Zum Inhalt springen

Gesundheit Ärzte-Gutachten: IV spart auf Kosten der Patienten

Neue Vorwürfe in der Affäre um das Basler Begutachtungsinstitut ABI: Die Gutachten seien oft sehr patientenfeindlich. Davon profitieren die Versicherungen, denn sie sparen damit Millionen.

Legende: Video 26.09.06: Ärzte-Gutachten: IV spart auf Kosten der Patienten abspielen. Laufzeit 06:07 Minuten.
Aus Kassensturz vom 26.09.2006.

Nach ihrem Autounfall vor fünf Jahren schickte die Versicherung Sonja Greier in das Ärztliche Begutachtungsinstitut ABI in Basel. Doch mit der Begutachtung stimmt etwas nicht: Ein Spezialist, der für das ABI ein Untergutachten schrieb, stellte darin fest, dass die Arbeitsunfähigkeit von Frau Greier 50 Prozent betrage. Im Schlussgutachten der ABI zu Handen der Versicherung beträgt die Arbeitsunfähigkeit nur noch 40 Prozent.

Jemand hat das Gutachten abgeändert, und zwar ohne Rücksprache mit dem Spezialisten. Die Folge: Sonja Greier erhält von der Haftpflichtversicherung rund 100'000 Franken weniger. Bereits letzte Woche berichtete «Kassensturz» über zwei Frauen, deren Gutachten vom ABI abgeändert wurden. ABI-Geschäftsführer Simon Lauper bestritt im «Kassensturz»-Studio die Vorwürfe. Die Änderungen seien in Absprache mit den Spezialisten gemacht worden.
Jetzt melden sich Basler Ärzte zu Wort und kritisieren die Gutachten des ABI. Der Hausarzt und Internist Urs Beat Gröflin sagt: «In den letzten zwei Jahren wurde die Schraube zu Ungunsten der Patienten immer enger angezogen. Mir liegen Gutachten des ABI vor, in denen ich meine eigenen Patienten nicht wiedererkenne.»

Das ABI ist eine private Firma. Im ABI arbeiten externe Spezialisten, die Untergutachten erstellen. Seit seiner Gründung vor 5 Jahren ist das ABI immer grösser geworden. Es verfasst pro Jahr rund 650 Gutachten, jedes kostet mehrere tausend Franken.
«Wie das jüngste Beispiel von ABI zeigt, schicken die Versicherer die Betroffenen vor allem zu jenen Gutachtererstellern, die versicherungsfreundlich entscheiden», sagt die Zürcher Patientenanwältin EvalottaSamuelsson.

Ein happiger Vorwurf. Die Gutachter-Firmen sind finanziell von den Versicherungen abhängig. Diese bezahlen die Gutachten.

Gutachter würden nicht nur aus medizinischer Sicht entscheiden, sagt der Präsident des Schweizer Hausärzteverbands Hansueli Späth. Denn der politische Druck sei in den letzten Jahren massiv gestiegen. «Es wird immer schwieriger, etwas durchzubringen, das Kosten verursacht. Ich bin überzeugt, dass sich dies auch auf die Gutachterstellen auswirkt und diese genötigt sind, mehr als früher gegen die Patienten zu entscheiden. Das ist eine logische Folge der heutigen Politik», sagt Späth.
Die IV übe keinen Druck aus auf die Gutachter, sagt IV-Chef Alard du Bois-Reymond. Wegen der Vorwürfe an das ABI habe die IV noch keine Massnahmen eingeleitet. «Wir wollen unabhängige Gutachten von guter Qualität, bei denen Fachleute mit dabei sind. Und bisher stimmt die Qualität der ABI», sagt du Bois-Reymond.

Und der Leiter des ABI, Simon Lauper, hält schriftlich fest: «Das ABI ist einzig der medizinisch-objektiven Wahrheit verpflichtet und erstellt in keiner Weise Gefälligkeitsgutachten, weder zugunsten der Versicherungen noch zugunsten der Versicherten.

2015: Maulkorb für Kassensturz

Nach Strafklagen, mit denen das Ärztliche Begutachtungsinstitut ABI «Kassensturz» eingedeckt und allesamt verloren hat, urteilte das Bundesgericht: «Kassensturz» hat im Wesentlichen korrekt berichtet. Das höchste Gericht macht aber zwei kleine und absurde Einschränkungen. Und genau wegen diesen Einschränkungen muss der Beitrag nun vom Netz. Mehr

Kassensturz vom 19.09.06:

Kassensturz vom 19.09.06:

Das Ärztliche Begutachtungsinstitut ABI in Basel soll Expertisen von Gutachtern eigenmächtig abgeändert haben. Mehr