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Im Sturm des Klimawandels Klimaforscher Thomas Stocker beantwortet Fragen von Kritikern

Thomas Stocker gilt als einer der renommiertesten und einflussreichsten Klimaforscher weltweit. Wenn er ein halbwegs höfliches Mail mit einer Frage bekomme, beantworte er es, sagt Stocker. Es gebe aber auch Leute, bei denen das «reine Zeitverschwendung» sei.

Thomas Stocker unterwegs auf einer Forschungsreise in Grönland
Legende: Thomas Stocker unterwegs auf einer Forschungsreise in Grönland SRF

Zum Beispiel bei Paul Bossert, einem diplomierten Bauingenieur und Architekten, und Rainer Hoffmann, Prokurist, bringe das Beantworten von Fragen niemanden weiter. Beide engagieren sich für das sogenannte «Klimamanifest von Heiligenroth» – unter diesem Namen hat sich eine Gruppe von Kritikern zusammengeschlossen und publiziert online fleissig Artikel und Videos.

Auf Wunsch von «Reporter» hat sich Stocker hingesetzt und einige ihrer Fragen doch beantwortet. Mit dem absehbaren Ergebnis, dass Bossert und Hoffmann alles andere als überzeugt sind – und sich Stocker bestätigt sieht: «Reine Zeitverschwendung.»

Frage 1: In der Physik müssten Theorien bewiesen werden. Es existiere aber weltweit noch kein Experiment, in dem nachgewiesen werden konnte, dass die erdnahen Luftschichten infolge CO2 erwärmt werden. Ihr Kommentar?

Thomas Stocker: «Das Experiment findet seit Millionen von Jahren in der Atmosphäre statt, denn ohne Treibhausgase (Wasserdampf und CO2, plus weitere Spurengase) wäre die mittlere Temperatur an der Erdoberfläche -18,3 °C (In einer ersten Version schrieb Stocker «ca. –15°C», korrigierte sich aber später, Anm. SRF), und Leben wäre nicht möglich. Das ist der natürliche Treibhauseffekt der Erdatmosphäre.»

Paul Bossert vom «Klimamanifest» ist nicht überzeugt: «Thomas Stocker weicht in Sachen wissenschaftlicher Beweisführung aus, mit dem Hinweis auf die angebliche Treibhausgas-Hypothese. Thomas Stocker muss den wissenschaftlichen experimentellen Beweis erbringen, dass das CO2 die erdnahen Luftschichten erwärmt. So will es die wissenschaftliche Terminologie der Physik.»

Frage 2: Die Infrarot-Rückstrahlungstheorie sei nicht möglich, weil damit der zweite Hauptsatz der Thermodynamik verletzt werde. Werde auf dieser Theorie beharrt, wäre ein Perpetuum-Mobile zweiter Ordnung möglich, was aber bekanntermassen niemals funktionieren werde. Was sagen Sie dazu?

Thomas Stocker: «Der natürliche Treibhauseffekt, verursacht durch die Infrarot-Rückstrahlung durch die Treibhausgase in der Atmosphäre (vor allem H2O und CO2), zeigt deutlich, dass der Treibhauseffekt, sowohl der natürliche menschgemachte, sehr wohl im Einklang mit der Thermodynamik ist. Dieselbe Physik gilt für den zusätzlichen Treibhauseffekt, der durch die Erhöhung der Treibhausgaskonzentrationen zustande kommt. Die Infrarot-Rückstrahlung wird weltweit gemessen und zeigt, in Übereinstimmung mit dem durch menschliche Aktivitäten verstärkten Treibhauseffekt, einen deutlichen Anstieg seit Messbeginn.»

Paul Bossert vom «Klimamanifest» ist nicht überzeugt: «Thomas Stocker glaubt an eine Infrarot Rückstrahlung, obwohl es auf der Welt noch keinen einzigen Thermo-Scanner gibt, der diese so genannte atmosphärische Gegenstrahlung messen kann. Die von den «Klimaforschern» verwendeten Pyranometer und Pyrgeometer (z. B. von Kipp & Zonen) sind für eine Rückstrahlungsmessung nicht geeignet. Dass eine nicht messbare Rückstrahlung die Erde erwärmen soll, kann Thomas Stocker wissenschaftlich nicht beweisen.

Gemäss IPCC beträgt diese Rückstrahlung 342 W/m2. Das ist mehr als die gesamte Sonnenstrahlung von 340 W/m2. Wäre diese Strahlung vorhanden, könnte weltweit auf Heizungen verzichtet werden. Dass die Wärmeabstrahlung der Erde um 58 W/m2 grösser als die Sonneneinstrahlung sein soll, ist ebenfalls nicht nachvollziehbar.»

Frage 3: In den Jahren 1988 bis 1995, also in den Anfangsjahren des Weltklimarates IPCC, sei nach mehreren übereinstimmenden Quellen die absolute globale Mitteltemperatur zwischen 15,4 °C bis 15,5 °C ausgewiesen worden. Seit dem wissenschaftlichen 4. IPCC-Bericht 2007, für den auch Sie mitverantwortlich waren, verlaufe aber die globale Absoluttemperatur einer globalen Erderwärmung nur noch zwischen einem absoluten Temperaturfenster von 13,67 °C (für das Jahr 1850) und bis zu 14,8 °C (laut WMO in Genf für das Jahr 2017). Wurde es in den letzten 30 Jahren also kälter?

