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«Il Ritorno in Patria» nach einer Erzählung von W. G. Sebald
Aus Hörspiel vom 24.07.2021.
abspielen. Laufzeit 49:34 Minuten.
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Hörspiel Premiere: «Il Ritorno in Patria» von W.G. Sebald

Wer nach langer Zeit nach Hause kommt, landet oft genug erst recht in der Fremde. Diese Erfahrung ist eines der grossen Themen des deutschen Dichters W.G. Sebald gewesen. Aus einer seiner persönlichsten Erzählungen ist nun ein Hörspiel entstanden: «Il Ritorno in Patria».

Ein Ausgewanderter kehrt nach 30 Jahren zurück in seine Heimat, ins kleine Allgäuer Dorf Wertach. Er will überprüfen, «ob das, was in meiner Fantasie von diesem Ort noch existiert, tatsächlich auffindbar ist». Einzig seiner Schulfreundin Anna gibt er sich zu erkennen, sie lebt noch immer im gleichen Haus wie damals. Gemeinsam beschwören die beiden die Welt der Kindheit, und der Besuch gerät zur Reise ins Totenreich.

Die Landschaft bei Wertach
Legende: Die Landschaft bei Wertach Der Ort der Rückkehr zVg / Ralf Bücheler

Sie treffen auf Wiedergänger wie den Onkel Peter, der dem Pfarrer eine Waldkanzel bauen will, damit der den Bäumen predigen kann. Oder die Schwestern Babett, Bina und Mathild, die ein Café führen, in das nie jemand hineingeht. Auch die anderen Figuren – Bauern, Holzknechte, ein Landarzt und viele mehr – scheinen einem heimelig-unheimlichen Volkstheater entstiegen zu sein. Tragikomische Gestalten allesamt, gezeichnet vom Leben, auch der Erzähler. Und zu allem Überfluss begleitet ihn während der ganzen Reise ein gespenstischer Schatten, ein Doppelgänger, der sich mit düsteren Vorhersagen zu Wort meldet. Am Ende stirbt ein Jäger, ein krankes Kind kommt gerade noch mit dem Leben davon – und eine unerwartete Einsicht treibt den Ausgewanderten zum zweiten Mal zur Flucht aus der Heimat.

Anspielung auf Monteverdi-Oper

«Il Ritorno In Patria» ist die letzte Geschichte von Sebalds Erzählband «Schwindel.Gefühle», seinem ersten grossen Erfolg, erschienen 1990 in Hans Magnus Enzensbergers «anderer Bibliothek». Der Titel spielt auf die Monteverdi-Oper «Il ritorno d’Ulisse in patria» an – und wie in der Odyssee, kehrt auch hier ein Mann nach langer Zeit unerkannt in eine Welt zurück, die sich grundlegend verändert hat: ins Dorf seiner Kindheit.

Die Erzählung bildet den Schlusspunkt eines vierteiligen Geschichtenzyklus: In «Schwindel.Gefühle» begibt sich ein Erzähler auf die Suche nach Gemeinsamkeiten zwischen Henri Beyle (der später als Stendhal Weltruhm erlangen sollte), Franz Kafka und der eigenen Biographie. Auf einer Irrfahrt durch die für alle drei Figuren prägende oberitalienische Seenlandschaft untersucht der Reisende Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Biographien, geht literarischen Bezügen und Motiven nach, gibt sich der Einsamkeit und der Melancholie des Reisens hin. In jenem überreizten Zustand, der Alleinreisende unweigerlich irgendwann erfasst, entschliesst sich der Erzähler «nach England zurückzukehren, zuvor aber noch, auf eine gewisse Zeit nach W. zu fahren, wo ich seit meiner Kindheit nicht mehr gewesen war.»

