«Lernen liegt in meinem Naturell»

Die 38-jährige Sonja Sutter profitiert in der Lehre zur Medizinischen Praxisassistentin von der jugendlichen Gelassenheit ihrer deutlich jüngeren Mitschülerinnen. Diese wiederum bauen auf Sonja Sutters Erfahrungen als diplomierte Masseurin.

Steckbrief

Name:
Sonja Sutter
Alter:38
Ursprünglicher Beruf:
Coiffeuse
Lehre als:
Medizinische Praxisassistentin
Lehrbeginn:2013
Lehrbetrieb:Praxis Dr. med. Johannes Geymayer, Zimmerwald
Grösste Herausforderung:Eine so grosse Menge an gelerntem Stoff im Gedächtnis zu behalten.

Fazit:
Endlich wieder gute Arbeits-Aussichten.
Tipp: Drei Jahre durchbeissen ist nicht so hart, wie jahrzehntelang unzufrieden zu sein.

Eigentlich hatte Sonja Sutter ihren Traumberuf gefunden: Nach einer Lehre als Coiffeuse und einigen Jahren Berufserfahrung sattelte sie um und liess sich zur Berufsmasseurin mit Diplomabschluss ausbilden. Vier Jahre lang knetete sie in verschiedenen Wellness-Zentren die verspannten Rücken stressgeplagter Menschen. Doch das Schicksal wollte es anders: Eine Entzündung in der Schulter zwang Sonja Sutter dazu, ihren Beruf als Masseurin an den Nagel zu hängen.

«Was sind schon drei Jahre?»

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Mit Mitte 30 musste sich Sonja Sutter also neu orientieren. «Aufgrund meiner Ausbildung als Masseurin war für mich klar, dass ich im medizinischen Bereich bleiben wollte», erinnert sich Sutter. «Und klar war auch, dass ohne Lehre die Aussichten auf gute Arbeitsbedingungen nicht sehr rosig sein würden. Ich sagte mir: Was sind schon drei Jahre? Schliesslich habe ich noch mehr als drei Jahrzehnte Berufsleben vor mir.»

Es folgten Termine bei der Berufsberatung und eigene Recherchen im Internet. «Ich musste bei der Auswahl auch auf meine eingeschränkte Schulter Rücksicht nehmen.» Irgendwann stand fest, dass Sonja Sutter eine Lehre zur Medizinischen Praxisassistentin machen würde – in einer kleinen Arztpraxis in Zimmerwald.

Runterschalten!

Insbesondere das erste Lehrjahr sei für sie enorm anspruchsvoll gewesen, sagt Sonja Sutter, die im Sommer 2016 mit der Lehre fertig sein wird. 13 Fächer und manchmal alle 45 Minuten ein neues Thema – das sei sie sich von ihren früheren Ausbildungen nicht gewohnt gewesen. Lernen tue sie aber sehr gerne, sagt die heute 38-Jährige. «Das liegt in meinem Naturell.» Sie werde daher auch mal als Streberin bezeichnet.

Nach dem ersten halben Jahr an der Berufsschule musste sie sich jedoch eingestehen, dass sie einen Gang runterschalten musste: «Ich merkte, ich würde mich kaputt machen, wenn ich so weitermachte.» Also nahm sich Sonja Sutter ein Beispiel an ihren rund 20 Jahre jüngeren Mitschülerinnen: «Man kann es auch mal gelassener nehmen und muss nicht immer alles bis ins letzte Detail lernen.»

Kolleginnen schätzen ihre Erfahrung

Freundinnen fürs Leben wird Sonja Sutter an der Berner Berufsfachschule für medizinische Assistenzberufe (Bemed) kaum finden. Das erwarte sie aber auch nicht – zu verschieden seien die Freizeitinteressen. Es seien vor allem fachliche Themen, die sie mit den Schulkolleginnen bespreche. Und diese bestätigen: «Wir lernen viel mit Sonja Sutter. Sie hat als Masseurin Erfahrung im Umgang mit Patienten und sie kennt sich vor allem gut aus mit Muskeln, Knochen und so weiter.»

Im Sommer geht die 3-jährige Lehre für Sonja Sutter zu Ende. Den Abschlussprüfungen schaut sie mit gemischten Gefühlen entgegen. «Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich im Rückstand bin und noch wahnsinnig viel lernen muss. Aber auch da nehme ich mir ein Vorbild an meinen jüngeren Kolleginnen und lasse mir auch mal was durchgehen.»