Sven Stoltenberg blickt auf seine Excel-Liste, die Farbe Rot dominiert hier: Absage, Absage, Absage. Sein Werdegang war bis hierhin von Erfolgen geprägt und gipfelte in seinem Masterabschluss in Gesundheitswissenschaften der ETH, den er mit der Note von 5,7 abgeschlossen hatte – an einer der besten Hochschulen der Welt.
Eigentlich wollte er im Frühjahr 2025 den Sprung auf den Arbeitsmarkt schaffen und endlich sein eigenes Geld verdienen. Doch seine Karriere geriet ins Stocken: «Mit den ersten Absagen habe ich gerechnet, aber als ich dann die zehnte standardisierte Absage erhalten habe, empfand ich das schon als frustrierend. Ich dachte, es würde zwei Monate dauern, bis ich einen passenden Job finden würde.» Das war jedoch nicht der Fall.
Stoltenberg ist kein Einzelfall
Der 25-jährige Masterabsolvent ist nicht allein in dieser Situation. Klara Sasse, Co-Präsidentin des Verbandes der Schweizer Studierendenschaften (VSS) äussert sich besorgt: «Wir machen uns grosse Sorgen. Die aktuelle Situation auf dem Arbeitsmarkt führt zu hässlichen Nebenwirkungen. Die Studierenden müssen sich um die letzten Stellen streiten, das führt dazu, dass man Jobs unter sehr schlechten Bedingungen annehmen muss.»
Ein Blick auf die Zahlen bestätigt das Gefühl, das die Studierenden äussern: Seit Ende 2022 ist die Arbeitslosigkeit kontinuierlich gestiegen und befindet sich aktuell laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft bei 3,2 Prozent. Auffällig ist, dass der Anteil der Hochschulabsolvierenden unter den Arbeitslosen leicht zunimmt: Lag er Ende 2022 noch bei 26 Prozent, ist er im Dezember 2025 auf 32 Prozent gestiegen.
Je nach Fachbereich können die Werte jedoch schwanken. So sind die geisteswissenschaftlichen, interdisziplinären und künstlerischen Studiengänge am stärksten von Erwerbslosigkeit innerhalb eines Jahres nach dem Abschluss betroffen, das geht aus einer Befragung unter Hochschulabsolvierenden des Bundesamtes für Statistik hervor.
Es hat mich ständig beschäftigt
Sven zeigt sich verunsichert von seiner Situation: «Die Absagen wurden nie zur Routine, es hat sich eher zermürbend angefühlt.» Er beschreibt die arbeitslose Zeit als ein Auf und Ab, das sein ganzes Leben einnahm: «Es hat mich ständig beschäftigt und dazu geführt, dass ich andere Dinge im Leben nicht mehr geniessen konnte. Als der Frühling begann und die ersten schönen Tage des Jahres da waren, konnte ich mich darüber nicht freuen. Das hat mich sehr belastet.»
Der ETH-Absolvent beschreibt zudem, dass ihm der Sinn im Alltag fehlte, und sich ein weiteres Gefühl breit machte: «Ich habe meine schulische Laufbahn erfolgreich abgeschlossen – vom Gymnasium bis zum Bachelor- und Masterstudium an der ETH. Uns wurde öfter gesagt, dass das nur die Besten schaffen würden. Das vermittelte mir die Sicherheit, kompetent zu sein, und gab mir das Gefühl, auf dem Arbeitsmarkt gefragt zu sein.»
Während seiner Zeit als Arbeitssuchender fand Sven durch seine Tätigkeit als Klassenassistenz in einem Kindergarten neue Orientierung. Die Arbeit gab seinem Alltag wieder Struktur.
Trüber Arbeitsmarkt
Doch warum gestaltet sich die aktuelle Arbeitssuche als schwieriger? «Es ist ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die die Lage auf dem Arbeitsmarkt derzeit eintrüben», sagt Lena Dändliker, Leiterin des Swiss Education Lab an der ETH Zürich. «Die letzten zwei Jahre waren wirtschaftlich eher schwierig.» Auf den pandemiebedingten Einbruch sei zunächst ein Aufschwung gefolgt: «Doch dieser Boom scheint vorbei», erklärt Dändliker, die zum Schweizer Bildungsmarkt forscht.
Inzwischen würden sich strukturelle Merkmale bemerkbar machen: eine insgesamt schwächere Konjunktur, digitale Entwicklungen, geopolitische Unsicherheiten und handelspolitische Spannungen. All diese Faktoren würden zusammen dazu führen, dass sich der Arbeitsmarkt derzeit weniger dynamisch präsentiere als noch vor kurzer Zeit. Daher sei es für Menschen, die gerade ihren Abschluss machen, aktuell schwieriger, einen Job zu finden.
Den Absolvierenden fehle es vor allem an Berufserfahrung: «Heutzutage braucht es auf dem Arbeitsmarkt zunehmend ‚Soft Skills‘ wie Flexibilität, Resilienz oder Teamfähigkeit.» Die Firmen würden zunehmend auf Praxiserfahrung setzen, da sie nicht wüssten, welche Technologien und Tools sie morgen benötigen würden.
Berufsausbildung versus Studium
Zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn stehen viele Jugendliche vor einer richtungsweisenden Entscheidung: Sollen sie eine Berufslehre absolvieren oder ein Studium aufnehmen? Geht es primär um die aktuellen Chancen auf dem Arbeitsmarkt, hat Lena Dändliker einen Rat: «Wenn ich mich heute entscheiden müsste, würde ich im Zweifelsfall eher eine Berufslehre empfehlen», sagt sie.
Gleichzeitig bleibt die Option offen, sich später weiterzubilden oder ein Studium zu beginnen
Eine Berufslehre werde nur ausgeschrieben, wenn sie von der Wirtschaft auch benötigt werde. Dadurch erlerne man schnell wirtschaftsrelevante Fähigkeiten im Unternehmen und könne sich gut auf den Arbeitsmarkt vorbereiten. «Gleichzeitig bleibt die Option offen, sich später weiterzubilden oder ein Studium zu beginnen», so Dändliker. Wichtig sei dabei vor allem, dass die Berufseinsteigenden etwas finden, das zu ihnen passe und ihnen Freude bereite.
Neue Perspektiven
In der Industrie fand Sven zunächst keine passende Stelle: «Mir ist aufgefallen, dass die ausgeschriebenen Stellen eine gewisse Zeit an Berufserfahrung verlangen. Das kann ich zwar nachvollziehen, aber man muss irgendwo anfangen, um Erfahrungen zu sammeln.» Nach einem halben Jahr entschied er sich für eine andere Lösung: Er begann ein PhD-Studium an der Universität Zürich. Sein akademischer Werdegang ist somit noch nicht abgeschlossen – er promoviert im Bereich der Humangenetik.
Dennoch ist sich Sven unsicher, ob er nach seinem Doktorat bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben wird: «Ich rechne damit, dass ich in vier Jahren in einer ähnlichen Situation sein werde. Aber ich traue mir nicht zu, einzuschätzen, wie sich der Arbeitsmarkt entwickeln wird. Ich lebe mit der Einstellung, dass es wichtig ist, jetzt mit dem, was ich mache, glücklich zu sein – und dass es eine sinnvolle Tätigkeit ist.»
Wie der Arbeitsmarkt sich wandeln wird, liegt noch im Nebel der kommenden Tage, dennoch gibt Dändliker einen Lichtblick: «Der demografische Wandel führt dazu, dass in Zukunft mehr Menschen aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden, als hinzukommen.» Das werde die Chancen junger Menschen wieder erhöhen, eine passende Stelle zu finden.