Warum Russland heute patriotisch und autoritär ist

Vor 25 Jahren endete die Ära der Sowjetunion. Der Zerfall des Riesenreichs und der Verlust an internationaler Bedeutung ist bis heute in Russland spürbar. SRF-Korrespondent Christof Franzen trifft Menschen, die tief gekränkt und enttäuscht sind. Sie finden Halt im autoritären Patriotismus Putins.

Boris Jelzin tanzt bei einem Musikfestival (1996). Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Präsident zum Schämen Boris Jelzin tanzt bei einem Musikfestival (1996). Keystone

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Christof Franzen ist seit 2003 für SRF tätig, derzeit als Korrespondent in Moskau.

Die ehemaligen Teilrepubliken der Sowjetunion, inzwischen 15 unabhängige Staaten, haben sich ganz unterschiedlich entwickelt. Die Balten gehören zur Europäischen Union, in zentralasiatischen Staaten wie Usbekistan oder Turkmenistan herrschen autoritäre Regime mit teils diktatorischen Tendenzen. Und in Russland, praktisch gesehen der Nachfolgestaat der UdSSR, sucht man 25 Jahre nach dem Zusammenbruch der UdSSR nach einer «nationalen Idee».

Die Literaturpreisträgerin von 2015, Swetlana Alexiewitsch hat es in einem Interview im «Echo Moskaus» sinngemäss so formuliert. Sie reise ständig durch die ehemalige Sowjetunion, durch Länder wie Ukraine, Weissrussland oder Russland, und überall treffe sie gekränkte und tief enttäuschte Menschen. Und das sei eine gefährliche Situation.

Alexiewitsch hat in ihren Büchern wie «Secondhand-Zeit» in beeindruckender und überzeugender Art und Weise aufgezeigt, wie Menschen jeglicher Couleur das Ende des sowjetischen Imperiums erlebt haben, und wie sie sich heute im vermeintlich freien und demokratischen Russland fühlen.

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Die Ära der Sowjetunion endete im Dezember 1991

1:56 min, vom 21.12.2016
Die sowjetische Flagge weht an der Seite der russischen über dem Kreml (Dezember 1991). Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Ende einer Ära Die sowjetische Flagge weht an der Seite der russischen über dem Kreml (Dezember 1991). Keystone

Das Chaos der 90er Jahre

Insbesondere die 90er Jahre scheinen sich bei Millionen von Russinnen und Russen als eine Zeit festgesetzt zu haben, in der sie Armut, Unsicherheit und Chaos durchleben mussten. Geschichten darüber höre ich selber unzählige. Ungeheizte Wohnungen, Betrügereien, Morde, Prostitution, Verkauf von Hab und Gut, um irgendwie überleben zu können.

Zur persönlichen Mühsal kam der Zerfall von Sitten, Anstand und Gepflogenheiten, die im autoritären, aber eben auch gesitteten sowjetischen Alltag noch galten. Und vor allem natürlich der Zerfall des Imperiums. Ehemalige Bruderstaaten, die sich – wie derzeit die Ukraine – statt nach Moskau in Richtung Westen, oder wie teils in Zentralasien, auf China ausrichten. Und zu guter Letzt gierige, hemmungslose Oligarchen und ein Präsident Boris Jelzin, der wohl viel Gutes wollte und einiges auch tat, aber insbesondere mit dem Tschetschenien-Krieg auch katastrophale Fehler beging. Jelzin gab in seiner zweiten Amtszeit mit seinen Alkoholproblemen eine Figur ab, für die viele Russen wenig Achtung mehr hatten.

Die fetten 2000er Jahre

Heute, 25 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion, sieht es in Russland materiell und sozial gesehen besser aus. Die fetten 2000er Jahre mit riesigen Einnahmen aus Öl- und Gasgeschäft, satten Direktinvestitionen und einer konsumfreudigen Bevölkerung zeigten Wirkung. Aber dennoch: Im heutigen Russland, wo laut der Studie einer Schweizer Bank 75 Prozent des Vermögens in den Händen von einem Prozent der Bevölkerung liegen, bleiben viele Menschen unzufrieden und gekränkt. Und vom philosophischen Standpunkt gesehen bleibt die Suche nach der sogenannten «nationalen Idee», die den Kommunismus ersetzen soll, ein zentrales Thema.

Wladimir Putin Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nach dem Kommunismus Wladimir Putin erklärte den «Patriotismus» zur «nationalen Idee». Keystone

Patriotismus lenkt ab von Versäumnissen

Präsident Wladimir Putin hat in den letzten Jahren explizit den «Patriotismus» zu dieser Idee erklärt. Eine praktische Lösung. Denn in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten mit sehr durchzogenen Prognosen lässt sich so gut von eigenen Fehlern und Versäumnissen ablenken – insbesondere von einer Modernisierung und Reformierung des Landes, die auf halber Strecke stecken geblieben ist.

Eine Bilanz zu ziehen, nach einem Vierteljahrhundert im «freien» Russland, ist da äusserst schwierig. Es gibt im Lande neben den «Gekränkten» nämlich auch sehr viele zufriedene und stolze Menschen, die zuversichtlich in die Zukunft schauen. Wir haben in unserem Film versucht, Menschen zu porträtieren, die einen Vergleich zu damals wagen – in Bereichen, die in der Sowjetunion zentral waren: Armee, Arbeiter und Bauern. Zudem geben wir einen Einblick, über die nicht unumstrittene Rolle, die die Kirche heute wieder in der Gesellschaft spielen darf. Und wir gingen der Frage nach, ob es für die russischen Frauen heute leichter ist als früher.

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Zu Sowjetzeiten sollten Frauen gescheit sein, heute schön.

1:11 min, vom 21.12.2016

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 21.12.2016 22:55

    DOK
    Die Suche nach dem verlorenen Imperium

    21.12.2016 22:55

    Im Dezember 1991 ging die Ära der Sowjetunion zu Ende. Heute noch bedauert das nach wie vor rund die Hälfte der Menschen in Russland. Warum? Und wo ist die Sowjetunion im modernen Russland noch spürbar? Diesen Fragen ist SRF-Russlandkorrespondent Christof Franzen ein Jahr lang nachgegangen.