Es ist 3:30 Uhr. Firdeusa Lendo füllt den Eimer mit Wasser, zieht sich blaue Putzhandschuhe an und greift zum feuchten Lappen. Seit 20 Jahren ist das ihr Rhythmus. Sieben riesige Gelenkbusse reinigt sie pro Schicht, damit die Fahrgäste am Morgen in ein sauberes Fahrzeug steigen können. «Im Moment, wenn der Wecker klingelt, denke ich oft: ‹Oh nein, es ist so kalt. Ich habe keine Lust›», gibt sie zu. «Aber sobald ich aufstehe, ist der Widerstand vorbei.»
Firdeusa Lendo ist eine von rund 300'000 Erwerbstätigen in der Schweiz, die regelmässig nachts, also zwischen 23 und 6 Uhr, arbeiten. Zählt man jene Menschen dazu, die nur gelegentlich Nachtarbeit leisten, erhöht sich die Zahl auf rund 800'000. Laut Bundesamt für Statistik (BFS) ist der Anteil in der Branche Verkehr und Lagerei besonders hoch. Auch im Gesundheitswesen und im Gastgewerbe wird oft in der Nacht gearbeitet.
Strategisches Lebensmodell
Mit grossen Bewegungen putzt die 50-Jährige die Scheiben des Busses. Für sie war die Nachtarbeit über Jahre ein strategisches Lebensmodell. Als ihre drei Töchter noch klein waren, ermöglichte ihr die Schicht, tagsüber als Mutter präsent zu sein und nachts das Familienbudget aufzubessern.
Firdeusa Lendo bei der Arbeit
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Bild 1 von 4. Reinigungskraft bei Aargauer Verkehr. Sieben grosse Gelenkbusse putzt Firdeusa Lendo in der Nacht und den frühen Morgenstunden. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 4. Kinder als Motivation. Für Firdeusa Lendo ist ihre Arbeit eine Investition in die Zukunft ihrer drei Töchter. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 4. Familie und Arbeit. Mit der Nachtarbeit war es Firdeusa Lendo möglich, ihre Kinder tagsüber zu betreuen und trotzdem Geld zu verdienen. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 4. Manchmal ist es «grusig». Firdeusa Lendo ekelt sich nur vor einer Sache: Wenn sie Erbrochenes im Bus reinigen muss. Bildquelle: SRF.
Ihr Mann war früher Buschauffeur und ebenfalls nachts im Einsatz. Während Lendo mit dem Wischmopp den Busboden fegt, betont sie, wie wichtig ihr die finanzielle Unabhängigkeit ist: «Jede Frau sollte arbeiten und ihr eigenes Geld verdienen. Man sollte nicht von jemandem abhängig sein.»
Meinen Töchtern wünsche ich ein anderes Leben.
Diese Freiheit hat ihren Preis. Firdeusa Lendo teilt ihren Schlaf in zwei Schichten auf: zwei Stunden, wenn sie am Mittag nach Hause kommt, und weitere fünf, bevor sie um drei Uhr in der Früh aufbricht. Schmerzen in der Schulter und im Knie seien normal bei dieser Arbeit, sagt sie und schrubbt weiter.
Kinder als Motivation
Eigentlich wollte die gebürtige Bosnierin Coiffeuse werden. Doch wegen des Krieges konnte sie diesen Traum nie verwirklichen. Ihre Familie flüchtete in die Schweiz. Obwohl sie ihren Job als Putzkraft mag, wünscht sie ihren Töchtern ein anderes Leben. Deshalb hat sie alle mal zur Arbeit mitgenommen.
Zwischen drei und fünf Uhr morgens wird es kritisch.
«Sie sollten sehen, wie streng es ist, und dass es sich lohnt, in der Schule zu lernen», sagt sie schmunzelnd. Mit Erfolg: Ihre Kinder haben studiert, sind heute im Recht, im Bildungswesen oder im Gesundheitsbereich tätig. «Sie sind meine grösste Motivation. Wenn sie mit guten Noten nach Hause kamen, war alle Müdigkeit vergessen.»
In den frühen Morgenstunden fahren die ersten gereinigten Busse des Unternehmens Aargauer Verkehr los. Firdeusa Lendo reinigt nun noch die WCs im Busdepot. Auch wenn die Männer manchmal «eine Katastrophe» hinterliessen, ist es für sie kein Problem, diesen Bereich zu putzen. Nur einer Sache ekelt sie: «Wenn ein Bus mit Erbrochenem zurückkommt. Das ist richtig schlimm für mich.»
