Tessa arbeitete in der Gastronomie, hatte ein tiefes Einkommen und geriet in Schulden. Die Sexarbeit machte sie finanziell unabhängig. Heute habe sie die Möglichkeit, ihr Leben selbst zu gestalten, sagt sie.
Durch die Sexarbeit bekomme sie von den Kunden viel Menschlichkeit und erlebe tiefe Momente der Intimität. Sie vergleicht die Arbeit mit einem therapeutischen Setting.
Auch ihre deutsche Kollegin Ruby Rebelde hat mit den meisten ihrer langjährigen Kunden gute Erfahrungen gemacht. Es sei wie eine Beziehung – einfach ohne Haken, erzählt sie. Denn Beziehungen können aufwändig und kompliziert sein.
So sieht das auch Franco, ein 50-jähriger Freier. Regelmässig besucht er seine Lieblingsfrau in einem Bordell. Er schätzt die Nähe, aber auch die Unverbindlichkeit, denn momentan wolle er keine feste Partnerschaft.
Ausbeutung und Gewalt
Ganz andere Erfahrungen hat Graziella gemacht. Die Jahre in der Prostitution waren für sie geprägt von Ausbeutung und Gewalt. Ihr damaliger Freund war ihr Zuhälter – ein Loverboy, der ihr die grosse Liebe vorgaukelte.
Er zwang sie, anzuschaffen und ihm die Einnahmen abzugeben. Graziella war ein Opfer von Menschenhandel.
Aus Angst zeigte Graziella ihren Freund nicht an, sondern flüchtete in die Schweiz. Doch auch hier wurde sie ausgebeutet – von Bordellbetreibern, die sie bei den Behörden nicht anmeldeten, ihre vulnerable Situation ausnutzten und sie zu Services zwangen, die sie nicht wollte. Zudem verpflichteten sie Graziella zu überhöhten Abgaben.
Liberale Schweiz
Selbstbestimmte, legale Sexarbeit und illegale Prostitution mit Ausbeutung und Menschenhandel: Beides existiert nebeneinander und ist ein Spiegel unserer Gesellschaft, in dem Fragen nach Moral, Freiheit und Gerechtigkeit stets wieder neu verhandelt werden.
Die Schweiz gehört zu den liberalsten Ländern weltweit. Seit 1942 ist hier die Prostitution legal. Ein Beruf, in dem man Sozialabgaben und Steuern bezahlt. Schätzungen gehen von 20'000 Sexarbeitenden aus, überwiegend Migrantinnen. Jeder fünfte Mann kauft mindestens einmal im Jahr Sex.
Aktivismus und Forderungen
Ruby Rebelde ist auch Buchautorin und Aktivistin. Als sie mit der Sexarbeit begann, erlebte sie ein erzwungenes Outing. Daraufhin wurde sie von ihrem Umfeld geächtet, ja sogar bedroht.
Seitdem setzt sie sich für faire und sichere Arbeitsbedingungen in der Sexarbeit ein. Sie fordert bezahlbaren Wohnraum und die Sicherheit, nicht in Armut abzugleiten.
Durch Aufklärung will sie ein Umdenken in der Gesellschaft erreichen und die Stigmatisierung ihres Berufsstandes stoppen.
Gefährdete Gesundheit
Und welche Rolle kommt den Freiern zu? Es gibt sie: Faire Kunden, die sich an die Regeln halten. Es gibt aber auch das Gegenteil: Freier, die beispielsweise Sex ohne Kondom fordern und damit die Frauen, sich selbst und allfällige Partnerinnen gefährden.
Bordellbetreiberin Mona hat das schon oft erlebt. Sie ermahnt die Frauen stets, nur mit Kondom zu arbeiten. Denn die Gesundheit sei das Wichtigste und nicht verhandelbar.
Das Frauenambulatorium, die medizinische Anlaufstelle für Sexarbeitende in Zürich, verzeichnet viele Fälle von Infektionen, die durch Sex ohne Kondom übertragen wurden. Es sei keine Seltenheit, dass der Freier während des Geschlechtsverkehrs das Kondom entferne.
Obwohl dieses sogenannte Stealthing eine Straftat ist, kommt es fast nie zur Anzeige. Zu gross ist die Scham der Frauen und die Angst, Kunden zu verlieren. Die Männer trügen hier eine grosse Eigenverantwortung, sagt Silke, die im Frauenambulatorium arbeitet.
Freier kriminalisieren?
Es gibt Stimmen, die die Bestrafung der Freier fordern. So ist in letzter Zeit die Diskussion um das Nordische Modell auch in der Schweiz wieder neu entflammt: Es erlaubt, Sex anzubieten – Sexkauf dagegen ist illegal. Das heisst, die Freier werden kriminalisiert. Schweden hat dieses Modell bereits 1999 eingeführt, als erstes Land.
Tessa, Ruby und viele Schweizer Organisationen betonen die Absurdität des Modells: Es würde das Sexgewerbe in den Untergrund drängen und damit die Frauen noch mehr gefährden. Der Nationalrat hat sich 2022 mit überwältigender Mehrheit gegen die Einführung des Nordischen Modells ausgesprochen.
Trotzdem arbeiten die feministische Frauenzentrale Zürich und neu auch die Frauen der Mitte-Partei weiter an der Vision einer Gesellschaft ohne Prostitution. Sie sind überzeugt, dass nur auf diesem Weg die wirkliche Gleichstellung der Geschlechter zu erreichen sei.
Ausstieg und neue Perspektive
Einmal Prostitution heisst aber nicht immer Prostitution. Die 23-jährige Graziella etwa ist aus der Prostitution ausgestiegen und will eine Handelsschule besuchen. Mit Hilfe der christlichen Organisation Heartwings, die mit ihrer Reinigungsfirma Frauen eine neue Perspektive anbietet. Ausserdem will Graziella auch aufklären, ein Sprachrohr sein: Darum geht sie in Schulen, um ihre Geschichte zu erzählen. Sie versteht sich als Aktivistin.
Doch es gibt auch Skepsis gegenüber dem Programm und die Befürchtung, dass «gerettete» Frauen in eine neue Abhängigkeit geraten könnten.
Ein gesellschaftlicher Auftrag
Klar ist, eine Gesellschaft muss in der komplexen Frage, wie sie mit Sexarbeit und Prostitution umgehen will, hinsehen, Stellung beziehen und sich mit den Realitäten auseinandersetzen, die hinter geschlossenen Türen stattfinden. Denn Sexarbeit ist nicht nur ein individuelles Schicksal – sie ist ein Thema, das uns alle betrifft, denn die Freier sind auch Väter, Ehemänner und Söhne.