Gaza: Sehnsucht nach Normalität

Nach vielen Jahren kehrt der ehemalige SRF-Nahostkorrespondent Tilman Lingner für einen «Reporter» in den Gazastreifen zurück. Obwohl er das Gebiet aus den Jahren zwischen 2000 und 2004 kennt, ist er aufs Neue überrascht.

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Der Hoffnungsträger

22 min, aus Reporter vom 9.11.2014
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Tilman Lingner arbeitet seit 2012 für das Wirtschaftsmagazin «Eco». Seit 1999 ist er für SRF tätig, erst als Nahostkorrespondent, später als US-Korrespondent.

Als ich meinen Kollegen mitteilte, dass ich für einen «Reporter» über den Generalkommissar der UNRWA Pierre Krähenbühl nach Gaza will, schauten mich manche besorgt an: «Ist dir das nicht zu gefährlich?»

Dem Kameramann Matthias Gruic offerierten ein paar gute Seelen des Senders vorsorglich zwei kugelsichere Westen. Wir verzichteten darauf.

Unbegründete Angst vor Anfeindungen

Yahya Elshaer, Muezzin: «Alles kaputt, warum?»

1:03 min, vom 9.11.2014

Doch einen Tag vor unserer Reise nach Gaza wurde mir dann doch etwas mulmig. Obwohl ich als Journalist weiss, dass die Berichterstattung zwangsläufig den Fokus auf die schlimmsten Ereignisse richtet, habe ich mich gefragt, ob wir als fremdes Reporterteam nicht angefeindet werden könnten.

Die Überraschung war gross. Die Menschen waren nett, neugierig, wollten erzählen und uns alles zeigen. Selbst in Shejaiya, dem Randbezirk von Gazastadt, der im Krieg fast dem Erdboden gleich gemacht worden war, wurden wir freundlich behandelt.

Frauen zeigen Selbstvertrauen

Pierre Krähenbühl: «Ich bin mit allen Parteien im Dialog.»

1:22 min, vom 9.11.2014

Von meiner Zeit als Nahostkorrespondent zwischen 2000 und 2004 kannte ich Gaza. Dennoch musste ich erneut lernen, dass der Gazastreifen nicht nur aus zerschossenen Leibern, heulenden Müttern und martialischen Kämpfern besteht.

Es gibt auch Normalität. Es gibt Menschen, die ganz bürgerliche Träume haben, ein einfaches Auskommen finden wollen, einer Arbeit nachgehen und sich ein bisschen Wohlstand erschaffen möchten. Seit die Hamas an der Macht ist, tragen die Frauen zwar fast ausnahmslos den Hidschab, aber auch sie zeigen Selbstvertrauen, machen sich schön, schätzen bunte Stoffe und schminken sich.

Wir haben gesehen: Es gibt auch eine Welt jenseits von Fundamentalismus, Krieg und Hass. Gaza ist nicht nur ein Ort des Schreckens, es kann beinahe auch schön sein.

Sendungen zu diesem Artikel

  • SRF 1 09.11.2014 21:40

    Reporter
    Der Hoffnungsträger

    09.11.2014 21:40

    Vielleicht ist es sein Mut, vielleicht sein ruhiges Naturell, vielleicht einfach nur 25 Jahre Erfahrung mit Krieg und Zerstörung. Pierre Krähenbühl gewinnt rasch das Vertrauen seiner Mitmenschen. Und das muss er auch: Der Schweizer will nichts Geringeres als den Gazastreifen wieder aufbauen.

  • SRF 1 07.09.2014 11:00

    Sternstunde Philosophie
    Wie weiter im Nahen Osten, Pierre Krähenbühl?

    07.09.2014 11:00

    Wie soll es nach dem neusten Krieg in Gaza weitergehen? Eine wichtige Rolle wird Pierre Krähenbühl spielen, Generalkommissar der UN-Agentur für Palästinaflüchtlinge und höchster Schweizer bei der UNO. Barbara Bleisch spricht mit ihm über Lösungsansätze und die Rolle der Schweiz als Vermittlerin.