Regina wollte helfen. Ein Hund aus dem Ausland, mit schwieriger Vergangenheit – das passte zu ihrem Bild von Solidarität. «Es gibt Tiere, die niemand will und die am Rand sind», sagt Regina Lang. Darum holte die Sozialarbeiterin aus Zürich einen Tierschutzhund aus Rumämien.
Was nach einem warmen Entschluss klingt, wird im Alltag schnell zur Prüfung: Schlafmangel, Stress, Zweifel – ihr Hund Snoopy lässt sich am Anfang kaum anfassen. Er ist nicht an Menschen gewöhnt.
Jö allein reicht nicht
Carolina Jaroch, Hundetrainerin, beobachtet häufig Menschen, die sich in einen Tierschutzhund verlieben – und in die Idee vom geretteten Hund. Dabei unterschätzen sie, was Trauma, Unsicherheit und fehlende Sozialisierung bedeuten können.
«Ein Tierschutzhund kann viel aufwendiger sein», sagt sie. Und manchmal sei es besser, einen Hund ohne Vorgeschichte zu wählen – weil man sonst länger, kleinschrittiger und konsequenter arbeiten müsse.
Wenn «Tierschutz» plötzlich ein Geschäft ist
Neben der emotionalen Seite gibt es eine unbequeme Wahrheit: Nicht alles, was als Tierschutz verkauft wird, ist Tierschutz. Carolina Jaroch spricht offen über Missbrauch – und über Mechanismen, die mit Hilfsbereitschaft spielen. «Hunde werden teilweise gezüchtet, um später als Tierschutzhunde verkauft zu werden», sagt sie. Und warum? «Weil man weiss, dass in Ländern wie der Schweiz Leute helfen wollen.»
Das ist heikel: Wer helfen will, sucht oft nach Sinn – und nach einer Geschichte, die berührt. Genau dort setzen unseriöse Vermittlungen an. Im besten Fall bekommt man einen Hund, der tatsächlich gerettet wurde – im schlechtesten Fall finanziert man ein System, das Leid produziert, um es anschliessend als «Rettung» zu vermarkten.
Private Hundeimporte: ein Problem
In der Schweiz leben rund 560'000 Hunde, sie sind nach Katzen das zweitbeliebteste Haustier im Land. Jährlich werden rund 25'000 Hunde aus dem Ausland importiert, von denen nicht alle aus seriösen Zuchten oder verantwortungsvollen Organisationen stammen. Viele «Tierschutzhunde» kommen aus Osteuropa oder dem Balkan, oft mit unklarer Vorgeschichte.
Auch Tierheime in der Schweiz spüren die Folgen des Importbooms von Tierschutzhunden. Laut dem Schweizer Tierschutz steigt die Zahl der Abgabehunde seit Jahren, besonders bei verhaltensauffälligen Tieren. Viele unterschätzen den Aufwand eines Import-Hundes oder sind mit deren Angst- und Stressreaktionen überfordert.
Gleichzeitig fehlen in der Schweiz einheitliche Kontrollen für private Hundeimporte. Zwar gelten Impf- und Chip-Pflicht, doch Herkunft, Haltung und Zuchtbedingungen im Ausland lassen sich oft nur schwer überprüfen. Das begünstigt Grauzonen zwischen Tierschutz, Handel und illegalem Geschäft.
Sicherheit durch Training
Regina Langs Hund Snoopy ist am Anfang vor allem eines: ängstlich. «Die ersten Wochen habe ich kaum geschlafen», erzählt Regina. Raus um zwei Uhr, raus um vier Uhr – immer wieder, weil Snoopy unruhig war. Er hat in die Wohnung gemacht, draussen kam er nicht zur Ruhe.
Regina merkte schnell: Hier braucht er ganz viel Geduld, Führung und Vertrauen, damit sich ihr Hund beruhigt. Nach monatelanger Arbeit wird Regina Langs Einsatz belohnt: Snoopy lässt sich anfassen, wird sicherer, bleibt in neuen Situationen ruhiger. Für Aussenstehende wirkt das unspektakulär – für Regina ist es ein Meilenstein, der aus hunderten Wiederholungen besteht.
Hundetrainerin Carolina Jaroch betont dabei immer wieder das Prinzip: Sicherheit entsteht nicht durch Druck, sondern durch verlässliche Abläufe, kleinschrittiges Training und ein Timing, das den Hund nicht überfordert. Das Ziel sei nicht «funktionieren», sondern Beziehung – und damit die Grundlage, dass der Hund überhaupt lernen kann.
Nicht nur den Hund retten
Je länger Regina Lang mit Snoopy arbeitet, desto klarer wird: Das Projekt «Tierschutzhund» verändert nicht nur den Hund. Es verändert auch den Menschen. Sie sagt, sie habe gelernt, «Grenzen zu setzen» – und auch zu sehen, wann sie selbst Pause braucht. «Ich muss auch auf mich schauen. Sonst kann ich nicht auf ihn schauen.»
Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft: Ein Tierschutzhund ist kein Selbstverwirklichungsprojekt – sondern Verantwortung. Wer sich dafür entscheidet, sollte laut Hundetrainerin Carolina Jaroch nicht nur mitfühlen, sondern planen: Zeit, Unterstützung, Training, Rückzugsorte, Kosten. Und die Bereitschaft haben, dass «Fortschritt» manchmal schlicht bedeutet: Ein Hund bleibt heute ruhig, wo er gestern noch panisch war.
Am Ende steht im Idealfall kein geretteter Hund, sondern eine gute Beziehung zwischen Mensch und Hund – entstanden aus Arbeit, Rückschlägen und dem langen Weg von Angst zu Vertrauen.