Ärzte gaben ihm noch ein Jahr zu leben. Der Familienvater entschied sich für den Freitod. Debbie Binner zweifelte an diesem Entschluss bis zuletzt – ein Interview.

Video «Der Gedanke an Sterbehilfe ängstigt Debbie Binner» abspielen

Der Gedanke an Sterbehilfe ängstigt Debbie Binner

1:17 min, vom 16.6.2016
Zusatzinhalt überspringen

Zur Person

Zur Person

Debbie Binner lehnte die Entscheidung ihres Mannes für eine Freitodbegleitung vehement ab. Im Film bringt sie ihre Zweifel immer wieder zur Sprache.

SRF DOK: Wie geht es Ihnen 8 Monate nach dem Tod Ihres Mannes?

Debbie Binner: Mir geht es okay. Ich bin ein positiver Mensch – und unverwüstlich. Ich habe meinen Mann sehr geliebt, und wir haben jeden Aspekt seiner Entscheidung diskutiert. Auf eine gewisse Weise fühle ich jetzt einen Frieden, weil wir uns vorher den Kopf zermartert haben über diese Entscheidung.

Was machen Sie heute?

Ich arbeite wieder, als Journalistin und Kommunikationsberaterin. Ausserdem habe ich eine Gruppe mitgegründet für Kinder mit Krebs (Unite2Cure). Wir arbeiten mit anderen Akteuren zusammen, um innovative Lösungen zu finden, weil bei seltenen Krankheiten wie ALS und Krebs bei Kindern und Teenagern oft das Geld fehlt. Ich glaube sehr fest daran, dass man aus Tragödien etwas Positives machen muss – was sonst soll der Sinn sein?!

Zusatzinhalt überspringen

Was ist ALS?

Amyotrophe Lateralsklerose ist eine rasch voranschreitende Erkrankung des Nervensystems und ist nicht heilbar. Betroffene Menschen verlieren kontinuierlich Muskelsubstanz. An Armen und Beinen, am Sprech-, Kau- und Schluckapparat. Die meisten Patienten leben bei fortschreitender Lähmung noch 3 bis 5 Jahre. Die Ursache der Erkrankung ist unklar.

2 Jahre vor Simons Tod ist ja meine jüngste Tochter mit 18 Jahren an Krebs gestorben. Ich habe also ziemlich viel Erfahrung mit Verlust umzugehen. Mich haben diese Schicksalsschläge nur stärker gemacht und sie haben mich ermutigt, dass ich etwas bewirken will auf der Welt. Ich habe das Gefühl, dass dies der beste Weg ist, wie ich meine geliebte Tochter und meinen geliebten Ehemann ehren kann.

Wenn Sie heute zurückblicken, wie denken Sie über Simons Entscheidung? Sie waren am Anfang gegen die Freitodbegleitung.

Ich bin in den letzten 6 Monaten stark in mich gegangen, aber ich konnte es nicht richtig klären. Ich glaube, für ihn war es in seiner Situation wohl das Richtige. Aber ich finde es immer noch sehr heikel. Wenn sich das Gesetz hier in Grossbritannien doch noch ändert – und ich denke das sollte es – dann muss dies mit grosser Vorsicht geschehen. Es braucht sehr klare Leitplanken. Ich bin froh, dass unsere Erfahrung dazu beigetragen hat, die Debatte neu zu beleben, das ist grundsätzlich eine gute Sache.

Simon Binner mit seinem Hund Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Simon Binner mit seinem Hund SRF

Die Alternative zum begleiteten Freitod wäre palliative Medizin gewesen. Wie denken Sie über diese Alternative? Es gibt Stimmen, die sagen, dass diese Variante gerade im Fall von ALS zu wenig ausgereift ist.

Es stimmt, dass sie zu wenig ausgereift ist. Was immer wir in Grossbritannien entscheiden in Bezug auf Freitodbegleitung, wir müssen die palliative Pflege verbessern. Es muss immer möglich sein, dass man noch Optionen hat, auch im allerletzten Moment. Es gibt Krankheiten, welche die Vorstellungskraft der Menschen übersteigt – zum Beispiel ALS. Die Ärzte können ein bisschen helfen, mit Medikamenten, gegen einige der Symptome. Aber es ist eine grausame, unbarmherzige und angsteinflössende Krankheit, und man ist zum grössten Teil auf sich alleine gestellt. Die moderne Medizin kann wenig tun. Vielleicht, wenn die palliative Pflege besser wäre, oder es bessere Behandlungsmöglichkeiten gäbe, würden die Leute nicht das tun wollen, was Simon getan hat. Aber die harte Realität ist, dass es gar nichts gibt, was hilft. Also müssen die Leute diese schwierige Entscheidung treffen.

Erika Preisig Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Erika Preisig ist Ärztin und Freitodbegleiterin. SRF

Nun wird der Film in der Schweiz gezeigt. Hier sind Freitodbegleitungen erlaubt, und hier ist Simon gestorben. Was möchten Sie dem Schweizer Publikum gerne sagen?

Meine Güte, das ist schwierig… In unserer ganz besonderen Situation war die Reise in die Schweiz für unsere Familie das Richtige. Erika (Preisig von «Lifecircle», Anm. d. Red.) ist eine sehr einfühlsame Ärztin und ich bin so froh, dass sie uns beistand. Ich bin vielleicht nicht mit allem einverstanden, was sie sagt, aber ich habe den grössten Respekt vor ihr. Sie ist ein wunderbarer Mensch.

Was halten Sie vom Schweizer Gesetz?

Ich glaube, dass das Schweizer Gesetz geprägt ist durch Mitgefühl und den Wunsch, Leiden zu lindern – auch davor habe ich den grössten Respekt. Und davor, dass die Schweizer den Ausländern Zugang zu dieser Behandlung gewähren. Alles im Zusammenhang mit unserer Reise in die Schweiz fühlte sich sanft und mitfühlend an.

Das mag jetzt vielleicht scheinheilig klingen, aber Simon hatte wirklich das Gefühl, dass er keine Wahl hatte. Da die palliative Pflege ungenügend ist, hatte Simon mehr Angst davor weiterzuleben als zu sterben. Das Schweizer Gesetz ermöglichte es ihm, den Tod zu haben, den er wollte, und dafür bin ich enorm dankbar.

«Ihre Frau muss weiterleben»

2:56 min, vom 16.6.2016

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich wünsche mir eine Welt, in der es bessere Behandlungsmethoden und bessere palliative Pflege gibt. So lange es das noch nicht gibt, werden Menschen mit Krankheiten wie ALS gezwungen sein, solche Entscheidungen zu treffen. Alleine und ohne Unterstützung. Ich glaube, das ist kein menschenwürdiger Weg, also muss sich etwas ändern. Was dieses «etwas» ist, weiss ich allerdings auch nicht abschliessend.

Sendungen zu diesem Artikel