Unterwegs mit der päpstlichen Schweizergarde

Der italienische Regisseur Gianfranco Pannone hat während eines Jahres die Schweizergarde mit der Kamera begleitet. Am meisten beeindruckt haben ihn der junge Gardist René und Papst Franziskus. Sein Film zeigt die pompöse Welt des Vatikans und wie unprätentiös sich der Papst darin bewegt.

Etwas steif, die historischen Uniformen Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Sie gehören zu den beliebtesten Fotomotiven Roms: die Gardisten in ihren blau-gelb gestreiften Uniformen. Fondazione Solares Suisse/Gianfranco Pannone

SRF DOK: Was waren die grössten Herausforderungen bei den Dreharbeiten im Vatikan?

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Zur Person

Zur Person

Gianfranco Pannone (*1963 in Neapel) ist Dokumentarfilmer und Filmregisseur. Zu seinen Arbeiten gehört unter anderem eine Trilogie über den amerikanischen Traum in Italien und die Glanzzeiten des Italowesterns. Sein Film «Scorie in libertà» (2012) beschäftigt sich mit der Nuklarenergie.

Gianfranco Pannone: Das Schwierigste war, sich von der Schönheit und dem geschichtsträchtigen Ort nicht lähmen zu lassen. Zu schnell drängt sich der Vatikan mit seiner Grandezza in den Vordergrund. Deshalb habe ich die Schweizer Gardisten immer wieder mit den weiten Räumen des Vatikans konfrontiert. Diese Soldaten, die aus der Innerschweiz kommen und sich im Vatikan schüchtern und staunend umschauen. Junge Männer, die sich spätnachts der Grösse des apostolischen Palastes ausgesetzt sehen, während sie diese Räume mit ihren atemberaubenden Fresken aus dem fünfzehnten Jahrhundert alleine bewachen müssen.

Was hat Sie am meisten überrascht?

Die grösste Überraschung, die ich im Verlauf der Dreharbeiten erfahren habe, waren die Emotionen des Leibgardiste René. Wenn sich zu seiner Rechten plötzlich eine zweite Tür zur Sixtinischen Kapelle öffnet und deren Schönheit offenbart, sieht man, wie er leer schluckt. Oder wie sehr ihn seine erste Wache während der Mittwochsaudienz des Papstes beeindruckt, wo er Papst Franziskus auf dem Papstmobil erblickt und plötzlich seine grosse Verantwortung spürt. Man darf nicht vergessen, dass genau dort das Attentat auf Papst Wojtila stattfand.

Beeindruckt hat mich auch Papst Franziskus mit seiner Einfachheit. Nachdem er den Kommandanten der Schweizer Garde begrüsst hat, ist er in einen Kleinwagen gestiegen, hat sich neben den Fahrer gesetzt und ist ohne Begleitschutz losgefahren. Da hat sich mir bestätigt, dass wir es mit einem grossen Papst zu tun haben.

Wie haben die Schweizer Gardisten diesen ungewöhnlichen Papst erlebt?

Ihnen ist bewusst, dass ihre Zeit im Vatikan von der Kraft dieses grossen Papstes beeinflusst wird. René hat zum Beispiel Vorbehalte gegen die antiquierten Kostüme, die er tragen muss – und findet für sich eine Antwort. Denn der Papst ist der erste, der zeigt, wie unwichtig das äussere Erscheinen ist. Ich konnte meine Beobachtungen auch darauf lenken, wie im Vatikan die unterschiedlichsten Hierarchiestufen aufeinander angewiesen sind. Umso mehr seit Franziskus diesbezüglich eine Revolution in Gang setzt.

Die Schweizergarde, für einmal nicht in Uniform, hoch über dem Petersplatz Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Rekruten der Schweizergarde stehen hoch über dem Petersplatz. Fondazione Solares Suisse/Gianfranco Pannone

Was ist seit der Fertigstellung des Films geschehen – bei den Protagonisten, bei Ihnen?

Es war eine wunderbare Erfahrung über ein Jahr hinweg. Und noch heute bin ich in Kontakt mit einigen, mit dem Kommandanten, mit René, mit anderen Gardisten. Uns gemeinsam ist die Erkenntnis, dass wir als Gläubige das Privileg hatten, einen tiefen Einblick in die Kirche zu bekommen, die viele Laien mit Vorurteilen oder mit Argwohn beobachten.

Bei welchem Spielfilm hätten Sie gerne selbst Regie geführt?

Ich beneide Paolo Sorrentino ziemlich um seinen aussergewöhnlichen Film «La grande bellezza». Bei meinem Dreh in Rom habe ich auch oft an Fellinis «La dolce vita» gedacht. Filme, die uns geprägt haben, die uns jene Stadt ersetzen, die sich heute kaum mehr findet, Opfer ihrer eigenen sperrigen und mächtigen Geschichte vielleicht.

Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen und warum gerade diesen?

«Der Perlmuttknopf» (El botón de nacar) von Patricio Guzmán, der weit mehr als ein Dokumentarfilm ist. Es ist eine Begegnung mit der Poesie, ohne der Geschichte etwas von ihrem Gewicht zu nehmen. Der Film erzählt die Geschichte des Genozids der Spanier an der lokalen Bevölkerung in Chile und anderen südamerikanischen Gebieten. Und die Geschichte des faschistischen Regimes von Pinochet, das 1973 den grossen Sozialisten Salvador Allende ermordete. Diese Mischung von Geschichte und Poesie und die Dringlichkeit, sie in die Gegenwart zu tragen, halte ich für unerlässlich.

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