Flucht aus Nordkorea, angekommen im Thurgau

Die 4-jährige Joyenna aus Nordkorea erlebt eine gefährliche Flucht: über China nach Laos und weiter nach Thailand. Ein Jahr später wird sie von einer Schweizer Familie adoptiert. Und auch hier bleiben ihr Schicksalsschläge nicht erspart. Muriel Spitzer erzählt die Geschichte eines starken Mädchens.

Joyenna mit ihrem Hund Flöckli. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Joyenna mit Familienhund Flöckli. SRF

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Muriel Spitzer arbeitet seit 2008 im «DOK»-Team. Ihr Schwerpunkt sind internationale Dokfilme, die sie für das Schweizer Publikum übersetzt und neu bearbeitet.

Ich erinnere mich noch genau an die erste Begegnung mit der 11-jährigen Joyenna: Sie öffnet mir mit der einen Hand die Haustür, unter den anderen Arm geklemmt hält sie «Flöckli» – einen der Hunde der Familie Deller. Sie schmettert mir ein «Hallo!» entgegen und strahlt mich an.

Ich bin erleichtert. Denn ich wusste nicht genau, was mich erwarten würde. Alles, was ich über Joyenna zu diesem Zeitpunkt wusste, stammte aus einem Film, den meine Kollegin an der internationalen Filmmesse in Cannes entdeckt hatte. Er zeigte, wie die kleine Mi Hyang, so hiess Joyenna damals noch, als 4-jähriges Mädchen von ihrer nordkoreanischen, leiblichen Mutter getrennt wurde, eine gefährliche Flucht durch ganz Südostasien auf sich nehmen musste, in Thailand in einem Heim steckenblieb – bis sie in die Schweiz zu ihrer Adoptiv-Familie kam.

Eine Grossfamilie im Thurgau adoptiert Joyenna

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«Die ersten zwei Wochen in der Schweiz waren sehr schwer.»

0:51 min, vom 29.9.2016

Nun kommt Mirjam Deller um die Ecke. Wir setzen uns an den grossen Familientisch. Die Adoptiv-Mutter erzählt mir ihre Geschichte: Dass sie ein Mädchen aus Nordkorea adoptieren wollte, wie Joyenna zu ihnen kam, wie es dem Mädchen erging, seit es in die Schweiz gekommen ist. Und sie erzählt auch vom Moment, als ihr Ehemann und Joyennas geliebter Adoptiv-Vater starb. Immer wieder kommt Joyenna dazu, will genau wissen, wozu ich das alles erfahren will, dann saust sie wieder davon, um ihrer kleinen Schwester Janine hinterherzurennen, den Hund zu streicheln oder im oberen Stock in ihrem Zimmer zu spielen. Wir brauchen einen kleinen Moment, bis wir einander verstehen – ich sie, weil ihre Sprache aufgrund ihrer Gehörlosigkeit nicht ganz deutlich ist – und sie mich, weil sie sich genau konzentrieren muss, wenn sie jemanden neu kennenlernt, erklärt mir die Mutter. Doch wir verstehen uns rasch – und wir verstehen uns gut.

Abschied von der leiblichen Mutter

1:06 min, vom 29.9.2016

Schwierige Erfahrungen für ein Kind

Ich bin beeindruckt, wie reif Joyenna wirkt. Als Mutter von Kindern in ähnlichem Alter ertappe ich mich dabei, wie ich innerlich beginne zu vergleichen. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Joyenna schon so viel durchgemacht hat in ihrem doch recht kurzen Leben. Die Trennung von der leiblichen Mutter, die Operationen am Ohr, das Kinderheim in Thailand, die lange Reise in die Schweiz, der Tod ihres Adoptiv-Vaters. Viel für ein Kind.

Wie geht ein so kleines Mädchen mit so vielen, schwierigen Erfahrungen um, frage ich mich. Mirjam Deller sagt, Joyenna sei ein starkes Mädchen mit einem sehr starken Willen, das sich gut in die Grossfamilie integriert hat.

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«DOK» am Donnerstag

«Ein Mädchen, zwei Mütter», Donnerstag, 29. September 2016, 20:05 Uhr, SRF1.

Joyenna ist eine Kämpferin. Das ist auch mir schon nach dem ersten Besuch bewusst. Ich bin gespannt, wie Joyenna auf den angekündigten Besuch ihrer leiblichen Mutter aus Südkorea reagieren wird? Wir dürfen die Begegnung mit der Kamera dokumentieren, und mir wird klar, weshalb das Mädchen auch diese anspruchsvolle Situation so gut meistert – Joyenna bekommt bei Familie Deller Halt und Geborgenheit, und hat sich trotz allem zu einem aufgeweckten und lebensfrohen Mädchen entwickelt.

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Halt in der Familie

1:11 min, vom 29.9.2016

Sendungen zu diesem Artikel

  • Video «Ein Mädchen, zwei Mütter» abspielen
    SRF 1 29.09.2016 20:05

    DOK
    Ein Mädchen, zwei Mütter

    29.09.2016 20:05

    Filme über Adoption beginnen meist dann, wenn die Kinder in ihrer neuen Heimat angekommen sind. Dieser Film beginnt schon viel früher; bei der Trennung von Mutter und Kind. «DOK» begleitet das Mädchen vom Abschied von der leiblichen Mutter bis zur Ankunft bei der Adoptivfamilie in der Schweiz.

  • SRF 1 19.11.2015 20:05

    DOK
    Mein erstes Leben – Adoptierte Menschen ergründen ihre Wurzeln

    19.11.2015 20:05

    Wie gehen Menschen damit um, nicht zu wissen, wer ihre Eltern sind? Nicht zu wissen, warum die eigene Mutter sie zur Adoption freigegeben hat? «DOK» beleuchtet das Schicksal dreier Erwachsener, die beschlossen haben, den Schleier zu lüften, der auf ihrem ersten Lebensabschnitt liegt.