Nachtarbeit im Sicherheitsdienst
Auch Lino Martins Azevedo arbeitet dann, wenn die Schweiz schläft. Seine Schicht als Sicherheitsmitarbeiter im grössten Shoppingcenter der Schweiz beginnt um 23 Uhr. Er kontrolliert alle Eingänge und Durchgänge, sorgt für Ordnung und Sicherheit. Das Shoppi Tivoli in Spreitenbach ist menschenleer und nur spärlich beleuchtet. Nur die Schritte von Martins Azevedo sind zu hören.
Sicherheitsmitarbeiter im grössten Shoppingcenter der Schweiz
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Bild 1 von 4. Nächtlicher Kontrollgang. Während der Nacht kontrolliert Lino Martins Azevedo den Innen- und Aussenbereich des grössten Shoppingcenters der Schweiz. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 4. «Manchmal fühle ich mich allein». Lino Martins Azevedo stellt sich manchmal vor, im Shoppingcenter seien viele Menschen unterwegs. So fühle er sich weniger allein. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 4. Gegen die innere Uhr. Zwischen 3 und 5 Uhr greift der Sicherheitsmitarbeiter zum Energydrink. Seine Schicht dauert noch bis 9 Uhr morgens. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 4. Gegen Cristiano Ronaldo gespielt. Lino Martins Azevedo ist in Madeira, Portugal, aufgewachsen und wollte Fussballer werden. Er habe in jungen Jahren einmal gegen Cristiano Ronaldo gespielt. Bildquelle: SRF.
Sein Kontrollgang führt ihn durch den gesamten Innen- und Aussenbereich des Shoppingcenters. Pro Nacht legt er eine Strecke von bis zu 25 Kilometern zurück und kämpft dabei gegen den Biorhythmus seines Körpers. «Zwischen drei und fünf Uhr morgens wird es kritisch», sagt er und lässt sich am Automaten einen Energydrink raus. Er ist sein Hilfsmittel, um das Tief in diesen Stunden zu überwinden. «Ich brauche ein bisschen Nitro.»
Kampf gegen die innere Uhr
Die Wissenschaft bestätigt, was Lino Martins Azevedo und Firdeusa Lendo jede Nacht spüren: Frühmorgens erreicht die menschliche Leistungskurve ihren Tiefpunkt. Die Körpertemperatur sinkt, die Konzentration lässt nach, Puls, Atmung, Verdauung und auch die Muskulatur sind auf Entspannung eingestellt. «Zu dieser Zeit kämpfe ich gegen mich selbst», so Martins Azevedo.
Nachtarbeit kann langfristig der Gesundheit schaden. Chronischer Schlafmangel und die Störung des zirkadianen Rhythmus (der inneren Uhr) erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen wie Diabetes Typ 2, psychische Belastungen und Depressionen oder Verdauungsprobleme.
Nachtarbeit kann einsam machen
Manchmal trifft Lino Martins Azevedo während seiner ganzen Nachtschicht keine einzige andere Person an. In Momenten, in denen er sich einsam fühlt, hilft ihm ein Gedankenspiel: «Ich stelle mir vor, wie die Menschen hier rumlaufen und reden. Es ist nicht real, aber ich fühle mich dann weniger einsam.»
Der 39-Jährige ist vor Kurzem zum zweiten Mal Vater geworden. Wie Firdeusa Lendo früher nutzt auch er die Nachtarbeit, um sich tagsüber um die Kinder zu kümmern. «Ich koche, bade sie, bringe sie ins Bett», erzählt er. Danach fährt er zur Arbeit.
Unsere Arbeit wird oft erst bemerkt, wenn sie einmal fehlen sollte.
Um 9 Uhr morgens endet seine Schicht. Das Shoppingcenter füllt sich langsam mit Menschen. «Jetzt kommt noch der gefährlichste Teil der Arbeit», sagt er und meint die Rückfahrt mit dem Auto zu seinem Wohnort in Deutschland, nahe der Schweizer Grenze. «Wenn ich merke, dass ich zu müde bin, suche ich mir einen sicheren Ort und mache eine Pause.»
Vieles, was in der Nacht geleistet wird, passiert im Verborgenen. «Unsere Arbeit wird oft erst bemerkt, wenn sie einmal fehlen sollte», so Lino Martins Azevedo. Er wünscht sich mehr Wertschätzung für sein Schaffen.