«Männchen, die sich um Kinder kümmern, sind weniger erfolgreich»

Der fürsorgliche Papa: Bei uns Menschen sorgt er für familiäre Sicherheit und damit erfolgreiche Fortpflanzung. Doch in der Tierwelt ist ein Vater, der sich kümmert, nicht immer von Vorteil – im Gegenteil. Wissenswertes im Interview mit dem Zürcher Anthropologen Carel van Schaik.

Ein Weissbüschelaffe trägt ein Junges auf dem Rücken. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Fürsorgliche Väter: Bei den Weissbüschelaffen tragen die Männchen den Nachwuchs auf dem Rücken. Imago

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Zur Person

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Carel van Schaik, geboren 1953 in den Niederlanden, ist Professor für biologische Anthropologie und Direktor des Anthropologischen Instituts und Museums der Universität Zürich. Sein Interesse als Forscher gilt der sozialen Evolution bei Primaten. Van Schaik ist Vater von zwei Kindern und lebt mit seiner Frau in Zürich.

SRF: Herr van Schaik, Väter sind nicht überlebensnotwendig. Was ist denn im Tierreich üblich: an- oder abwesende Väter?

Carel van Schaik: Abwesende Väter. Bei Säugetieren ist die Mutter während der Trag- und Stillzeit normalerweise allein. Die erste Voraussetzung für eine aktive Vaterschaft ist also, dass der Vater überhaupt präsent ist. Es gibt solche Arten. Bei den Wölfen, Pferden, Grosskatzen und insbesondere bei den Primaten leben Männchen und Weibchen ständig in Grossgruppen zusammen.

Die Voraussetzung für eine aktive Vaterschaft ist also, dass man zusammen lebt. Aber wieso macht man das?

Die beste Antwort, die wir im Moment haben, ist: Wenn die Weibchen von Arten, die normalerweise in Grossgruppen zusammenleben, mit den Kindern alleine bleiben, sind sie anfällig. Fremde Männchen töten die Kinder, damit sie die Weibchen schneller begatten können. Wenn hingegen die Väter bei den Müttern bleiben, können sie die Kinder beschützen. Da beginnt, was man eine Vaterrolle nennen könnte.

Gibt es bei allen Arten, die in Gruppen leben, aktive Vaterhilfe?

Nein. Und es hat nichts mit Moral zu tun, sondern damit, welches Verhalten durch die Selektion bevorzugt wurde. Man könnte sagen, die Selektion rechnet am Ende ab: Wie viele überlebende Nachkommen hat ein Männchen? Und so betrachtet sind bei den meisten Arten, die sich kümmernden Männchen viel weniger erfolgreich als die Männchen, die sich überhaupt nicht um ihre Kinder kümmern.

Haben Sie ein Beispiel?

Stellen wir uns eine Gruppe Weibchen mit einem Männchen vor. Und das Männchen beteiligt sich sehr aktiv an der Kinderaufzucht. Er trägt die Kinder und sucht nach Futter. Die Konsequenz wird sein, dass er – als einziges Männchen – die Gruppe inklusive der Kinder weniger gut gegen andere Männchen verteidigen kann. Männchen, die sich nicht kümmern, werden sich also längerfristig durchsetzen.

Ein Wildpferd-Fohlen reibt seine Nase an der Nase eines Hengstes. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Sicher bei Papa: Ein Wildpferd-Fohlen Auge in Auge mit dem Hengst. Imago

Heisst das: Nur wenn die Männchen nichts zu tun haben, kümmern sie sich um den Nachwuchs?

Da ist was dran. Wenn sich ein Männchen mit einem Weibchen zusammenfindet und das Männchen nur rumsitzen würde, könnte es von Vorteil sein, sich um die Kinder zu kümmern. Dann sagt die Evolution: Hei, das ist eine gute Idee. Dann ändert sich die Psychologie der Art. Das Männchen beginnt sich für den Nachwuchs zu interessieren und bringt sich aktiv ein.

Was ist den Arten, deren Väter sich kümmern, gemein?

Die Tier-Gruppen sind ungefähr ausgeglichen mit Männchen und Weibchen bestückt. Dann gibt es weniger Kämpfe ums andere Geschlecht.

Welche Vorteile bringen aktive Tierväter noch?

