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Nachtarbeit «Zwischen zwei und drei Uhr morgens wird es kritisch»

Wenn die meisten Menschen schlafen, beginnt für andere der Arbeitstag. Nachtarbeit ist unverzichtbar für Verkehr, Sicherheit und Pflege – doch sie fordert den Körper, stört den Rhythmus und bleibt oft unsichtbar. Zwei Betroffene geben Einblick in ihr Leben.

Es ist 3:30 Uhr. Firdeusa Lendo füllt den Eimer mit Wasser, zieht sich blaue Putzhandschuhe an und greift zum feuchten Lappen. Seit 20 Jahren ist das ihr Rhythmus. Sieben riesige Gelenkbusse reinigt sie pro Schicht, damit die Fahrgäste am Morgen in ein sauberes Fahrzeug steigen können. «Im Moment, wenn der Wecker klingelt, denke ich oft: ‹Oh nein, es ist so kalt. Ich habe keine Lust›», gibt sie zu. «Aber sobald ich aufstehe, ist der Widerstand vorbei.»

Rechte bei Nachtarbeit

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Das Arbeitsgesetz (ArG) schützt Arbeitnehmende, die in der Nacht arbeiten:

  • Zuschläge: Bei vorübergehender Nachtarbeit (bis 24 Nächte pro Jahr) gibt es 25 % Lohnzuschlag. Wer dauernd oder regelmässig nachts arbeitet, erhält 10 % Zeitzuschlag (bezahlte Freizeit).
  • Dauer: Die Schicht darf maximal 9 Stunden betragen (innerhalb von 10 Stunden).
  • Gesundheit: Ab 25 Nächten pro Jahr besteht Anspruch auf eine medizinische Untersuchung.
  • Recht auf Versetzung: Wenn eine Arbeitnehmerin oder ein Arbeitnehmer nachweislich gesundheitliche Probleme durch die Nachtarbeit bekommt, ist der Arbeitgeber verpflichtet, die Person auf einen vergleichbaren verfügbaren Posten am Tag zu versetzen.
  • Ruhezeit: Nach einer Nachtschicht steht den Angestellten eine tägliche Ruhezeit von mindestens 11 aufeinanderfolgenden Stunden zu.
  • Einwilligung: Nachtarbeit ist grundsätzlich bewilligungspflichtig und erfordert das Einverständnis der Angestellten.

Firdeusa Lendo ist eine von rund 300'000 Erwerbstätigen in der Schweiz, die regelmässig nachts, also zwischen 23 und 6 Uhr, arbeiten. Zählt man jene Menschen dazu, die nur gelegentlich Nachtarbeit leisten, erhöht sich die Zahl auf rund 800'000. Laut Bundesamt für Statistik (BFS) ist der Anteil in der Branche Verkehr und Lagerei besonders hoch. Auch im Gesundheitswesen und im Gastgewerbe wird oft in der Nacht gearbeitet.

Strategisches Lebensmodell

Mit grossen Bewegungen putzt die 50-Jährige die Scheiben des Busses. Für sie war die Nachtarbeit über Jahre ein strategisches Lebensmodell. Als ihre drei Töchter noch klein waren, ermöglichte ihr die Schicht, tagsüber als Mutter präsent zu sein und nachts das Familienbudget aufzubessern.

Firdeusa Lendo bei der Arbeit

Ihr Mann war früher Buschauffeur und ebenfalls nachts im Einsatz. Während Lendo mit dem Wischmopp den Busboden fegt, betont sie, wie wichtig ihr die finanzielle Unabhängigkeit ist: «Jede Frau sollte arbeiten und ihr eigenes Geld verdienen. Man sollte nicht von jemandem abhängig sein.»

Meinen Töchtern wünsche ich ein anderes Leben.
Autor: Firdeusa Lendo Putzkraft Aargauer Verkehr

Diese Freiheit hat ihren Preis. Firdeusa Lendo teilt ihren Schlaf in zwei Schichten auf: zwei Stunden, wenn sie am Mittag nach Hause kommt, und weitere fünf, bevor sie um drei Uhr in der Früh aufbricht. Schmerzen in der Schulter und im Knie seien normal bei dieser Arbeit, sagt sie und schrubbt weiter.

Kinder als Motivation

Eigentlich wollte die gebürtige Bosnierin Coiffeuse werden. Doch wegen des Krieges konnte sie diesen Traum nie verwirklichen. Ihre Familie flüchtete in die Schweiz. Obwohl sie ihren Job als Putzkraft mag, wünscht sie ihren Töchtern ein anderes Leben. Deshalb hat sie alle mal zur Arbeit mitgenommen.

Zwischen drei und fünf Uhr morgens wird es kritisch.
Autor: Lino Martins Azevedo Sicherheitsmitarbeiter

«Sie sollten sehen, wie streng es ist, und dass es sich lohnt, in der Schule zu lernen», sagt sie schmunzelnd. Mit Erfolg: Ihre Kinder haben studiert, sind heute im Recht, im Bildungswesen oder im Gesundheitsbereich tätig. «Sie sind meine grösste Motivation. Wenn sie mit guten Noten nach Hause kamen, war alle Müdigkeit vergessen.»

