Ein Insider packt aus: So gehen die dubiosen Teppichreiniger vor

«Kassensturz» hat mit einem Insider gesprochen, der Einblicke gibt, wie die Teppichbetrüger arbeiten.

Ein Teppichbetrüger versteckt sich hinter einem vorgehaltenen Teppich. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Zum Interview nicht bereit: Ein in flagranti erwischter Teppichbetrüger. SRF

Der «Kassensturz»-Informant arbeitet als Gutachter für Teppiche. Mit dubiosen Teppichreinigern und deren Methoden ist er immer wieder konfrontiert:

  • Welche Masche wenden die Teppichbetrüger an? «Die Leute erscheinen in der Regel gleich am Tag des Anrufs. Sie jubeln die Teppiche in der Wohnung hoch, sagen, dass sie solche wunderbaren, wertvollen Stücke schon lange nicht mehr gesehen hätten. Deren Wert läge bei zehntausenden Franken und sie würden in London auf einer Auktion mindestens 40’000 Franken bringen – aber natürlich nicht im momentanen Zustand mit Mottenschäden oder Abschlüssen, die nicht mehr gut sind. Auch müsste man die Kanten behandeln, damit der Wert erhalten bleibt.»
  • Wieso lassen sich so viele Menschen darauf ein? «Früher betrachtete man solche Teppiche als Wertanlage und Statussymbole. Deshalb sind die Leute nicht erstaunt, wenn jemand kommt und sagt, ihr Teppich sei 10'000, 20'000 oder sogar 50’000 Franken wert – wenn man ihn reparieren würde. Wir bewegen uns ausserdem auf einer Vertrauensebene. Wenn in der Schweiz ein Experte in einem seriösen Fachgeschäft sagt, der Teppich ist voller Milben und Motten, dann haben Sie keinen Grund, dem nicht zu glauben.»
  • Welche Arbeiten führen die Schwindler tatsächlich aus? «Auf dem Auftragsschein ist viel angekreuzt, alle Formen von Dienstleistungen in Bezug auf Reparatur, Restauration und Reinigung. Aber davon wird dann fast nichts oder gar nichts ausgeführt. Denn irgendwann haben die Teppichreiniger herausgefunden, dass viele Kunden gar nicht merken, wenn der Teppich nicht gewaschen ist. Heute werden in vielen Fällen die Teppiche nur ein wenig geschüttelt, vielleicht ein wenig Oberflächen-Shampoonierung gemacht, vielleicht ein wenig parfümiert.

    Manchmal restaurieren sie auch wertlose, ausgediente Teppiche. Die haben vielleicht einen Liquidationswert von 100, 500 oder 1000 Franken. Dann berechnen sie für Restauration und Reinigung 4000 bis 7000 Franken. Sie gaukeln auch Schäden vor – vor allem die berühmt-berüchtigten Motten und Milben, die alles kaputt machen…»

  • Warum konnte den Betrügern nicht schon längst das Handwerk gelegt werden? «Wir sind überzeugt, dass die Dunkelziffer der Opfer bei 90 Prozent liegt – nur etwa zehn Prozent merken den Betrug. Von diesen zehn Prozent trauen sich viele – vor allem ältere Menschen – nicht, die Sache zu melden. Sie schämen sich extrem und wollen nicht, dass der Sohn oder die Tochter etwas mitbekommen. Pro Jahr muss es hunderte, wenn nicht sogar tausende Opfer gehen.»
  • Gibt es neue Betrugsmethoden? «Seit zwei, drei Jahren spielt der Verkauf von Teppichen eine immer grössere Rolle. Die Leute kommen zum ersten Gespräch in die Wohnung und sehen die Raumgrössen. Wenn sie dann wiederkommen, haben sie zufälligerweise eine kleine Auswahl an Teppichen dabei, die genau an die Stellen passen.

    Vermehrt stellen wir auch fest, dass sie gar nicht auf die Reinigung und Restauration eingehen, sondern ein Sonderangebot dabeihaben und für den gebrauchten Teppich 10’000 Franken bieten, obwohl der vielleicht nicht mal 500 Franken wert ist. Der Trick funktioniert so: Sie bieten einen Teppich an für 40’000 Franken. Dann kommen sie dem Kunden entgegen und machen 35’000 Franken oder 30’000 daraus und geben für den alten noch 10’000. Bei vielleicht der Hälfte der Fälle geht der Netto-Netto-Netto-Preis dann zumindest in die Nähe des regulären Listenpreises im Fachhandel. Bei der anderen Hälfte ist er immer noch doppelt so teuer wie im Fachhandel.»

  • Was weiss man über die Betrüger? «Wir stehen heute bei acht, neun Roma-Familien, die sich in der Schweiz verteilen. Es sind deutsche Staatsbürger. Sie operieren mit einer einzigen Ausnahme in wechselnden Ladenlokalen. Sie erscheinen, bleiben ein paar Monate, verschwinden und erscheinen dann irgendwo wieder. Da scheint es ganz klar eine regionale Absprache zu geben, damit man sich nicht in die Quere kommt. Manchmal verlässt der eine ein Ladenlokal und der Nachfolger geht in dasselbe Lokal. Der Umsatz im Reinigungs- und Reparaturgeschäft geht in Richtung zehn Millionen.

    Das ist eine Struktur wie bei der Mafia. In 99 Prozent der Fälle werden die Dienstleistungen bar eingezogen, ungeachtet des Betrags. Da reden wir auch von bis zu 15'000 und in manchen Fällen sogar von bis zu 100’000 Franken. Sie machen ausserordentlichen Druck auf den Kunden, dass er bar zahlen muss. Er wird sogar auf die Bank oder zum Postomat begleitet. Ich befürchte, dass der grösste Teil der Einnahmen bei den Steuern nicht angegeben wird. Die meisten haben zwar Mehrwertsteuer-Nummern gelöst, aber man sieht sie nie auf den Auftragsscheinen. Deshalb sollte man bei hohen Beträgen ab 2000 Franken nie bar zahlen und sich vorab informieren.

    Wenn man die Teppichbetrüger überführen kann und die Polizei kommt, sind sie nicht in der Lage, Geld zurückzuzahlen. Wir haben wirklich den Verdacht, sie haben zu diesem Zeitpunkt das Geld nicht und mussten es abgeben.

    Mit den Namen machen sie ganz bewusst ein Verwirrspiel: Wenn es brenzlig für den Betrüger wird, verschwindet er. Am nächsten Tag ist der gleiche Familienname wieder da – aber ein neues Gesicht und mit einem anderen Vornamen. Die vollen Namen erscheinen weder auf den Prospekten noch auf Dokumenten.»

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