In Mexico-City, einem der Austragungsorte der Fussball-Weltmeisterschaft 2026, leben rund 5400 Schweizerinnen und Schweizer. Die Megastadt ist eine Metropole der Gegensätze: Latino-Charme und Lebensfreude kontrastieren mit Chaos und Korruption. Drei eidgenössische Einblicke in den mexikanischen Alltag.
Tanja Vultier aus Spiez, NGO-Verantwortliche
«Die Mordrate in Mexiko ist in den vergangenen Jahren zwar gesunken. Dennoch werden weiterhin jedes Jahr zehntausende Menschen getötet. Gleichzeitig steigt die Zahl der als verschwunden gemeldeten Personen weiter an», sagt Tanja Vultier.
Die Bernerin lebt seit sechs Jahren in Mexiko-City und ist Koordinatorin des zivilen Friedensdienstes von «Brot für die Welt» im ganzen Land. In dieser Funktion begleitet sie unter anderem Initiativen, die sich für die Rechte von Angehörigen Verschwundener einsetzen.
Menschen, die sich hier für Frieden und Menschenrechte einsetzen, leben gefährlich.
«Menschen, die sich hier für Frieden und Menschenrechte einsetzen, leben gefährlich», sagt Vultier. Sie kennt einige, die ihren Einsatz bereits mit dem Leben bezahlt haben. Ihr Job ist für Vultier auch ihre Passion. Sie fühlt sich in Mexiko zuhause und überlegt sogar, sich einbürgern zu lassen.
Ein System des Verschwindens
Mexiko zählt weltweit zu den Ländern mit einer besonders hohen Zahl von Verschwundenen. Momentan gelten über 130'000 Menschen als vermisst. Die Gründe für das Verschwindenlassen seien komplex, sagt Vultier. Eine wichtige Rolle spielen organisierte kriminelle Gruppen – oft Drogenkartelle – die Menschen entführen, töten oder verschwinden lassen, um sich die Kontrolle über Territorien und illegale Geschäfte zu sichern.
Nicht selten sind auch staatliche Akteure oder Sicherheitskräfte involviert. Etwa 90 Prozent der Straftaten bleiben ungesühnt. Gleichzeitig stossen forensische Behörden auch personell an ihre Grenzen. Zehntausende nicht identifizierte sterbliche Überreste warten landesweit noch auf eine Zuordnung zu vermissten Personen.
Gedenkmarsch für Angehörige
In Chihuahua nimmt Vultier an einem Gedenkmarsch für Angehörige von Verschwundenen teil. Die Schicksale gehen ihr nahe. Sie trifft eine Frau, in deren Familie acht Familienmitglieder verschwunden sind.
Für die Betroffenen sei die Ungewissheit oft besonders belastend. «Nicht zu wissen, was mit einem geliebten Menschen geschehen ist, kann über Jahre hinweg eine enorme psychische Belastung darstellen», sagt sie.
Zudem gingen Angehörige, die selbst nach Vermissten suchen, teilweise ebenfalls erhebliche Risiken ein. Immer wieder berichten Menschenrechtsorganisationen von Bedrohungen und Angriffen gegen Mitglieder solcher Suchkollektive.
Die Begegnungen mit den Menschen hier haben auch mich sehr geprägt und bereichert.
Vultiers NGO und ihre Partnerorganisationen unterstützen die Betroffenen unter anderem psychologisch, bei Sicherheitsfragen und dabei, ihre Anliegen öffentlich sichtbar zu machen, damit sie nicht auch noch Opfer werden.
Vultier kam nach Mexiko, um zu helfen. Sie betont aber, dass ihre Arbeit keine Einbahnstrasse sei: «Die Begegnungen mit den Menschen hier haben auch mich sehr geprägt und bereichert.»
Jachen Duri Schleich aus Chinuos-chel, Architekt
In einem völlig anderen Bereich tätig ist Jachen Duri Schleich. Der Bündner Architekt ist vor 20 Jahren nach Mexiko gekommen und der Liebe wegen geblieben.
Er hat eine Passion entwickelt, die hier sehr gefragt ist. «Ökologisch Bauen mit Holz» hat in Mexiko mit seinen verschiedenen, auch sehr warmen, Klimazonen diverse Vorteile. Schleich will Holz auch im Städtebau mehrheitsfähig machen.
Gerade hat er eine Schule in einem Frauengefängnis fertig geplant. Unter Berücksichtigung des Sonnenverlaufs und der natürlichen Lüftung sei es möglich, ein Raumklima zu schaffen, das Spitzentemperaturen abfedere, sagt er. So spart man die Klimaanlage. Deshalb hat er mit Unterstützung der Schweizer Botschaft auch das Mandat übernommen, das Schweizer Zertifikat «Minergie» bekannt zu machen.
