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Walter Nowak kämpft um Genugtuung.
Legende: Walter Nowak kämpft um Genugtuung. SRF
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SRF DOK Verjährt: Missbrauch im Kloster, Medi-Tests in der Psychiatrie

Walter Nowak kämpft für Gerechtigkeit. Dafür, dass es in seinem Fall zu einem Gerichtsverfahren kommt, in dem ein Urteil gefällt, eine Strafe ausgesprochen und ihm endlich eine Genugtuung zugestanden wird. Leichter gesagt als getan.

Wer für Gerechtigkeit kämpft, sollte sich warm anziehen. Dafür ist die Geschichte von Walter Nowak ein eindrückliches Beispiel. Als er sich 2012 erstmals öffentlich über seine Zeit als Zögling im Thurgauer Kloster Fischingen äusserte, kam die Antwort postwendend: Der angeschuldigte Pater dachte via Thurgauer Zeitung laut über eine Verleumdungsklage nach. Nowak stand als mutmasslicher Lügner da.

Es dauerte rund zwei Jahre, bis den Medien ein 170-seitiger Bericht vorgestellt werden konnte, der das Bild klärte. Es ist ein Blick in menschliche Abgründe. Viele, die Kindern aus schwierigen Verhältnissen christliche Werte hätten vorleben sollen, erkannten in ihnen leichte Opfer und machten viele von ihnen kaputt. Und viele, die davon wussten, schauten weg.

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Eine zweifelhafte Verbesserung der Situation
Aus DOK vom 24.05.2015.
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Die Verjährung aushebeln

Dass dies öffentlich zugegeben werden musste, ist ein Etappensieg für Nowak. Aber er will mehr. Und zwar Gerechtigkeit, sagte mir Nowak immer wieder – am liebsten wären ihm Gerichtsverfahren, in denen Urteile gefällt, Strafen ausgesprochen und Genugtuungen zugestanden werden. Aber dazu wird es wohl nie kommen – wegen der Verjährung.

Der Zürcher Anwalt Philipp Stolkin vertritt Nowaks Interessen und möchte diese Verjährung aushebeln. Er hat in Strassburg eine entsprechende Klage anhängig gemacht. Würde Strassburg die Verjährung tatsächlich kippen, wäre der Weg unter anderem auch frei für Schadenersatzforderungen.

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Walter Nowak: «Etwas, das du nicht vergessen kannst»
Aus DOK vom 24.05.2015.
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Medikamententests an Kindern

Davon ist Nowak in «Fall Münsterlingen» noch meilenweit entfernt. Das Kloster Fischingen hatte ihn 1970 in die psychiatrische Klinik Münsterlingen gebracht. Es war nämlich aufgefallen, dass seine Schulleistungen stark nachgelassen hatten – heute ist klar: eine Folge des Missbrauchs. In Münsterlingen testete der damalige Klinikdirektor Roland Kuhn zu jener Zeit Medikamente am lebenden Objekt – auch an Kindern. Was genau dort an wem getestet wurde und mit welchen Folgen, soll nun eine historische Aufarbeitung zeigen. Im Thurgauer Staatsarchiv lagert Kuhns privater Nachlass. Der Kanton will das umfassende Material auswerten lassen. Wann die Ergebnisse vorliegen, ist unklar – wohl frühestens in ein bis zwei Jahren.

Kampf gegen einen Pharma-Riesen

Spannend wird vor allem auch die Rolle der Pharma-Firmen sein, mit denen Kuhn zusammenarbeitete. Etwa Geigy und Ciba-Geigy, später aufgegangen in der heutigen Novartis. War ihnen damals bekannt, dass ihre Medikamente auch an Kindern getestet wurden? Wurde kontrolliert, ob Kuhn die damaligen Auflagen für Medikamententests einhielt? Und: Werden Opfer für ihre Spätfolgen entschädigt? «Zum jetzigen Zeitpunkt verzichten wir auf eine Stellungnahme», schreibt Novartis der Sendung «Reporter».

Nowak kämpft nun also auch noch gegen eine psychiatrische Klinik und einen Pharma-Riesen. Schwer zu sagen, wie weit er kommen kann. Denn er ist heute 58 Jahre alt und gesundheitlich bereits schwer angeschlagen.

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Simon Christen ist seit 2011 Redaktor bei «DOK» und Reporter». In seinen Filmen analysiert er immer wieder das schweizerische Strafrecht und porträtiert Opfer wie Straftäter.

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4 Kommentare

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  • Kommentar von E. S. , Zürich
    Diese Medikamenten-Versuche sind als Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Art. 7 (Röm. Statut des Int. Strafgerichtshofs) einzustufen, da diese ausgedehnt und systematisch (über 1600 Versuche mit mind. 23 Toten) gegen eine best. soziale, unter Gewahrsam, Kontrolle stehende Gruppe waren und grosse Leiden, d.h. schwere Schädigung der physischen oder psychischen Gesundheit verursachten.Vorsätzlich durchgeführt, ohne Einwilligung der Betroffenen. Solche Verbrechen sind nicht verjährbar (Art. 101).
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    1. Antwort von Charles Dupond , Vivis
      Zur primitivsten Rechtssicherheit gehoert, dass niemand fuer eine Tat noch verurteilt werden darf, die nach dem am Tatort zur Tatzeit gueltigen Strafrecht zurzeit der Indentifikation des Taeters in einem Strafverfahren schon verjaehrt ist. In der Schweiz wurden Unverjaehrbarkeitsabkommen erst lange nach 1975 vereinbart. Was einen Staat jedoch nicht daran hindern muss, die Opfer systematisch beguenstigter Sklaverei usw. auch dann zu entschaedigen, wenn er die Taeter wegen Verjaehrung laufen lasse
  • Kommentar von Charles Dupond , Vivis
    Verjaehrungen dienen dem Rechtsfrieden, denn die Juxtiz waere dazu da, die aktuellen Faelle ohne skandaloese Verzoegerungen und Verhinderungen abzuarbeiten, statt die Geschichte zu korrigieren. Allerdings kann man Verjaehrungen auch ruhen lassen. Ein internationales Abkommen, das die Verjaehrung immer - und nicht nur fuer privilegierte Kasten - ruhen laesst, wenn und solange kriminelle Politiker und Richter die Taeter decken statt deckeln, ist nicht nur faellig, sondern ueberfaellig....
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  • Kommentar von Christian Schulthess , 8824 Schönenberg
    Spielt keine Rolle ob Kirche oder Staat. Es sind alles Schurken.
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