Backstage Was passiert vor und nach dem «Tagesgespräch»?

Freitagabend, 17. März 2017, Museum für Kommunikation in Bern: Beim Publikumsevent von «Hallo SRF!» im Rahmen der Museumsnacht trifft Radiomoderatorin Susanne Brunner auf zwei Stammhörer. Und eine Frage. Um sie zu beantworten, muss Brunner in wenigen Minuten ihren Redaktionsalltag beschreiben.

Susanne Brunner am Mikrofon. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Susanne Brunner: Im Wechsel mit Marc Lehmann moderiert sie das halbstündige «Tagesgespräch». SRF

Beim Speed Talk von «Hallo SRF!» an der Museumsnacht in Bern am 17. März 2017 setzte sich mir gegenüber ein Paar hin. Er vielleicht Mitte 50, sie etwas jünger. Sie waren gekommen, um mir eine einzige Frage zu stellen: «Was passiert eigentlich vor und nach dem ‹Tagesgespräch›»?

«  Sie erzählten mir, dass sie die Radiosendung fast täglich hörten, und sich dabei immer wieder fragten, wie die Moderatorin und der Moderator jeden Tag mit einem anderen Gast so kompetent über ein neues Thema reden können.  »

Ich hatte vier Minuten Zeit, ihre Frage zu beantworten, und das tat ich etwa so:

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Ihr Themenvorschlag

Redaktion bei einer Besprechung

In der Rubrik «Backstage» schreiben SRF-Mitarbeitende über Erlebnisse aus ihrem Berufsalltag. Eine Übersicht aller Kolumnen finden Sie hier. Und worüber möchten Sie eine Backstage-Geschichte lesen? Schreiben Sie uns.

Für die Vorbereitung eines «Tagesgesprächs» – fünf sind es pro Woche – haben Marc Lehmann und ich zwei Tage Zeit. Die Zeitrechnung beginnt mit der Wochenplanung: Jeweils am Donnerstag suchen wir nach möglichen Themen und Gästen für die kommende Woche, machen in Absprache mit unseren Fachredaktionen und mit dem Produzenten oder der Produzentin eine erste Liste, beginnen Gäste einzuladen.

Was so einfach klingt, ist es oft gar nicht: Es gibt nicht für jeden Tag gute Vorschläge, oder ein eingeladener Gast hat keine Zeit. Manchmal gibt es mehrere Absagen (immer mit Bedauern, denn die allermeisten freuen sich über eine Einladung ins «Tagesgespräch»), bis wir eine definitive Zusage haben.

Nächster Schritt: Organisation der Technik. Wir arbeiten noch mit einem Tontechniker, entweder im Studio oder beim Gast. Fast gleichzeitig bitten wir unsere Kolleginnen und Kollegen, uns eine Dokumentation zum Thema, zum Gast zusammenzustellen, Bücher aus der Bibliothek zu bestellen.

«  Dann beginnt die eigentliche Vorbereitung. Lesen. Lesen. Und nochmals lesen, abends, am Wochenende, im Zug. Denken. »

Mit Leuten reden, die den Gast kennen, sich mit dem Thema besonders gut auskennen. Einen möglichen Gesprächsfaden ausdenken, den der Gast oder seine Medienstelle meist sehen möchte. Fragen festlegen geht bei einer Live-Sendung nicht, da kann alles passieren.

Der Sendetag. «Rendez-vous»-Sitzung um 8.30 Uhr. Erst dann wird festgelegt, ob der Gast, das Thema noch passen. Oder ob ein Ereignis uns zwingt, die Sendung umzustellen, den eingeladenen Gast wieder auszuladen, einen neuen zu suchen. In diesem Fall müssen wir uns in kürzester Zeit in ein neues Thema einlesen, ein neues Gespräch entwerfen, Technik aufbieten für eine Sendung an einem anderen Ort.

«  So schnell umstellen kann nur, wer viel liest, Erfahrung hat, und Nerven. »

Einen bereits eingeladenen Gast wieder auszuladen, ist nie einfach. Wir nehmen uns selbst in der Hektik die Zeit, die Situation zu erklären, sodass er oder sie bei nächster Gelegenheit gerne wieder zusagt.

Die Sendung läuft manchmal noch, da kommen bereits die ersten E-Mails. Die wir fast alle selbst beantworten. Schriftlich, oft auch telefonisch, weil sich im Gespräch Missverständnisse am schnellsten klären lassen und allfälliger Ärger schneller verdampft.

13.30 Uhr, das «Tagesgespräch» ist fertig. Der Gast staunt, dass die 25 Minuten schon vorbei sind, wir reden noch, über die Sendung oder auch über das, was nicht gesagt wurde ... Mittagspause, durchatmen, dann nächstes Thema, nächsten Gast suchen, vorbereiten, organisieren.

Kurzer Szenenwechsel: Interviewkurs am MAZ.

«  Wir fragen die Teilnehmenden, die meisten von Privatradios, wie lange sie im Alltag Zeit haben, um ein Interview vorzubereiten. Mehr als eine halbe Stunde? Niemand.  »

Eine halbe Stunde? Vielleicht zwei. Zehn Minuten? Die meisten. Das reicht nicht einmal, um ein kürzeres Interview als das «Tagesgespräch» seriös vorzubereiten.

Das weiss auch das Paar, das mir in der Museumsnacht in Bern gegenübersitzt. Der Gong ertönt. Die Redezeit ist um. Frage beantwortet? Die beiden strahlen mich an, bedanken sich. Und sie staunen, dass bei Radio SRF nur zwei Personen so viel vor und nach dem «Tagesgespräch» machen.