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Werben mit dem Klima «Greenwashing»-Vorwurf: Schweizer Firmen im Fokus

Seit März darf in der Schweiz nichts mehr als «klimaneutral» beworben werden. Die Post und andere machen es trotzdem.

Bei der Post können aktuell Briefe oder Pakete «klimaneutral» versendet werden: Automatisch erscheint beim Onlinedienst ein Kästchen mit Haken. Doch was genau heisst das? Für Kundinnen und Kunden sind solche Aussagen nicht immer klar.

Screenshot eines Lieferdienst-Optionsformulars mit hervorgehobener klimaneutraler Versandoption.
Legende: Screenshot Webseite Post SRF/Screenshot Post

Kommt hinzu, dass der Begriff «klimaneutral» seit März verboten ist: Der Bund buchstabierte das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb (UWG) aus und publizierte die entsprechende Vollzugshilfe. Sie macht deutlich, dass Klimaneutralität faktisch nicht bewiesen werden kann und daher irreführend sei.

«Anders als bei CO₂-Neutralität können Effekte der Klimaneutralität zum Beispiel fürs Wasser oder die Biodiversität nicht gemessen werden», erklärt Chantal Sempach. Sie leitet bei der Stiftung für Konsumentenschutz den Bereich Nachhaltigkeit, Energie und Mobilität und hat sich intensiv mit der Vollzugshilfe des Bundes auseinandergesetzt.

Vielen nicht bewusst, dass sie gesetzeswidrig handeln

Der Konsumentenschutz hat in den letzten Wochen knapp 30 Unternehmen angeschrieben, die mit dem Begriff «klimaneutral» nach wie vor werben. Die Auswahl erfolgte zufällig.

Hier können Sie Fälle von Greenwashing melden

«Rund ein Drittel der Firmen, die wir angeschrieben haben, haben ihre Kommunikation bereits angepasst», sagt Chantal Sempach. «Vielen war nicht bewusst, dass sie gesetzeswidrig handeln. Sie waren froh um den Hinweis.»

Zuerst reduzieren, dann kompensieren

Die neue Vollzugshilfe des Bundes klärt auch, unter welchen Umständen sich ein Unternehmen etwa «nachhaltig» nennen darf: «Eine Firma kann nicht einfach weniger Farbdrucke machen und sagen, sie seien nachhaltig», erklärt Chantal Sempach.

Keine reinen Kompensationszahlungen mehr

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In der Vollzugshilfe ist auch neu geregelt, dass Firmen zuerst eigene CO₂-Emissionen reduzieren müssen, bevor sie den ökologischen Fussabdruck mit sogenannten Kompensationszahlungen ausgleichen: Damit etwa Kleider als nachhaltig gelabelt werden können, muss das Unternehmen in der Wertschöpfungskette tatsächlich weniger Wasser oder Chemikalien einsetzen.

«Es muss wirklich eine deutliche Reduktion im Vergleich zu vor ein paar Jahren oder zu anderen Unternehmen der gleichen Branche sein», so Sempach weiter.

Post und Tilsiter werben mit «klimaneutral»

«Espresso» hat zwei Unternehmen angeschrieben, die der Konsumentenschutz auf seiner Liste hat: Tilsiter rühmt sich damit, als erster Käsehersteller «klimaneutral» zu produzieren.

Zwei Personen in weisser Kleidung neben Kühen auf einer Wiese, halten Käselaiben.
Legende: Screenshot der Webseite von Tilsiter Den Eintrag zur klimaneutralen Produktion hat Tilsiter mittlerweile gelöscht: Es erscheint eine Fehlermeldung. SRF

Just nachdem «Espresso» nachfragt, verschwindet der entsprechende Eintrag auf der Webseite. Im Gespräch bestätigt die Geschäftsleiterin von Tilsiter, man sei erst durch den Konsumentenschutz und SRF auf die neue Vollzugshilfe aufmerksam geworden. Man wolle die Kunden auf keinen Fall täuschen oder gesetzeswidrig handeln.

