Kopfhörer Earbuds: Ein Computer im Ohr lässt nur hören, was wir wollen

Earbuds sind eine neue Generation von Kopfhörern, die mehr können als nur Musik wiederzugeben. Sie passen sich der Umgebung an und lassen uns immer das hören, was wir gerade wollen – so zumindest das Versprechen der Hersteller. Wir haben den «Here One» getestet.

Etwas Grundlegendes haben die Ohrstöpsel der neusten Generation gemeinsam: Sie können Umgebungsgeräusche unterdrücken. Mit den «Here Plus» funktioniert das so gut, dass im Zug oder Tram fast absolute Stille herrscht und man Musik und Podcasts ungestört geniessen kann.

Der Screenshot zeigt verschiedene Lärmfilter der Here One-App - unter anderem "City". Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Den Stadtlärm ausknipsen: Verschiedene Filter für verschiedene Geräuschkulissen. Screenshot

«Noise Cancellation» heisst der Trick dahinter. Er funktioniert so: Mikrophone im Kopfhörer nehmen den Lärm der Umgebung auf. Ein Chip berechnet dann die Anti-Schallwellen dazu. Spielt der Kopfhörer diese Wellen ab, löschen sie den Lärm aus und es herrscht Ruhe. Das ist nicht neu. Kopfhörer, die nach diesem Prinzip funktionieren, sind schon seit Jahren auf dem Markt.

Bei den neuen intelligenten Ohrstöpseln wie dem «Here One» oder dem «The Dash» kann der Benutzer aber die Art der Lärm-Auslöschung genauer bestimmen. Die App zum «Here One» beispielsweise stellt verschiedene Filter zur Verfügung, die auf den jeweiligen Aufenthaltsort abgestimmt unerwünschte Geräusche herausfiltern. Lärm tönt schliesslich nicht überall gleich.

Wem das nicht reicht, kann über einen Equalizer gezielt Frequenzen herausfiltern oder verstärken. Damit übernehmen die «Here One» auch Funktionen, die wir von klassischen Hörgeräten kennen.

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Fitnesstrainer im Ohr

Auf Sensoren setzt auch der deutsche Hersteller Bragi. In seinem «Dash Pro» sind nach eigenen Angaben 27 Sensoren eingebaut, die Daten zum Training sammeln. Daraus lässt sich der Kalorienverbrauch oder die zurückgelegte Distanz berechnen. Die Stöpsel werden so zum Begleiter beim Training und ein Ersatz für die beliebten Fitness-Armbänder.

Der Akustiker Michael Stückelberger denkt, dass die Verschmelzung dieser Technologien Zukunft haben könnte. «Es gibt tatsächlich junge Leute, die einen beginnenden Hörverlust haben, weil sie vielleicht in der Disco zu stark gewütet haben, die damit den Alltag meistern können».

Geräusche ergänzen statt auslöschen

Die eingebauten Mikrophone können auch für andere Dinge eingesetzt werden als nur die Lärmunterdrückung: Steht man im Supermarkt an der Kasse und tippt einen der Ohrstöpsel kurz zweimal an, werden die Mikrophone zugeschaltet. Das Resultat ist verblüffend: Musik oder Sprache im Kopfhörer wird nun mit den Geräuschen der Aussenwelt überlagert. So ist es nicht mehr nötig, für ein kurzes Gespräch die Kopfhörer aus dem Ohr zu nehmen.

Auf dieselbe Art eröffnet so ein Kopfhörer auch ganz neue Möglichkeiten, wie sich Sprache und Geräusche aus der Umgebung mit Tonquellen aus dem Smartphone mischen lassen.

Ein Kopf mit Ohr, darin ein Here One-Knopf und eine Hand, die darauf tippt. Das ganze in einem Kiosk vor der Kasse. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Will man die Umgebungsgeräusche auch wieder hören, genügt ein doppeltes Tippen auf den Knopf. Peter Buchmann / SRF

Doppler, der Hersteller der «Here One», arbeitet zu diesem Zweck zum Beispiel mit Sportclubs zusammen. Besucht ein Kunde mit den Stöpseln im Ohr ein Basketballturnier, hört er nicht nur den Umgebungslärm des Wettkampfes, sondern bekommt zusätzlich einen Kommentar oder Interview-Sequenzen mit den Spielern zu hören.

Doppler hat in den USA bereits verschiedene solcher Kooperationen bekanntgegeben. Auch in Museen sollen die Earbuds schon bald zum Einsatz kommen: Als Ersatz für den Audioführer, der dank Sensoren im Smartphone auch genau weiss, vor welchem Kunstwerk wir uns gerade aufhalten und dazu den passenden Kommentar abspielt.

Simultanübersetzer

Eine weitere neue Möglichkeit bieten die intelligenten Kopfhörer im Zusammenspiel mit der App «iTranslate». Sie verwandelt die Knöpfe in einen Simultanübersetzer für rund 40 verschiedene Sprachen.

Eine Equalizer-Kurve, mit der der Benutzer das Noise-Canceling-Profil anpassen kann. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In der Live Mix-Funktion kann der Benutzer die Lautstärke einzelner Frequenzbereiche absenken oder anheben. Screenshot

Das geht so: Die Mikrophone in den Knöpfen erfassen, was das Gegenüber sagt in einer fremden Sprache, das Smartphone übersetzt und in den Ohrstöpseln hören wir zeitgleich die Übersetzung des Gesagten – in unserer eigenen Sprache. Software, künstliche Intelligenz und viel Rechenleistung machen es möglich.

Rechenleistung braucht Strom und das ist es auch, was die Freude an den «Here One» trübt: Die Akkus halten gerade mal knapp zwei Stunden. Und das bei einem Produkt, das gegen 400 Franken kostet.

Da wird in der Zukunft noch ein wenig Verbesserung nötig sein, wenn wir bald alle mit intelligenten Kopfhörern herumlaufen sollen.

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