«Sie hat sich ziemlich rasch in ihn verliebt»

M’Tongé, 200 Kilogramm schwer, 15 Jahre alt, soll der Chef der Gorilla-Gruppe im Zoo Basel werden. Doch wie geht das eigentlich? Mit professioneller Unterstützung vom Menschen. Der Silberrücken macht Fortschritte – nicht ohne Reibungen, aber stetig. Beim Zoo ist man optimistisch.

Wenn Gorillas sich näher kommen, wirkt das zuweilen wie bei Homo sapiens – das hat der Neuankömmling M’Tongé im Zoo Basel eindrücklich demonstriert. Das Männchen lebt seit einer Woche im Gehege der Westlichen Flachland-Gorillas und hat mit Brustklopfen und anderen «Macho»-Gesten gleich versucht, die Weibchen der Gruppe zu beeindrucken. Die erste Reaktion von Quarta, 45, war freilich nicht, was ein Kavalier beim Werben um eine Menschendame sich wünscht: schrilles Geschrei, das einen Don Juan alsbald vertreiben würde.

«Das Sozialleben dieser Tiere hat zwar etwas Menschliches», sagt Biologe Adrian Baumeyer, der im Basler Zoo die Affen betreut, «aber natürlich noch mehr Gorilla-haftes. So ein Verhalten ist sehr ritualisiert.» Und die laute Reaktion des Weibchens schreckt das Männchen nicht ab, sondern löst zunächst nur einen Rückzug aus – er meidet sogar direkten Augenkontakt, der auf sie aggressiv wirkt. Bis der nächste Versuch erfolgt, vielleicht mit weniger heftiger Ablehnung. Ein gewaltiges und zugleich sanftes Hin und Her, bis sich das Weibchen – im Erfolgsfall – dem Männchen schliesslich unterwirft.

Spontane Sympathie und Kontaktprobleme

So geschah es schliesslich auch zwischen Quarta und M’Tongé, deren Gegenwehr sich auf das Nötigste beschränkte. «Sie findet ihn eigentlich ganz toll», erzählt Baumeyer, «und hat sich ziemlich rasch in ihn verliebt.» Sogar eine Paarung gab es zwischen den beiden bald darauf – wenn auch mehr ein soziales Körperspiel als mit dem Ziel, wirklich für Nachwuchs zu sorgen. Was freilich nicht heissen soll, dass M’Tongé die Basler Affen sofort überzeugt hätte.

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Welche Tiere kommen wohin?

Die Auswahl eines Tiers wie M’Tongé für den Basler Zoo wird vom Europäischen Erhaltungs-Zuchtprogramm betreut. Um Inzucht zu vermeiden, sollen Tiere nicht zu nah verwandt sein. Zudem wird «Soziales» berücksichtigt: Für eine alt eingesessene Gruppe braucht ein Leittier ein gewisses «Standing» – erkennbar an Grösse, Gewicht und seinem Silberrücken.

Im Gegenteil: Die Eingliederung eines neuen Silberrückens in eine feste Primaten-Gemeinschaft ist ein schwieriger Prozess, der meist nur Schritt für Schritt gelingt – mit Rückschlägen, die kaum zu vermeiden sind. Die Nacht auf den vergangenen Montag verbrachten die Gorillas erstmals allesamt vereint, doch anschliessend, so Baumeyer, war in der Gruppe sehr viel Spannung zu spüren. Also beschlossen er und der niederländische Primatologe Jan Vermeer, der für M'Tongés Eingliederung eigens angereist ist, die Lebensgemeinschaft aus Einzelgruppen wieder aufzubauen.

«Ein paar Mal in die Mangel genommen»

Zum Beispiel wegen Zungu, 11, einem frechen Widersacher. Obwohl mit gut 100 Kilogramm etwa halb so schwer wie M’Tongé, wollte sich der Jungspund partout nicht fügen – und so platzierten die Betreuer die beiden Kontrahenten zusammen in einem eigenen Teil des Geheges, damit sie den Konflikt und ihre Rollen rasch klären.

M’Tongé, der zuvor in einer Gorilla-Männergruppe in Polen gelebt hatte, machte den Fachleuten zunächst Sorgen: Eher ein zurückhaltender Typ, erduldete er Bisse und andere Attacken von Zungu scheinbar klaglos. Doch in den letzten Tagen «hat er ihn dann ein paar Mal in die Mangel genommen», erzählt Baumeyer erleichtert.

Bevor sie beiden aber wieder in die gesamte Gruppe sollten, so der Plan, sollte sich zunächst nur ein Weibchen hinzugesellen – quasi als «Härtetest», ob die neue Rangordnung auch in ihrem Beisein eingehalten wird. Doch der scheiterte, denn keines des Weibchen fühlte sich bemüssigt, zu Gegenwart der Männchen aufzusuchen. Am Mittwochnachmittag entschied Experte Vermehr deshalb, die Schiebetüren zu öffnen und die Gruppe gleich ganz zusammenzubringen.

Beziehungsprobleme – manchmal mit Folgen

So sollen die Primaten zueinander finden, bis aus der Gruppe eine soziale Einheit geschweisst ist. Gelingt das nicht, lauern schliesslich Gefahren. Baumeyer erzählt von einem Fall in einem deutschen Zoo: Weils mit einem Weibchen überhaupt nicht lief, war der neue Gorilla unglücklich, frass zu wenig und wurde schliesslich krank. «Das ging einfach nicht zusammen», sagt der Experte. Erst, nachdem die Widerspenstige in einen anderen Zoo verlegt war, blühte der Silberrücken auf.

So ernste Probleme sind freilich selten, erklärte der Basler Biologe, und M’Tongé, Nachfolger des im Mai gestorbenen Kisoro, macht sich wirklich gut. Doch fertig ist die Arbeit der Primantenbetreuer erst, wenn die Affengruppe «funktioniert» – dann also, wenn sie ihre Angelegenheiten auch im Alltag regelt und die Gorillas ihre jeweiligen Eigenarten und Marotten kennen. So ein Prozess kann Wochen oder Monate dauern. «Man weiss es einfach nicht; das ist sehr individuell», sagt Baumeyer, «da gibt es, wie bei uns Menschen, einfach kein Rezept.»

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«Einstein» Spezial: Bei den Affen (03.01.2013)

44 min, aus Einstein vom 3.1.2013