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DOK Mord an Adeline: Erstmals spricht ihr Lebensgefährte Juan Poy

«Rückblickend gab es genügend Alarmzeichen, wir haben sie einfach nicht gesehen», sagt Juan Poy, der Lebensgefährte der Sozialtherapeutin Adeline M. In einem «DOK»-Film spricht er nun zum ersten Mal seit dem grausamen Mord an seiner Lebenspartnerin mit der Presse.

Legende: Video «Adeline – Chronik eines angekündigten Mordes?» abspielen. Laufzeit 54:00 Minuten.
Aus DOK vom 26.02.2015.

Im Rückblick wird deutlich, wie der mehrfach vorbestrafte Vergewaltiger Fabrice A. seine Tat aus der Gefängniszelle heraus planen konnte. «Er hat mir sogar auf Google-Maps den Ort gezeigt, wo er Adeline wenig später töten würde», sagt Juan Poy, der nicht nur Lebensgefährte von Adeline M. war, sondern im Rahmen seiner Tätigkeit als Sozialtherapeut ebenfalls mit Fabrice A. zu tun hatte.

Am 12. September 2013 wurde Adeline M. während eines begleiteten Freigangs vom mehrfachen Sexualtäter Fabrice A. ermordet. Mehr als anderthalb Jahre nach der Tat bleiben viele offene Fragen. Weshalb war der als gefährlich eingestufte Vergewaltiger alleine mit der Therapeutin unterwegs? Wieso durfte er sich aussuchen, wer ihn beim Freigang begleitet? Wieso durfte er während des Ausgangs ein Messer kaufen?

Mitarbeiter beklagten sich über die Arbeitsbedingungen

War Lebensgefährte von Adeline M.: Juan Poy.
Legende: War Lebensgefährte von Adeline M.: Juan Poy. SRF

Juan Poy fährt sich mit der Hand über das Gesicht. Während des Interviews kommen die Bilder wieder hoch. Die Nachricht, dass etwas schief gelaufen sei mit dem Freigang. Das bange Warten. Die Hoffnung. Und schliesslich die Hiobsbotschaft, dass seine Lebenspartnerin und Mutter des gemeinsamen acht Monate alten Babys von Fabrice A. ermordet wurde. Juan Poys spricht mit leiser Stimme. «Es sollte ihr letzter Einsatz sein. Als Mutter wollte sie keine Risiken mehr eingehen». Stille. Der Blick ins Leere.

Das Genfer Zentrum für Sozialtherapie «La Pâquerette» , in dem der mehrfache Vergewaltiger Fabrice A. einsass, war in den achziger Jahren eine Vorzeigeanstalt. Und wurde zum Opfer ihres Erfolges. Getragen von Therapieerfolgen verlieren die Verantwortlichen die kritische Distanz zu ihrer Arbeit.

Mehrere ehemalige Mitarbeiter der Anstalt beklagen Personalmangel, fehlende Gesprächskultur und Druck durch Vorgesetzte. «Wir haben die Dossiers nicht mehr angeschaut», erinnert sich Juan Poy, «es ging am Ende nur noch darum, wie wir die vielen angeordneten Freigänge bewältigen.»

Nur wenig Einigkeit

Legende: Video «Was nach Durchsuchung der Zelle zum Vorschein kommt» abspielen. Laufzeit 2:34 Minuten.
Vom 26.02.2015.

Der «Fall Adeline» ist weit über die Grenzen Genfs hinaus zum Politikum geworden. Einigkeit herrscht nur in einem Punkt: Die Gefährlichkeit von Fabrice A. wurde falsch eingeschätzt. Juan Poy ist verbittert. «Ich kenne das System», sagt er mit fester Stimme, «ich weiss ganz genau, dass es da Menschen gibt, die nicht wollen, dass die ganze Wahrheit ans Tageslicht kommt.»

«Rückwirkend gab es genügend Alarmzeichen», wiederholt Juan Poy, den Blick auf ein gemeinsames Foto mit Adeline. «Wir waren so glücklich und jetzt ist es so, als ob der ganze Horror dich Glücksmomente ausgelöscht hätte.» Die Suche nach der Wahrheit ist für Juan Poy zum Lebensinhalt geworden. Er kämpft dafür, dass die Verantwortlichen zu Rechenschaft gezogen werden. Und dafür, dass sich ein solches Verbrechen nicht widerholt.

Mitja Rietbrock (*1971) hat den Film bearbeitet. Er arbeitet seit 2012 als Reporter und Produzent bei «DOK»-Serien und ist als Ausbilder für SRF-Videojournalisten tätig.

11 Kommentare

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  • Kommentar von Ursina Hartmann, Tessin
    Leider hat sich nichts geändert und es wir sich auch nichts ändern. Vielen ist der Mord am Zollikerberg (Pasquale Brumann) kein Begriff, den es liegt schon mehr als 20 Jahre zurück. Wer es interessiert, kann sich im Internet schlau machen. Unsere Behörden, haben wieder kläglich versagt, aus solchen Tragödien wird ein politisches Steckenpferd, niemand ist Schuld, die Behörden haben immer recht. Mein herzliches Beileid an die Familie!
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  • Kommentar von Housi Knecht, Rubigen
    Als studierte Fachfrau hātte sie ja eigentlich wissen müssen wie mit einer solchen Person umzugehen ist? Der Schluss liegt nahe,dass das Studium für die Füchse ist. Auch in Bertiebswirtschaftlichen Disziblinen machen ja Studienabgānger nach abgeschlossenem Studium heutzutage zuerst ein Praktikum um mit dem Betriebsalltag zurechtzukommen!!!!!
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  • Kommentar von v.meier, hergiswil
    ich bin 100% sicher,dass das überall so lasch zu und hergeht,nur hören wir nichts davon, da es immer glimpflich abläuft.statt endlich mal einen harten kurs zu fahren und die für ihre taten leiden zu lassen.aber wie überall sind zu viele,sog. geschulte,leute involviert.dann noch alle vom linken lager,das Resultat sehen wir nun.es ist einfach schlimm,dass zuest etwas tragisches passieren muss bis endlich ein paar wachgerüttelt werden.doch passieren wird nicht,da der Täter ja an erster stelle steht
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