In ganz Mexiko müssen in den nächsten Jahren 1.1 Millionen neue Sozial-Wohnungen gebaut werden, da will Schleich unbedingt mitbieten. Der Schritt in die Selbständigkeit war für ihn ein grosses Risiko. «Im Unterschied zur Schweiz, wo es ein Wettbewerbssystem gibt, wo alles öffentlich ausgeschrieben werden muss, gibt es in Mexiko immer wieder Wettbewerbe, wo man denkt, war das wirklich ein Wettbewerb oder nun ein Scheinwettbewerb».
Familie als Rückhalt
Unterstützt wird er bei all seinen Aktivitäten von seiner Frau Vero. Die Journalistin berät ihn in PR-Angelegenheiten und hat inzwischen sogar Romanisch gelernt. Ebenso der gemeinsame Sohn Balam.
Jeden Sommer verbringt die Familie ein paar Wochen in den Schweizer Bergen. Balam überlegt sich auch, in der Schweiz zu studieren. Schleich sind seine Wurzeln wichtig. «Es war nicht so, dass ich das aktiv überlegt habe, in welcher Sprache ich mit meinem Sohn rede, es ist einfach normal», sagt Schleich, der es schade fände, wenn die rätoromanische Sprache aussterben würde. «Aber wenn es kompliziert wird, dann wechseln wir auch mal auf Spanisch, ich bin kein Aktivist», sagt er mit einem Schmunzeln.
Selbst wenn sein Sohn in die Schweiz ziehen würde, Schleich und seine Frau können sich nicht vorstellen Mexiko zu verlassen.
Ein Herzensprojekt
Denn im Moment läuft es rundum gut, und sein Lieblingsprojekt hält ihn auf Trab. In La Paz, der heiss-trockenen Klimazone in der Baja California Sur soll die erste «Minergie»-Feriensiedlung entstehen.
«Wenn wir das wirklich schaffen, dann ist das ein Meilenstein», ist Schleich überzeugt und versucht auch gleich, das zuständige Generalunternehmen von einem weiteren Herzensprojekt zu überzeugen: In La Ventana, einem Kite-Paradies eine Stunde von La Paz entfernt gelegen, hat er vor ein paar Jahren mit einem Freund Land gekauft und würde dort gerne eine kleine Feriensiedlung mit vollständig autarken Häusern errichten. Eines davon für sich und seine Familie.
Michelle Löliger aus Basel, Fitnesstrainerin
Die Doppelbürgerin Michelle Löliger hat sich nach vielen Jahren in der Schweiz entschieden, mit ihrer 14-jährigen Tochter wieder nach Mexico-City zu ziehen, um näher bei ihren Eltern zu sein.
Doch das gestaltet sich schwieriger als erwartet. Die Fitnesstrainerin findet zwar sofort einen Job, ist ihn aber auch bald wieder los, weil das Fitnesscenter Konkurs geht. Auch ein zweites Fitnesscenter, wo sie eine Anstellung findet, kann ihren Lohn bald nicht mehr bezahlen.
«Eine Katastrophe, ich musste mit meiner Tochter wieder bei meinen Eltern einziehen und konnte ihre Schule nicht mehr bezahlen», erzählt sie verzweifelt. Die Beziehung zu den Eltern ist nicht einfach, ihre Tochter kann nicht mehr zur Schule.
Rückkehr in die Schweiz?
Löliger sagt: «Ich wusste, dass es irgendwann schwierig wird, aber so krass, dass ich wieder mit meinen Eltern zusammenleben muss, das hatte ich mir nicht vorgestellt. Für mich war es wirklich schlimm, ich war sehr traurig, und ich bin ehrlich, mein erster Gedanke war: Ich gehe wieder zurück in die Schweiz».
Sport als Überlebensstrategie
Einzig ihr tägliches Hyrox-Training gibt ihr Halt, ist für sie wie eine Sucht und zugleich eine Überlebensstrategie. Sie gibt sich noch eine Chance. Bis zum grossen Hyrox-Anlass in Mexico-City, der knapp ein Jahr nach ihrer Ankunft stattfindet, will sie sowieso durchhalten.
Doch als sie auch dort das gesteckte Ziel nicht erreicht, ist für sie klar: «Es war gut in Mexiko, für meine Tochter war es wichtig, aber jetzt, glaube ich, ist es Zeit zurückzugehen».