Es ist nun schon bald ein Jahr her, seit Sara Aduse fast ihr ganzes Hab und Gut verkauft und verschenkt hat, um in Äthiopien ein neues Leben zu starten. Auch wenn es ein Aufbruch in ein neues Leben ist, ist dies auch eine Rückkehr in ein altes Leben.
An den Ort, wo sie geboren ist und wo sie als siebenjähriges Mädchen Fürchterliches erlebt hat. Die Spitze ihrer Klitoris wurde mit einer Rasierklinge abgeschnitten. Die Schmerzen nach der Beschneidung waren grauenhaft. Die weibliche Genitalverstümmelung wird auch oft mit FGM abgekürzt, der Kurzform des englischen «female genital mutilation».
Diese Beschneidung hat mich sehr traumatisiert. Ich war komplett verloren und musste mich wiederfinden.
Eine Tradition, die Mädchen kontrollieren soll
In Aduses Heimatstadt Harar leben etwa 150'000 Menschen. Viele von ihnen sind Muslime, es gibt aber auch viele Christen. Unabhängig von der Religion werden im Osten Äthiopiens 80 Prozent der Mädchen beschnitten. Dies geschieht vor allem aufgrund gesellschaftlichen Drucks und aus Unwissen über die Folgen, die ein solcher Eingriff haben kann.
Harar im Osten Äthiopiens
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Bild 1 von 3. Ein Ausblick auf die historische Altstadt von Harar. Die rund 150'000 Einwohnenden, Muslime wie Christen, leben friedlich zusammen. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 3. Ein Quartier ausserhalb von Harar: Vor allem in den ländlichen Gebieten Äthiopiens herrscht viel Unwissen über FGM. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 3. Eine Frau in den Gassen von Harar: Im Osten Äthiopiens werden rund 80 Prozent der Mädchen beschnitten. Bildquelle: SRF.
Viele denken, diese jahrtausendealte Praxis sei gut für die Entwicklung der Mädchen und ihren Charakter. Man glaubt, dass Frauen zu hitzig und aufgeregt sein würden, wenn sie nicht beschnitten wären. Es sind vor allem die Mütter und die Grossmütter, die eine Beschneiderin engagieren, um die Prozedur vorzunehmen.
Weltweit haben rund 230 Millionen Frauen eine Genitalverstümmelung erlebt. Laut der WHO ist FGM eine schwerwiegende Verletzung der Menschenrechte und gefährdet die Gesundheit von Mädchen und Frauen in gravierender Weise.
Sara Aduse bekämpft diese Praxis bereits seit mehreren Jahren in der Öffentlichkeit. Fünf Jahre nach ihrer Beschneidung in Äthiopien kam sie mit zwölf Jahren zusammen mit ihren Geschwistern und ihrer Mutter in die Schweiz.
«Diese Beschneidung hat mich sehr traumatisiert»
Erst dort wurde ihr allmählich bewusst, dass FGM eine schwere Menschenrechtsverletzung ist. «Diese Beschneidung hat mich sehr traumatisiert. Ich war komplett verloren und musste mich wiederfinden», erklärt sie vor Ort in Harar. In dem Dokumentar-Kinofilm «Do You Remember Me» (2022) konfrontierte sie ihre Beschneiderin in Äthiopien.
Danach hat sie eine Stiftung gegründet und klärt seitdem über Genitalverstümmelung auf. Sie spricht auf Kongressen, tauscht sich mit der Politik aus und produziert Inhalte auf Social Media.
Irgendwann bekam Sara Aduse das Gefühl, in der Schweiz nicht den Impact zu haben, den sie sich wünscht. In Äthiopien solle das anders sein, sagte sie, und reiste mit grossen Plänen nach Harar.
Bildung statt Beschneidung
Inmitten der Neustadt von Harar hat Sara Aduse einen Begegnungsort eröffnet, wo Frauen und Mädchen über FGM aufgeklärt werden. Das Nina House trägt den Kosenamen, den Aduse als Kind hatte. «Was ich den Leuten geben möchte, ist Wissen, Selbstbewusstsein und das Recht auf Selbstbestimmung.» Medizinische Fachpersonen sprechen dort zum Beispiel über die gesundheitlichen Auswirkungen von Beschneidungen.
Seit ich Teil dieses Programms hier bin, habe ich gelernt, dass es in der Religion gar nicht vorgeschrieben ist und dass man sogar sündigt.
Auch über Kidnapping oder Kinderhochzeiten wird dort niederschwellig aufgeklärt. Für viele Frauen sind solche Workshops regelrecht augenöffnend. «Seit ich Teil dieses Programms hier bin, habe ich gelernt, dass es in der Religion gar nicht vorgeschrieben ist und dass man sogar sündigt.» So oder ähnlich äussern sich viele Frauen nach der Teilnahme am Workshop. Eine Sünde, weil religiöse Schriften es verurteilen, wenn man sich selber oder anderen Menschen Schaden zufügt, erklärt Sara Aduse.
