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DOK Sterben in Freiheit

Diverse Delikte und drei Vergewaltigungen bringen Jerry ins Gefängnis und letztlich in die Verwahrung. Todkrank möchte er nicht im Gefängnis sterben, sondern in Freiheit bei seiner geliebten Brigitte. Alain Godet erzählt, weshalb Jerrys Geschichte für ihn zur Lektion über würdevolles Sterben wird.

Legende: Video Drei Knast-Tränen für Jerry abspielen. Laufzeit 22:00 Minuten.
Aus Reporter vom 02.11.2014.
Jerry
Legende: Jerry SRF

Der 57-jährige Jerry hatte in seinem Leben keine guten Karten, von allem Anfang an: «Mitten unter Rockern und Zuhältern, was lernte ich kennen? Sicher keine Familie und keine Liebe!»

Diverse kleinere Delikte und zwei Vergewaltigungen bringen Jerry hinter Gitter und in die Verwahrung. Leberkrank und dem Tode nahe, möchte er in Freiheit sterben bei Brigitte, seiner Jugendliebe, die ihn nach Jahrzehnten in der Strafanstalt wieder aufgesucht und sich erneut in Jerry verliebt hat.

Nur eine kurze Bekanntschaft

Seit längerem beschäftige ich mit der Thematik Verwahrung, Altwerden und Sterben im Knast.
Der ehemalige Richter, profilierte Justizkritiker und Buchautor Peter Zihlmann machte mich auf das Schicksal von Jerry aufmerksam. Zusammen besuchten wir ihn im Spital Sursee, und Jerry war sofort mit dem Filmprojekt einverstanden. Denn er wollte unbedingt vor seinem bevorstehenden Tod sein Schicksal an die Öffentlichkeit bringen.

Jerry hatte ein schwieriges – oder soll man gar sagen vermurkstes – Leben. Er sass über dreissig Jahre im Gefängnis und hatte sich deshalb drei sogenannte Knast-Tränen unter seinem rechten Auge tätowieren lassen – je eine für jeweils zehn Jahre Unfreiheit. Deshalb hatte ich nicht erwartet, dass meine Dreharbeiten zum Thema «Verwahrung» am Beispiel von Jerry, dem Tattoo-Mann aus dem Kleinbasler Milieu, für mich zu einer Lektion über würdevolles Sterben geraten würden.

Unsere Bekanntschaft währte nur kurz, denn ich lernte Jerry erst in seinem letzten Lebensmonat kennen. Er kämpfte, todkrank, um seine Freilassung aus der Verwahrung. Gefährlich für die Gesellschaft – das hatte selbst der Gefängnisarzt attestiert – war er mit seinem geschwächten Körper schon lange nicht mehr gewesen. Kraft und innerliche Ruhe gab ihm die neu aufgefrischte Beziehung zu Brigitte, seiner Jugendliebe als 19-Jähriger, die ihn nach Jahrzehnten wieder im Gefängnis aufgesucht hatte.

Sokratische Gelassenheit

Jerry hätte gute Gründe gehabt für einen tiefen Groll gegen den Justizvollzug, ja vielleicht gegen die Gesellschaft, die eine derartige Härte bar jeglicher Menschlichkeit toleriert. Stattdessen ging er seinen Weg mit einer sokratischen Gelassenheit.

Auf diese Weise hat mir Jerry ein eindrückliches Bild hinterlassen, wie man diese letzte Aufgabe souverän meistern kann.

Drei Tränen für Jerry
Legende: SRF

«Drei Tränen für Jerry – Requiem für einen Fehlbaren» von Peter Zihlmann

Zum Autor

Zum Autor

Alain Godet ist seit 1984 beim Schweizer Fernsehen, zuerst als Live-Regisseur, ab 1990 als Dokumentarfilmer und Produzent von DOK-Serien.

18 Kommentare

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  • Kommentar von Marion Mansour, Zürich
    Mein Mann kam 2009 durch "Justizwillkür" unschuldig in Haft,einfach so,über Nacht. 3.5Jahre kämpfte ich als Ehefrau für seine Freilassung,durchlebte alle Facetten des Wahnsinns, der Unmenschlichkeit, der Lügen der Justizbeamten, Richter. Justiz ist eine andere Welt, keine gerechte und schon gar keine ethische. Das Ausmass des inneren Wahnsinns welche sie auslöst können in der Tragweite wohl nur Betroffene verstehen. Richten sollte niemand+heutige Justiz ist oftmals nur eine unbeholfene Notlösung
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  • Kommentar von Ladina H., Winti
    Ich glaube, in diesem Film ging es nur um das Recht oder eben nicht Recht auf die Art des Sterbens. Und nicht darum, wie schlecht oder gut dieser Jerry als Mensch war. Besser wäre es, sie würden dazu eine Meinung äussern statt über ihn als Mensch zu urteilen. Also wenden sie sich doch dieser interessanten Frage zu, statt sich darüber zu echauffieren, dass nicht 10 Minuten des Films Jerrys Lebensreue gewidmet waren.
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  • Kommentar von rosarote Brille, Zürich
    Ich würde mich schämen, so einen Film zu machen. Schade, dass SRF sich auf dieses Niveau herunterlässt. Wieso genau hat Jerry Mitleid verdient?
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