In den frühen Morgenstunden fahren die ersten gereinigten Busse des Unternehmens Aargauer Verkehr los. Firdeusa Lendo reinigt nun noch die WCs im Busdepot. Auch wenn die Männer manchmal «eine Katastrophe» hinterliessen, ist es für sie kein Problem, diesen Bereich zu putzen. Nur einer Sache ekelt sie: «Wenn ein Bus mit Erbrochenem zurückkommt. Das ist richtig schlimm für mich.»

Nachtarbeit im Sicherheitsdienst

Auch Lino Martins Azevedo arbeitet dann, wenn die Schweiz schläft. Seine Schicht als Sicherheitsmitarbeiter im grössten Shoppingcenter der Schweiz beginnt um 23 Uhr. Er kontrolliert alle Eingänge und Durchgänge, sorgt für Ordnung und Sicherheit. Das Shoppi Tivoli in Spreitenbach ist menschenleer und nur spärlich beleuchtet. Nur die Schritte von Martins Azevedo sind zu hören.

Sicherheitsmitarbeiter im grössten Shoppingcenter der Schweiz

Sein Kontrollgang führt ihn durch den gesamten Innen- und Aussenbereich des Shoppingcenters. Pro Nacht legt er eine Strecke von bis zu 25 Kilometern zurück und kämpft dabei gegen den Biorhythmus seines Körpers. «Zwischen drei und fünf Uhr morgens wird es kritisch», sagt er und lässt sich am Automaten einen Energydrink raus. Er ist sein Hilfsmittel, um das Tief in diesen Stunden zu überwinden. «Ich brauche ein bisschen Nitro.»

Kampf gegen die innere Uhr

Die Wissenschaft bestätigt, was Lino Martins Azevedo und Firdeusa Lendo jede Nacht spüren: Frühmorgens erreicht die menschliche Leistungskurve ihren Tiefpunkt. Die Körpertemperatur sinkt, die Konzentration lässt nach, Puls, Atmung, Verdauung und auch die Muskulatur sind auf Entspannung eingestellt. «Zu dieser Zeit kämpfe ich gegen mich selbst», so Martins Azevedo.

Fit durch die Nacht

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Wer gegen die innere Uhr arbeitet, kann seinen Körper gezielt unterstützen. Diese Tipps helfen, die Belastung zu minimieren:

  • Die richtige Ernährung: Vermeide schwere, fettige Mahlzeiten nachts, da die Verdauung auf Sparflamme läuft. Ideal sind kleine, proteinreiche Snacks (Nüsse, Joghurt) und warme, leichte Speisen wie Suppen.
  • Flüssigkeitszufuhr: Trinke ausreichend Wasser, um Kreislauf und Konzentration stabil zu halten. Koffein sollte nur zu Beginn der Schicht konsumiert werden. Wer nach 3:00 Uhr morgens noch Kaffee trinkt, riskiert, dass das Koffein den wichtigen Tagesschlaf nach Dienstende stört.
  • Licht als Taktgeber: Helles, bläuliches Licht in der Nacht fördert die Wachheit. Auf dem Heimweg hingegen hilft eine Sonnenbrille, um das natürliche Morgenlicht zu blocken und die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin nicht zu unterdrücken.
  • Schlafhygiene am Tag: Das Schlafzimmer muss für den Tagesschlaf abgedunkelt und ruhig sein. Eine kühle Raumtemperatur (ca. 18 °C) hilft dem Körper, in den Ruhemodus zu finden.
  • Regelmässiger Rhythmus: Versuche an freien Tagen, die Essens- und Schlafzeiten nicht komplett umzustellen. So kann die Belastung für den Stoffwechsel begrenzt und ein «Social Jetlag» vermieden werden.

Nachtarbeit kann langfristig der Gesundheit schaden. Chronischer Schlafmangel und die Störung des zirkadianen Rhythmus (der inneren Uhr) erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen wie Diabetes Typ 2, psychische Belastungen und Depressionen oder Verdauungsprobleme.

Nachtarbeit kann einsam machen

Manchmal trifft Lino Martins Azevedo während seiner ganzen Nachtschicht keine einzige andere Person an. In Momenten, in denen er sich einsam fühlt, hilft ihm ein Gedankenspiel: «Ich stelle mir vor, wie die Menschen hier rumlaufen und reden. Es ist nicht real, aber ich fühle mich dann weniger einsam.»

Der 39-Jährige ist vor Kurzem zum zweiten Mal Vater geworden. Wie Firdeusa Lendo früher nutzt auch er die Nachtarbeit, um sich tagsüber um die Kinder zu kümmern. «Ich koche, bade sie, bringe sie ins Bett», erzählt er. Danach fährt er zur Arbeit.

Unsere Arbeit wird oft erst bemerkt, wenn sie einmal fehlen sollte.
Autor: Lino Martins Azevedo Sicherheitsmitarbeiter Protectas

Um 9 Uhr morgens endet seine Schicht. Das Shoppingcenter füllt sich langsam mit Menschen. «Jetzt kommt noch der gefährlichste Teil der Arbeit», sagt er und meint die Rückfahrt mit dem Auto zu seinem Wohnort in Deutschland, nahe der Schweizer Grenze. «Wenn ich merke, dass ich zu müde bin, suche ich mir einen sicheren Ort und mache eine Pause.»

Vieles, was in der Nacht geleistet wird, passiert im Verborgenen. «Unsere Arbeit wird oft erst bemerkt, wenn sie einmal fehlen sollte», so Lino Martins Azevedo. Er wünscht sich mehr Wertschätzung für sein Schaffen.

13.4.2026, SRF 2, 22.30 Uhr

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