Die Weibchen bekommen häufiger Nachwuchs. Die Geburtsintervalle verkürzen sich sehr stark. Denn die Weibchen können die Kinder schnell abgeben. Sie müssen nur noch für die Milchproduktion sorgen; die Väter übernehmen das Tragen. Womöglich wurde damit ein Prozess angestossen, der letztlich dazu führt, dass die Weibchen immer mehr auf die Hilfe der Männchen angewiesen sind.

Wie bringen sich denn Affenväter in die gemeinsame Kinderaufzucht ein?

Das hängt sehr von der Art ab. Bei Arten, wo die Kinder getragen werden müssen, wie bei den Weissbüschelaffen, übernehmen die Männchen das Tragen. Bei Arten, bei denen das Tragen flexibel organisiert ist, zeigt sich eindrücklich: Je mehr das Männchen die Kinder trägt, desto schneller wird das Weibchen wieder schwanger. Die väterliche Unterstützung ist wirklich eine Entlastung für die Mütter.

Und beim Füttern?

Affenväter füttern eher selten. Aber bei den Krallenaffen, die in Südamerika leben und viele Insekten essen, können wir das beobachten. Die Kleinen müssen lernen, wie man Insekten fängt. Wenn die Männchen ein grosses Insekt gefangen haben, rufen sie die Kinder. Sie bieten ihnen das Insekt an. Bei Fleischfressern sehen wir das auch, bei Katzenartigen zum Beispiel.

Eine Schimpansenmutter hält ihr männliches Junges im Arm. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Mutterfreuden: Bei Schimpansen ist die Betreuung des Nachwuchses meist Aufgabe des Weibchens. Imago

Und wie sieht es bei unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen, aus? Beschützen, füttern und tragen die?

Bei den Orang-Utans im Freiland sehen wir kein solches Verhalten, bei unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen, ist es auch höchst selten und bei den Gorillas beschützt der Silberrücken seine Gruppe aber macht sonst nicht viel anderes.

Das bedeutet, die Eigenschaft des fürsorglichen Menschenvaters hat sich ganz unabhängig von unseren nächsten Verwandten entwickelt?

Ja, die Vaterrolle ist erst entstanden, nachdem sich die menschliche Stammlinie abgetrennt hat. Aber es ist schwierig, die Ereignisse zu rekonstruieren. Da muss man spekulieren. Als unsere Vorfahren von den Bäumen gestiegen sind, hat sich das Jagen und Sammeln entwickelt: Sie mussten lernen, mit Werkzeugen zu hantieren, was sie überhaupt sammeln und welche Wurzeln sie ausgraben können. Und wie man kocht und so. Die kleinen Kinder sind hilflos. Sie können das nicht einfach von Geburt an. Ihre Abhängigkeit von den Eltern hat sich über Generationen immer mehr zementiert.

Damit spielt in der Entwicklung des Menschen natürlich auch die Schwarmintelligenz und die Weitergabe von Wissen an die nächste Generation eine Rolle ...

Ja, und das ist wieder ein neuer Prozess: Diese Kultur wird komplexer und komplexer und die Werkzeuge werden immer komplizierter und vielfältiger. Das bedeutet auch, dass es immer schwieriger wird diese Techniken zu lernen. Das Gehirn wird dafür immer grösser und braucht immer länger um sich zu entwickeln. Die Eltern müssen sich folglich immer länger um den Nachwuchs kümmern.

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Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftsmagazin «nano» des Senders 3sat. Die Sendung wird unter Beteiligung von ARD, ZDF, ORF und SRF realisiert.

Würden Sie sagen, dass die klassisch biologische Vater-Funktion – etwa die Schutzfunktion – beim Menschenvater überflüssig geworden und die Vaterrolle vor allem kulturell determiniert ist?

Ja, durchaus. Beispiel Kindstötungen. Wenn das passiert, bestätigen sich oft die Vorhersagemuster aus der evolutionspsychologischen Theorie: Der leibliche Vater ist nicht da und der neue Mann, der Stiefvater, der zur Familie stösst, kümmert sich nicht um das Kind. Er kann sogar aggressiv werden. Und schlimmstenfalls das Stiefkind töten. Aber das alles passiert sehr, sehr selten und wir haben auch Institutionen, die die Kinder davor schützen sollen. Man könnte also in der Tat sagen: Die Kultur hat die Biologie überflüssig gemacht.

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