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Sakuntala Kawitha Küttel: «Ein adoptiertes Kind ist entwurzelt.»
Aus DOK vom 06.03.2019.
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Adoptivkinder aus Sri Lanka Gefälschte Papiere und viele Fragen

Sakuntala Kawitha Küttel wurde als kleines Mädchen aus Sri Lanka in die Schweiz adoptiert. Wie bei vielen der 700 Kinder, die Anfang der 80er Jahre in die Schweiz kamen, wurden ihre Papiere gefälscht. Heute ist Sakuntala 40 Jahre alt, hat vier Kinder und eine Menge Fragen.

Mit fünf Jahren kam die kleine Sakuntala in die Schweiz, nach Reinach im Kanton Aargau. Ihre Adoptiveltern hatten sie über eine lokale Vermittlerin, Dawn da Silva in Sri Lanka, adoptiert. Dass alle Unterlagen zu dem Mädchen gefälscht waren, wussten sie damals nicht.

Bis heute kennt Sakuntala ihre echte Identität nicht. Sie weiss nicht, wie und weshalb sie als Neugeborenes in die «Babyfarm» von Dawn da Silva gelangte – und vor allem, ob ihre Mutter sie freiwillig weggegeben hatte, oder ob man ihr Sakuntala weggenommen hatte.

Wenn man eine Pflanze im Wald ausreisst, muss man sie pflegen, sonst geht sie ein.
Autor: Sakuntala Kawitha Küttel

Das kleine Mädchen hat Mühe, sich in der neuen Heimat zurechtzufinden. Von den Adoptiveltern erfährt sie wenig Liebe und Zuneigung und zudem wenig Verständnis für ihre Situation. «Ein Kind, das adoptiert wird, wird entwurzelt. Ein solches Kind braucht Liebe und Pflege – ähnlich wie eine Pflanze, die man im Wald ausreisst: Die muss man hegen und pflegen, sonst geht sie ein», sagt Sakuntala.

Was tut die Schweiz?

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Was tut die Schweiz?
Legende: In den 1980er Jahren wurden bis zu 11'000 Kinder mit gefälschten Identitäten aus Sri Lanka zur Adoption freigegeben. 700 davon kamen in die Schweiz. SRF

Im September 2017 hat die srilankische Regierung in einem holländischen Dokumentarfilm erstmals offiziell die Existenz von sogenannten «Babyfarmen» bestätigt. Dort sollen Kleinkinder unter prekären Bedingungen bis zur Adoption gehalten worden sein. 1987 verbot Sri Lanka zwar bereits vorübergehend internationale Adoptionen, nachdem die Polizei auf eine «Babyfarm» gestossen war. Der Adoptionsskandal geriet aber wieder in Vergessenheit.

Im März 2018 nahm der Bundesrat ein Postulat der SP-Nationalrätin Rebecca Ana Ruiz an, das Aufklärung im Adoptionsskandal fordert. Das Bundesamt für Justiz muss nun die damaligen Adoptionspraktiken untersuchen. Ein schwieriges Unterfangen, das Jahre andauern wird.

Im Januar 2019 veröffentlichte der Kanton St. Gallen einen Bericht zu den Adoptierten, die über die in der Zwischenzeit verstorbene Vermittlerin Alice Honegger aus St. Gallen in die Schweiz vermittelt wurden.

Obschon es bereits in den 1980ern kritische Hinweise gab, hatten diese nicht zu dauerhaften Konsequenzen geführt. Ob den Aufsichtsbehörden rechtswidriges Verhalten vorgeworfen werden kann, sei noch abzuklären, heisst es im Bericht. Der Verein « Back to the Roots», Link öffnet in einem neuen Fensterim Browser öffnen bedauert die zaghafte Einschätzung des Berichts durch den Kanton St. Gallen, insbesondere den unzulässigen Schluss, dass kein rechtwidriges Verhalten vorliegt.

Die Intressengemeinschaft «Back to the Roots» zählt bis heute 330 Mitglieder. Bis heute haben sich 168 Adoptierte aus Sri Lanka bei der Gemeinschaft gemeldet.

Als Jugendliche kämpft Sakuntala mit Depressionen. Mit 14 Jahren beginnt sie Fragen zu stellen – sie will wissen, woher sie kommt und welche Wurzeln sie hat. Ihre Adoptiveltern haben dafür kein Verständnis.

Sakuntala geht es erst besser, als sie ihren Mann kennenlernt und eine eigene Familie gründet. Heute hat sie vier Kinder. Sie sagt, für ihre Kinder und ihre Familie da sein zu können, habe ihr Kraft und Lebensmut gegeben.

Die Wende kam, als ich selbst Mutter wurde.
Autor: Sakuntala Kawitha Küttel

Anfangs 2018 reist Sakuntala mit ihrem Mann nach Sri Lanka. Sie will vor Ort nach ihrer leiblichen Mutter suchen, doch alle Hinweise enden in einer Sackgasse. Sakuntala weiss, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibt. Sie schätzt, dass ihre Mutter um die 80 Jahre alt sein muss, falls sie überhaupt noch lebt.