Mit Bildungsprojekten unterstützt die Sara Aduse Foundation ausserdem Schülerinnen finanziell, wenn ihre Familien im Gegenzug versprechen, von der Beschneidung abzusehen.
Für Sara ist diese Arbeit auch eine Konfrontation mit ihrer eigenen Geschichte. Regelmässig ist sie in jenen Gassen der Altstadt unterwegs, wo sie als Mädchen spielte und wo später die Beschneidung geschah. «Als ich anfangs hierherkam, triggerte dieser Ort Frust und Wut. Inzwischen habe ich aber hier Heilung erfahren.»
Aus der Arbeit mit Frauen und Mädchen schöpft Sara Aduse Kraft. Gleichzeitig erlebt sie Anfeindungen. Auf Social Media wird sie verspottet und beleidigt.
Viele Kommentare zeigen, wie tief die Mythen rund um die FGM verankert sind. Ein Nutzer schreibt etwa: «Es ist eine unnütze Antenne, die abgeschnitten werden sollte.» Gemeint ist die Klitoris.
Manche gehen noch weiter: «Du kannst dich glücklich schätzen, dass du FGM durchgemacht hast. Wenn nicht, wärst du überall auf der Suche nach Gurken gewesen.»
Solche Kommentare verletzen Sara Aduse zwar, aber sie halten sie nicht auf. «Klar machen sie mich wütend», sagt sie. «Aber sie geben mir noch mehr Energie, mit diesen Menschen zu diskutieren und weiterzumachen.»
Grosse Ambitionen und grosse Hürden
Neben der emotionalen Belastung gibt es für Sara Aduse auch praktische Hürden. Die Behördengänge in Äthiopien sind kompliziert. Einerseits wegen der Korruption. Andererseits wird sie als junge Frau nicht immer ernst genommen. Zugute kommt ihr jedoch ihre doppelte Bürgerschaft. «Viele hören mir zu, weil ich beide Welten kenne.»
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Bild 1 von 3. Sara Aduse unterwegs in die Hauptstadt. Etwa eine Stunde dauert ein Flug nach Addis Abeba. Dort will Aduse für ihr Projekt Networking betreiben. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 3. Hitzige Debatten über FGM: Im Austausch mit Frauen aus ländlichen Regionen zeigt sich, wie tief überzeugt manche von der Beschneidung sind. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 3. Absichtserklärung auf dem Amt: Die lokalen Behörden unterstützen Aduses Arbeit mit Kontakten, aber nicht mit Geld. Bildquelle: SRF.
Genau das ist ihr grosser Vorteil, sagt Muriel Weyermann. Die Verantwortliche für internationale Programme bei «Women's Hope» ist auch mit Projekten in Äthiopien aktiv. «Sara hat einen einzigartigen Zugang zu der lokalen Bevölkerung, um auch die heiklen Sachen anzusprechen.»
In der Hauptstadt Addis Abeba trifft sich Aduse mit der Schweizer Organisation und präsentiert dort ihr Nina-House-Projekt. Vor allem geht es hier um Networking und Erfahrungsaustausch, aber auch um Fundraising. Sara Aduse erzählt von ihren persönlichen Erlebnissen und intimen Details. «Man erreicht die Menschen mit so einer persönlichen Geschichte auf eine ganz andere Weise», sagt Weyermann vor Ort.
Sara brauche aber eine Elefantenhaut. Als junge Frau in einer Führungsposition in einem Land, in dem solche Positionen selten sind, müsse man mit Widerstand und Kritik umgehen können. «Man sollte das nicht als Grund nehmen, sich weniger einzusetzen. Im Gegenteil, es sollte motivieren», meint Weyermann.
Ich kann mir gut vorstellen, dass sie mit ihrem Nina-House-Projekt Tragweite haben kann, weil sie das selbst erlebt hat.
Die Regierung von Äthiopien möchte die Praxis der Genitalverstümmelung bis zum Jahr 2032 ausrotten. Aber trotz eines Verbots im Jahre 2004 geht dieses Vorhaben schleppend voran. Auf dem regionalen Amt in Harar erfährt Sara Aduse Unterstützung von der stellvertretenden Leiterin des Amts für Frauen und Kinder. Geld für ihre Projekte erhält sie aber nicht.
«Ich werde das machen, bis ich sterbe»
Für Sara ist dieser Kampf längst mehr als ein Job. Es ist ihre Lebensaufgabe. «Meine Vision ist sogar, dass ich es schaffe, die Genitalverstümmelung weltweit zu beenden. Ich werde das machen, bis ich sterbe.» Ob sie erreichen wird, was sie sich vorgenommen hat, bleibt offen. «Ich kann mir gut vorstellen, dass sie mit ihrem Nina-House-Projekt Tragweite haben kann, weil sie das selbst erlebt hat», schätzt Muriel Weyermann.
Klar ist, dass ihre niederschwellige Herangehensweise zeitintensiv ist. Doch sie gibt nicht auf. Und hofft, dass eines Tages kein Mädchen mehr durchmachen muss, was sie selbst erlebt hat.