Stellungnahme Tilsiter

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«Die von Ihnen angesprochene Aussage bezog sich auf ein spezifisches Produkt aus der Tilsiter-Ursprungskäserei auf dem Holzhof. Die entsprechende Zertifizierung wurde 2022 erlangt und bezog sich auf die Produktion dieser Käserei. Es handelte sich nicht um eine Aussage zur gesamten Tilsiter-Produktion. (…)

Die nun veröffentlichte Vollzugshilfe des BAFU konkretisiert die Anforderungen an klimabezogene Angaben. Vor diesem Hintergrund haben wir die entsprechenden Inhalte auf unserer Website vorsorglich ausgeblendet und prüfen derzeit die Auswirkungen der neuen Vorgaben auf bestehende Informationen.

Das betroffene Produkt wird heute nicht aktiv beworben und ist ausschliesslich direkt in der betreffenden Käserei im Käseladen erhältlich, wo es auch nicht als klimaneutral ausgelobt wird.»

Bei der Post sieht es etwas anders aus. «Klimaneutral» findet sich nach wie vor auf der Internetseite, aber auch etwa auf Fahrzeugen oder Briefkästen.

Gelbes Schild mit grüner Aufschrift zu Klima und Ökostrom.
Legende: Briefkastensystem der Post ZVG/Stiftung für Konsumentenschutz

Auf Anfrage betont die Medienstelle, die Post wisse, dass man noch nicht am Ziel sei: «Wir haben im ganzen Land 20’000 Briefkästen, dort müssen wir Anpassungen machen, auf den Fahrzeugen ebenso. In einem Logistikbetrieb unserer Grösse braucht das eine gewisse Zeit.»

Auch gebe es in den nächsten Wochen einen komplett neuen Webauftritt. «Das haben wir genutzt, um das Wording entsprechend anzupassen. Wir wollen auf keinen Fall intransparent oder irreführend sein.»

Stellungnahme Post

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«Wir setzen konkrete Massnahmen für mehr Klimaschutz um: Bereits rund 70 Prozent unserer Zustellflotte fahren elektrisch. (…)

Für unsere Kundinnen und Kunden ist wichtig, dass klimabezogene Angaben verständlich, transparent und glaubwürdig sind. Die Post spricht beispielsweise seit 2024 nicht mehr von ‹klimaneutraler Zustellung›, sondern von ‹Zustellung von E‑Fahrzeugen› oder von ‹elektrischer Zustellung›. Auch der Geschäftsbericht 2025 oder die öffentlich zugängliche Unternehmenspräsentation ist angepasst. Die nächsten Änderungen folgen in den kommenden Wochen mit der neuen Website. 

Wir halten selbstkritisch fest, dass wir mit den Anpassungen unserer Kommunikation noch nicht dort sind, wo wir sein wollen. (…) Weitere Anpassungen setzen wir schrittweise um. So beispielsweise Beschriftungen auf gewissen Fahrzeugen oder Briefkästen. Wichtig ist: Wir gehen das Thema systematisch an und sorgen dafür, dass unsere Kommunikation künftig noch klarer und nachvollziehbarer ist. Zudem sensibilisieren wir unsere Mitarbeitenden sowie auch unsere Kundinnen und Kunden für eine transparente Darstellung von Klimawirkungen.»

Warum der «klimaneutrale Versand» nicht jetzt schon wegprogrammiert wurde, bleibt offen. Die Anpassung erfolge mit den aktuellen Schritten, so die Post. Bemerkenswert, weil eigentlich stehe die Post nämlich insgesamt bezüglich Klimaschutz gut da, so Chantal Sempach vom Konsumentenschutz: «Die Post kommuniziert im Allgemeinen sehr gut über ihre Nachhaltigkeitsziele und macht auch sonst sehr viel. Aber auch die Post muss Regeln einhalten.»

Radio SRF 1, Espresso, 18.6.2026, 8:10 Uhr

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