Winfried Georg Sebald

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W.G. Sebald, der seine allzu deutschen Vornamen Winfried und Georg allenfalls als Initialen ertrug und sich von seinen Freunden Max nennen liess, wird 1944 im Allgäuer Dorf Wertach geboren. Aufgewachsen im ländlichen Idyll der Voralpen weitab von Nazi-Herrschaft und Weltkrieg wird ihm als jungem Mann das Herkunftsland zur unheimlichen Heimat – und Sebald wandert aus, zunächst in die Schweiz, später nach England. Als Professor für Germanistik lässt er sich in Norwich nieder. Seine Spezialgebiete sind die Probleme der literarischen Übersetzung und die deutschsprachige Literatur des 19. Jahrhunderts. Erst um das vierzigste Lebensjahr herum beginnt Sebald eigene literarische Texte zu veröffentlichen. Er entwickelt seinen ganz eigenen Stil aus Text-Bild-Montagen und langen, perfekt komponierten Satzlandschaften. Seine Themen: Die Katastrophen des 20 Jahrhunderts, Emigration, Erinnerung. Sebald wird im angelsächsischen Raum eher entdeckt als im deutschsprachigen. Frühe Werke wie «Nach der Natur» oder «Schwindel.Gefühle» finden hierzulande zunächst nur vergleichsweise wenige Leser. Das ändert sich mit «Die Ausgewanderten», vor allem aber mit «Die Ringe des Saturn» und «Austerlitz». Als Sebald am 14. Dezember 2001 bei einem Autounfall in England ums Leben kommt, gilt er als Anwärter für den Literatur-Nobelpreis.

So beginnt «Il Ritorno In Patria», die sicherlich persönlichste Erzählung W.G. Sebalds. Dennoch gilt es Erzähler und Autor auch hier noch sauber zu trennen, unterwirft Sebald doch auch die Autobiographie jenem Verfremdungsverfahren, mit dem er sich auch alle anderen Biographien in seinen Werken aneignet: Das der melancholischen Überzeichnung.

Vom Text zum Hörspiel

Die grosse Herausforderung bei der Hörspielbearbeitung von «Il Ritorno In Patria» war der richtige Umgang mit Sebalds vielschichtiger Motivik: So mussten behutsam die zahlreichen literarischen Bezüge, die die Geschichte mit den anderen Stories in «Schwindel.Gefühle» verbinden, gelöst werden – zugunsten einer Konzentration auf das Erzählen einer Geschichte und ihrer Kernthemen: Heimat, Exil, Rückkehr, Erinnerung.

Eine zweite grosse Frage war die nach Sebald selbst. Wie erzählt man eine autobiographische Geschichte, ohne Erzähler und Autor zur Deckung zu bringen? Eine solche Identifikation nämlich hätte Sebald selbst bestimmt auch abgelehnt. Hier war die Stimme W.G. Sebalds die Lösung, der zu Lebzeiten gern gehörter Gast in etlichen Radiosendungen war. Aus diesen Aufnahmen wurde für das Hörspiel die Figur jenes namenlosen Wanderers gestaltet, der dem Erzähler immer wieder als geisterhafter Doppelgänger begegnet und ihn in Gespräche verwickelt.

Sebald-Texte sind wunderschöne Sprachgefüge, die Erinnerungen, Geschehnisse, Bilder, Gefühle und Gespräche zu einem harmonischen und homogenen Gesamtkunstwerk zusammenfügen – ein Eindruck, den manche Kommentatoren als «typischen Sebald-Sound» bezeichnen. Dennoch entsteht manchmal der Wunsch, durch den Schleier der Sprache die Ereignisse selbst erleben zu können, von denen erzählt wird. Diesem Wunsch haben die Autoren nachgegeben und Szenen imaginiert, die in ihrer Lebendigkeit einen Gegenpol zum überlegten Erzähler bilden.

Es spielen: August Zirner (Erzähler), Crescentia Dünsser (Anna Ambroser), Paul Bartdorff (Max), Catalina Bartdorff (Anna, jung), Monica Anna Cammerlander (Bedienerin), Christian Heller (Holzknecht), Jürg Kienberger (Dr. Piazolo), Händl Klaus (Tiroler Polizist), Karl Knaup (Bauer Erd), Martin Ostermeier (Zollbeamter), Mona Petri (Fräulein Rauch), Seraphina Schweiger (Romana), Gabi Striegl (Rezeptionistin) sowie W. G. Sebald (Wanderer)

Musik: Cico Beck
Tontechnik: Basil Kneubühler
Dramaturgie: Wolfram Höll
Hörspielbearbeitung und Regie: Ralf Bücheler und Johannes Mayr
Produktion: SRF/ORF 2021
Dauer: ca. 55'

Hörspiel;

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