Wenn man Bruder und Schwester verliert

Beide Geschwister der Filmautorin Annina Furrer wählen den Tod. Beide nehmen sich während eines Aufenthalts in einer psychiatrischen Klinik das Leben. Beide haben eine ähnliche Krankheitsdiagnose. Wie geht sie als Schwester, wie geht ihre Familie mit diesen schrecklichen Erlebnissen um?

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Bildlegende: Dem Himmel zu nah SRF

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Zur Autorin

Zur Autorin

Annina Furrer arbeitete während vielen Jahren als Cutterin und Redaktorin bei SRF. Seit 2001 ist sie freischaffende Autorin, Regisseurin und Videojournalistin. Für «Dem Himmel zu nah» erhielt sie 2016 den Zürcher Filmpreis.

Am frühen Nachmittag eines wunderschönen Herbsttages springt Marius, mein 39-jähriger Adoptivbruder, über die Berner Kornhausbrücke in den Tod. Der Tod von Marius wirft mich aus der Bahn. Die Gleichzeitigkeit der Geschehnisse – der tiefe Schock, aber auch unsere fröhlichen Kinder, für die der Tod noch keine Bedeutung hat. Und die schmerzliche Erinnerung an damals, als sich meine 19-jährige Schwester das Leben genommen hatte – bringen mich aus dem Gleichgewicht.

Zum zweiten Mal verliere ich ein liebes Familienmitglied auf diese Art. Die Geschichten weisen viele und beunruhigende Parallelen auf. Beide haben sich während eines Aufenthalts in einer psychiatrischen Klinik umgebracht. Sie hatten eine ähnliche Krankheitsdiagnose, und in beiden Fällen habe ich während Jahren an eine positive Entwicklung dieser Lebenswege geglaubt und dafür «gekämpft».

Familie am Grab Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Familie am Grab von Marius SRF

Nun werde ich ein weiteres Mal gezwungen zu akzeptieren, dass ich meinen Allerliebsten zwar zur Seite stehen kann, es mir aber dennoch nur zum Teil gelingt, sie in ihrer Not und ihrer Einsamkeit zu begleiten, zu unterstützen. Erschüttert stehen meine Mutter, mein Vater, mein jüngster Bruder und ich vor der unausweichlichen Aufgabe, nun auch Marius‘ Entscheid zu akzeptieren, zu respektieren. Nur – was heisst das, einen solchen Entscheid respektieren?

«  Endlose Fragen trieben mich um: War das wirklich seine Entscheidung, ihre Entscheidung? »

Je länger ich versuchte, die Geschehnisse zu akzeptieren, sie anzunehmen und einfach stehen zu lassen, desto mehr geriet ich in einen Konflikt: Die Idee, den Entscheid meiner Geschwister – der mich nicht nur erschütterte, sondern auch verletzte und wütend machte – zu respektieren, liess sich nur schwerlich mit meiner positiven Haltung dem Leben gegenüber in Einklang bringen.

Kinder im Schnee Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Geschwister Marius, Bethli und Annina. Privat

Endlose Fragen trieben mich um: War das wirklich seine Entscheidung, ihre Entscheidung? Wie kommt es überhaupt soweit, dass Menschen im Leben keinen Sinn mehr sehen? Auf den ersten Blick waren doch beide gut eingebettet in eine glückliche Familie, fürsorgliche Eltern, es fehlte weder an Verständnis noch an Liebe. Doch ab wann rieselte der Sand ins Familiengetriebe? Warum waren meine Geschwister so anders als ich? Weniger stark? Sensibler? Unsicherer? Und schliesslich die Frage: Können wir überhaupt WIRKLICH Einfluss nehmen auf das Leben unserer Nächsten?

«  Ich musste dieser schicksalhaften Geschichte und meiner Ohnmacht mit einem Film begegnen. »
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Bildlegende: Die Familie von Filmautorin Annina Furrer beim Baden. Privat

Meine Herkunftsfamilie, mein Lebenspartner und unsere unbeschwerten Kinder, aber auch professionelle Hilfe gaben mir wieder Halt und Boden, meinen Aufgaben im Alltag nachzugehen. Doch der Wiedereinstieg in meine berufliche Tätigkeit fiel mir schwer. Bis ich merkte, dass ich dieser schicksalhaften Geschichte und meiner gefühlten Ohnmacht diesbezüglich mit einem Film begegnen «muss»! Denn worüber sollte ich als Filmautorin berichten, wenn nicht über Dinge, die mich selber existentiell berühren und bewegen?

