Von Mundartrock, Mut und Müssiggang

Weshalb lehnt Polo Hofer den Begriff «Arbeit» ab? Wie kann jemand erfolgreich sein, indem er nichts macht? Und überhaupt: Was braucht es, um sich gesellschaftlichen Zwängen zu entziehen? Filmautor Hanspeter Bäni ist beeindruckt von Polo Hofers Leben, das geprägt ist von Kreativität und Musse.

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Polo Hofers Urteil nach dem Sarg-Probeliegen (Filmausschnitt)

1:24 min, vom 20.11.2014
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Hanspeter Bäni arbeitet als Videojournalist. In seinen Filmen zeigt er Menschen, die nicht im Strom mitschwimmen und eigene Wege gehen.

Die Szene ereignete sich oberhalb von Sigriswil im Berner Oberland: Jede Regung eines Mannes, der eine Käseschnitte verzehrt, wird von den Umstehenden andächtig zur Kenntnis genommen und ungefragt fotografiert.

Wer derart im Fokus des öffentlichen Interesses steht, besitzt Charisma. Und tatsächlich ist der Mann mit der Käseschnitte so bekannt wie ein bunter Hund: Mundartsänger Polo Hofer. Als Erster verband er den Rock’n’Roll mit seinem Dialekt, schuf so eine neue Volksmusik und einen neuen Wirtschaftszweig. Inzwischen ist er bald 70 Jahre alt, und fragt man ihn, ob er noch lange auf der Bühne stehen möchte, blitzt sein stark entwickelter Sinn für das Komische auf: «Elvis ist tot, die Beatles gibt es auch nicht mehr und ich bin inzwischen auch ein bisschen müde.»

Sprachrohr, Nacktmodel und Clown

Ein letztes Album möchte er aber trotzdem noch einspielen, um sich danach vor allem der Malerei und Schriftstellerei zu widmen. Als gelernter Handlitograph und regelmässiger Kolumnist in einer Tageszeitung bewies er auch in diesen Disziplinen Talent. Das imponiert mir. Aber was mich noch viel mehr beeindruckt, ist sein Mut, oft und gerne gegen den Strom zu schwimmen. Polo war Sprachrohr der Hippies, setzte sich für die Legalisierung von Marihuana ein und posierte nackt für ein Wahlplakat im Rahmen der Stadtratswahlen in Bern.

Polo Hofer auf der Bühne Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Abrocken auf seiner Endspurt-Tour: Polo Hofer will bald kürzer treten. SRF

Herausforderungen nahm er immer gerne an ohne Rücksicht auf die Folgen. Das unterscheidet ihn von jenen, die stets darauf achten, nirgends anzuecken. Wer jeder Anstrengung und jeder Schwierigkeit aus dem Wege geht, wird vermutlich selten viel erleben und mit grosser Wahrscheinlichkeit auch nicht sehr erfolgreich sein. Polo hingegen lustwandelt selbstbestimmt und unerschrocken durch die Jahre als bekennender Kiffer und Freund des Rebensafts. Er spielt den Clown, wenn es ihm danach ist oder zitiert mit dem Gesichtsausdruck eines Gelehrten seinen Lieblingsdichter Omar Chajjam, einen Philosophen, der vor tausend Jahren in Persien lebte.

Den Müssiggang zur Tugend gemacht

Zu Beginn seiner Karriere als Sänger und Liedertexter sagten ihm viele ein brotloses Künstlerdasein voraus. Der Berner liess sich nicht beirren und ging kompromisslos seinen Weg, der längst nicht immer einfach war. Heute sind seine Lieder Volksgut und er selber wird als Prototyp des Mundart-Sängers wahrgenommen. Während seiner langen Karriere veröffentlichte er über 30 Alben, gab unzählige Konzerte und spielte in Filmen mit. Wie gelang ihm das ohne Burn-out? Modeschöpfer Karl Lagerfeld brachte das Rezept auf den Punkt: «Arbeit ist es, wenn es keine Freude macht.» Als selbständig Erwerbender machte der Mundartsänger nur, was er auch wirklich wollte. Oder er machte gar nichts, nahm sich wieder einmal ein halbes Jahr lang frei, lebte vom Ersparten und erklärte den Müssiggang zur Tugend.

Es braucht Chuzpe, sich dem Verdacht auszusetzen, ein Faulpelz zu sein, gerade in einer Gesellschaft, die Arbeit als einen in Stein gemeisselten Begriff versteht, der fest auf dem Boden des puritanischen Protestantismus verankert ist. Polo indes ist überzeugt, dass bewusst zelebrierter Müssiggang durchaus Vorzüge aufweist.

Platz für neue Ideen

Filmemacher Hanspeter Bäni und Musiklegende Polo Hofer. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Brüder im Geiste? Filmemacher Hanspeter Bäni und Musiklegende Polo Hofer. SRF

Ich teile seine Meinung, obwohl ich die Kunst, Mussezeit bewusst zu erleben, noch nicht ganz so gut beherrsche. Es leuchtet mir ein, dass die Haltung ganz entspannten Eintauchens in den Moment vorbeugend wirkt gegen einen Herzinfarkt oder Krankheiten. Zudem entstehen gute Ideen oft erst, wenn der Gedankenfluss unterbrochen wird. Wer sich bewusst Zeit nimmt zum Nichtstun, sei es ein halbes Jahr lang oder auch nur für ein paar Stunden, schafft Platz für neue Ideen. Die bewusst gewählte Leere kann so mit Fülle an Kreativität belohnt werden. Körperlich und geistig vitalisiert wird man jede neue Herausforderung entspannter angehen.

So macht es jedenfalls Polo Hofer in regelmässigen Abständen. Müssiggang und Spass am Tun sind sein Fundament, auf dem er seinen Erfolg aufbaut. Seine Songs sind durch Copyright geschützt. Sein Lebensmotto glücklicherweise nicht.

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Jimmy Cliff verrät Polo sein Geheimnis (webexklusiv)

3:54 min, vom 20.11.2014