Thomas Stocker: «Die Wissenschaft steht nicht still, das heisst, dass auch diese Zahlen ständig hinterfragt und kritisch beurteilt werden. Wenn in einem nachfolgenden IPCC Bericht Zahlen korrigiert werden, erfolgt dies erst nach einem langwierigen Begutachtungsverfahren, eingehender Debatte und genauer Nachprüfung, bis schliesslich ein Konsens gefunden wird. Das bedeutet, dass die erwähnten Zahlen von einem früheren Bericht nicht mit denjenigen eines nachfolgenden Berichts verrechnet werden können.»

Rainer Hoffmann vom «Klimamanifest» ist nicht überzeugt: «Die Antwort von Thomas Stocker ist ausweichend und verfälschend, denn Thomas Stocker ignoriert, dass in den ersten Jahren seit der Gründung des IPCC eine ganz bestimmte, auch damals noch logisch-nachvollziehbare Begründung für eine gefährliche Erderwärmung der Weltöffentlichkeit vorgelegt worden ist, die auch heute noch nachweislich in Schulbüchern nachzulesen ist.

Es behauptet auch niemand, dass die erwähnten Zahlen von einem früheren IPCC mit denjenigen eines nachfolgenden Berichts – so Stocker wörtlich – «verrechnet» worden sein sollen. Es ist vielmehr durch Recherchen in den IPCC-Berichten 1 bis 5 erkennbar, dass im 5. IPCC-Bericht die ursprünglichen Temperaturgrundlagen für den «greenhouse-effect» (Treibhauseffekt) und «Globaler Absoluttemperatur» still und heimlich entfernt worden sind, obwohl diese Informationen im 4. IPCC-Bericht noch vorhanden waren.

Seit dem 5. IPCC-Bericht sind die argumentativen Grundlagen, mit denen vor über 30 Jahren eine gefährliche Erderwärmung begründet worden ist, entfernt worden. Es wurde nicht «verrechnet», sondern es wurden wichtige Informationen im 5. IPCC-Bericht «beseitigt», womöglich deshalb, weil die heutigen Widersprüche zu der damaligen Argumentation einer angeblich gefährlichen Erderwärmung, mittlerweile offensichtlich geworden sind.»

Frage 4: In den Anfangsjahren des IPCC sei der Wert aus dem «natürlichen Treibhauseffekt» durch die verantwortlichen Klimaforscher mit einer globalen Absoluttemperatur von 15 Grad begründet worden. Ein Wert, der auch heute noch in zahlreichen klima-wissenschaftlichen Publikationen und auch in aktuellen, deutschsprachigen Schulbüchern zu finden sei, um die Gefährlichkeit einer Erderwärmung zu erklären und zu begründen. Nach dem Ende der «Kleinen Eiszeit» im Jahr 1850 sei aber die globale Absoluttemperatur nur von 13,76 °C (1850) bis auf 14,8 °C (2017) angestiegen. Der Wert eines Treibhauseffekts von «+ 15 °C + X» sei also seit 1850 bis heute nicht überschritten worden. Inwiefern kann also überhaupt von einer «gefährlichen, mensch-verstärkten Erderwärmung» gesprochen werden?

Thomas Stocker: «Diese Behauptung entbehrt jeder Grundlage (siehe vorherige Antwort). Schulbücher sind nicht geeignet, um eine wissenschaftliche Debatte zu führen. Mit «gefährlicher Erderwärmung» ist nicht die bisher erfolgte Erwärmung von 1 °C seit dem Jahr 1900 gemeint, sondern die mögliche weitere Erwärmung von 4.5 °C in den kommenden 80 Jahren, falls die CO2 Emissionen nicht schnell sinken.»

Rainer Hoffmann vom «Klimamanifest» ist nicht überzeugt: «Thomas Stocker verleugnet mit seiner Antwort seine eigene Wissenschaft. Denn in Schulbüchern steht nachweislich die gleiche wissenschaftliche Argumentation, mit denen bereits vor über 30 Jahren die Klima(folgen)forschung eine gefährliche Erderwärmung begründet hatte, siehe z. B. die Seiten 27 bis 29 der Bundestagsdrucksache 11/8030 vom 24.05.1990 der wissenschaftlichen Enquete-Kommission, zu denen u. a. auch ein Hartmut Graßl und ein Paul Crutzen gehört haben.

Es lässt sich durch weitere, unzählige Publikationen in diversen Archiven nachweisen, dass die Klima(folgen)forschung in den Jahren 1988 bis 1995, also insbesondere in den Anfängen des IPCC, eine gefährliche, mensch-verstärkte Erderwärmung («gefährlicher Klimawandel») bei einer globalen Absoluttemperatur von oberhalb von 15 °C definiert hatte. Es ist deshalb auch historisch nachvollziehbar, dass diese Argumentation auch heute noch in Schulbüchern zu finden ist.

Kein geringer als Stefan Rahmstorf vom PIK in Potsdam hat im Februar 2018 unsere Recherchen als korrekte Prämissen bestätigt. Denn es steht de facto auch im Schellnhuber/Rahmstorf-Buch «DER KLIMAWANDEL», dass auf Basis der ursprünglichen und historischen Definition für eine gefährliche Erderwärmung seit über 150 Jahren keine gefährliche Erderwärmung existiert.»

Thomas Stocker verzichtet auf eine Replik.