Aber Sakuntala hat gelernt, mit der Ungewissheit zu leben. Sie hat eine Ausbildung zum Coach absolviert und hilft nun in ihrer Arbeit anderen Adoptierten aus Sri Lanka dabei, positiv in die Zukunft zu blicken. Die Arbeit und ihre Familie geben ihr Kraft.

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Sarah Ramani Ineichen: «Als Hebamme hab ich schon viele Geburten erlebt, nur ich weiss nicht, woher ich komme.»
Aus DOK vom 06.03.2019.
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Auch Sarah Ramani Ineichen (37) stammt aus Sri Lanka. Im Alter von einem Monat wird sie von einem Schweizer Ehepaar adoptiert. Lange hat sie sich nicht für ihre Herkunft interessiert, doch gespürt, dass da etwas nicht stimmte, hat sie schon immer: «Es fühlt sich an wie kleine Nadeln, die dich immer wieder stechen, aber du weisst gar nicht genau, weshalb du diese Schmerzen hast.»

Von ihren ersten Lebenswochen weiss Sarah gar nichts, auch nicht, weshalb ihre Mutter sie verlassen hat. Aus jener Zeit hat sie nur ein schwarz-weisses Foto, aber sie ist sich nicht einmal sicher, ob das Mädchen auf dem Bild wirklich sie selbst ist.

Olivia Ramya Tanner ist auch aus Sri Lanka adoptiert. Auch sie weiss nichts über ihre Wurzeln, was ihr in der Jugend schwer zu schaffen machte. Sie hatte grosse Schuldgefühle, und dies, obwohl sie bei liebenden Adoptiveltern aufwuchs.

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Olivia Ramya Tanner: «Ich dachte immer, dass etwas mit mir nicht stimmt.»
Aus DOK vom 06.03.2019.
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Sarah und Olivia haben dank eines DNA-Tests herausgefunden, dass sie entfernte Cousinen sind – ein glücklicher Zufall. Im März 2017 reisen sie zusammen nach Sri Lanka. Als sie in Colombo auf dem zuständigen Amt wissen wollen, wo ihre echten Geburtsdokumente sind, werden sie noch einmal enttäuscht. Auf dem Amt begreifen die Frauen, dass sie auf dem Papier in Sri Lanka nicht existieren.

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Olivia und Sarah auf dem Amt in Sri Lanka
Aus DOK vom 06.03.2019.
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Zurück in der Schweiz gründen Sarah und Olivia für die Adoptierten aus Sri Lanka den Verein «Back to the roots», Link öffnet in einem neuen Fensterim Browser öffnen. Der Verein hat bereits 120 Mitglieder.

Neben der Unterstützung bei der Suche nach den leiblichen Eltern, unter anderem durch DNA-Tests, wollen sie Aufklärungsarbeit in der Öffentlichkeit leisten. Und vor allem wollen sie auch die politische Aufarbeitung in der Schweiz vorantreiben.

Der DOK zum Thema:

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Adoptivkinder aus Sri Lanka – Ein Schweizer Skandal (1/2)
Aus DOK vom 06.03.2019.
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21 Kommentare

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  • Kommentar von Ernst Boller  (THINK)
    Mich befremdet die Tatsache, dass es Paare gibt, die sich nicht damit abfinden können, dass sie keine eigenen Kinder bekommen können und dann einfach eines einkaufen. Dass solche Kinder später ihre Eltern suchen, verstehe ich.
    Das nächste Kapitel werden die mit Samenspenden gezeugten Kinder schreiben. Da wird noch einiges auf uns zukommen.
    1. Antwort von Sandra Kilchenmann  (Sandra Kilchenmann)
      Wissen Sie eigentlich was die da sagen Herr Boller. Meine Adoptiveltern haben mich nicht gekauft. Sie sollten sich schämen so einen niveaulosen Kommentar abgegebenen zu haben. Hoffentlich haben Sie keine Kinder.
  • Kommentar von M. Roe  (M. Roe)
    Warum wird das uns vorgetragen. Das sollen jetzt die Adoptionseltern selber richten! Das geht uns gar nichts an. Man konnte sich ja immer vorstellen, dass da etwas nicht stimmt. Sogar bei mir hat eine Frau erwartet, dass ich ihr meine Tochter abgeben würde, da ich eigentlich zu jung war. Das einzige was meiner Tochter geholfen hätte, wäre eine Abtreibung gewesen. Ich wollte sie nicht weggeben, dafür musste ich immer arbeiten, und sie bestraft mich noch heute mit Vorwürfen!
    1. Antwort von Barbara Jermann  (BarbaraJ)
      Wenn Sie meinen, diese Geschichten gehen uns nichts an, dann geht uns Ihre Geschichte auch nichts an und Sie hätten sie unerwähnt lassen sollen....
  • Kommentar von Barbara Jermann  (BarbaraJ)
    Boah, dass die Adoptiveltern das Adoptivkind NICHT darin unterstützen, seine biologischen Eltern zu finden sondern grad auch noch "zur Strafe" den Kontakt abbrechen ist ja schon happig. Für mich völlig unverständlich.
    Wie wärs denn mal noch mit Julia Leischik sucht: Bitte melde dich ?