Während fünf Jahren arbeitete ich an diesem Film. Diese Arbeit war oft sehr intensiv, manchmal schwierig und beunruhigend, auf der anderen Seite aber auch sehr bereichernd und auf jeden Fall erkenntnisreich. Ich war als Angehörige Teil der Ereignisse, stand selber mitten in einem Prozess und zugleich reflektierte ich diesen Prozess als Autorin. Damit mir dieser Spagat gelingen konnte, arbeitete ich intensiv mit Aussenstehenden zusammen, was mir einerseits immer wieder den nötigen Abstand ermöglichte und mir andererseits in meiner persönlichen Verarbeitung weiterhalf.

«  Ich glaube, es ist mir gelungen, eine traurige Geschichte zu erzählen, die aber nicht hoffnungslos stimmt. »
Gemälde einer jungen Frau Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die damals 19-jährige Bethli malte während ihres Aufenthalts in einer psychiatrischen Klinik. Privat

Natürlich war das Ganze kein Spaziergang und es hat mir manch schlaflose Nacht beschert. Doch heute bin ich glücklich, wenn ich Reaktionen von Zuschauerinnen und Zuschauern miterleben darf. Ich stelle fest, dass ich mein Ziel erreicht habe: Mit meinem Film Menschen zu berühren, mit einer Geschichte, die exemplarischen Charakter hat und doch universell ist. Ich glaube, es ist mir gelungen, eine traurige Geschichte zu erzählen, die aber nicht hoffnungslos stimmt – und dadurch auch meinen verstorbenen Geschwistern die Ehre zu erweisen. Ich stelle dem Tod und meiner Ohnmacht durch meinen Film das Leben und meine Lebensfreude entgegen. In der Hoffnung nicht nur bei mir, sondern auch beim Publikum – wenn auch im Kleinen – etwas zu bewegen...

Sendungen zu diesem Artikel

  • Video «Dem Himmel zu nah» abspielen
    SRF 1 18.01.2017 22:55

    DOK
    Dem Himmel zu nah

    18.01.2017 22:55

    Während Annina Furrer mit ihren Kindern am See die Möwen füttert, nimmt sich ihr geliebter Adoptivbruder Marius das Leben. Der tiefe Schock und die traumatischen Erinnerungen an damals, als sich Jahre zuvor schon ihre jüngere Schwester Bethli das Leben genommen hatte, bringen sie an ihre Grenzen.

  • SRF 1 17.01.2017 22:20

    Club
    Fassade heile Familie

    17.01.2017 22:20

    Jede Familie hat ihre Sorgen, die sie lieber privat halten will. Das heile Bild nach aussen muss bleiben, koste es was es wolle. Weshalb ist das so? Wie gehen Familien mit ihren Geheimnissen um, wenn das innere Drama aufbricht und sich nicht mehr verbergen lässt? Ehemalige Geheimnisträger erzählen.

  • SRF 1 11.09.2014 20:05

    DOK
    Das Ende war der Anfang – Vom Leben nach dem Suizidversuch

    11.09.2014 20:05

    «Eigentlich habe ich Angst vor dem Tod», sagt Noël Kaiser. Trotzdem hat er schon mehrere Suizidversuche hinter sich. Jeden Tag versuchen in der Schweiz rund 50 Menschen, ihr Leben selbst zu beenden – und überleben.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Annina Furrer

    Aus Aeschbacher vom 7.4.2016

    fütterte mit ihren Kindern die Möwen – gleichzeitig sprang ihr Adoptivbruder von einer Brücke, nahm sich das Leben. 18 Jahre zuvor hatte auch ihre jüngere Schwester Suizid begangen. Der tiefe Schock und die traumatischen Erinnerungen an damals brachten die dreifache Mutter und Filmemacherin an ihre Grenzen. Was hat ihre Geschwister dazu getrieben, aus dem Leben zu scheiden? Ab wann rieselte der Sand in das scheinbar intakte Familiengetriebe? Furrer begibt sich in ihrem Film «Dem Himmel zu nah» auf Spurensuche ihrer traumatischen Familiengeschichte.